Neulich im IC5 von Biel nach Zürich. Man möchte, aber kann nicht immer weghören…
Nach einer Tour d’Horizon von der Fussball-WM bis zum Krieg in der Ukraine, widmet sich ein Trio im Nachbarabteil innenpolitischen Themen. «Wer will eigentlich neue AKWs?», fragt eine der beiden Frauen, hörbar ratlos. Ihre Mitreisende ergänzt, die Schweizer Bevölkerung habe doch an der Urne ganz klar NEIN gesagt, zudem seien sie ja gar nicht finanzierbar. Worauf der Dritte im Bund trocken erwidert, der Rösti sei eben ein Lobbyist, dem das Volksmehr egal sei.
Auslöser für diese Diskussion dürfte die Schlagzeile auf der Frontseite des Sonntagsblicks gewesen sein, die in grossen Lettern verkündet, Umweltminister Rösti fordere angesichts des aktuellen Hitzesommers: «AKW gegen den Klimawandel!»
Im ersten Moment fragt man sich, ob Albert Rösti nun tatsächlich als kleiner Bruder von Don Quijotte die Klimaerhitzung aufhalten will, und kommt dann schnell zum Schluss, dass er diese wohl eher als willkommenen Vorwand für die Promotion eines seiner Lieblingsprojekte missbraucht.

Im Rahmen des mehrseitigen Interviews, das harmlos mit Fragen nach dem gesundheitlichen Befinden des reskonvaleszenten SVP-Bundesrats beginnt, erhält Rösti eine Gratis-Plattform, die er wie gewohnt geschickt dazu nutzt, seine Politagenda unter Missachtung von Demokratie und Volksentscheiden voranzutreiben.
Seine zentralen Botschaften, die er bereits am Mittwoch zuvor im Rahmen eines Sommerausflugs für Bundeshausjournalist:innen im Verkehrshaus Luzern verkündet hatte: Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur soll weiter Fahrt aufnehmen, inklusive Autobahnausbau – sowie das Pushen von Atomenergie zur Sicherung der künftigen Energieversorgung.
Die Protestaktion der extra zum Rösti-Anlass nach Luzern gereisten Klimaaktivist:innen gegen die Nachlässigkeit der Schweiz bezüglich Massnahmen für den Klimaschutz prallte wuchtig sowohl am Atom- und Öl-Bundesrat wie auch an den Medien ab: Die Anliegen der Klimabewegung, die angesichts der anhaltenden Hitzewelle und Trockenheit mehr als berechtigt sind, fanden kein Gehör.
Stattdessen stellt sich Rösti neuerdings scheinheilig an die Spitze der Klimabesorgten, um die behauptete Notwendigkeit neuer AKWs zu rechtfertigen: Wenn man zum Schutz des Klimas auf fossile Energien verzichte, brauche es zur Sicherstellung der «Energiesicherheit» auch Atomstrom, so seine simple Argumentation.
Atomstrom biete Chancen, so Rösti weiter, «wenn wir eine langfristig sichere Stromversorgung wollen und auf Souveränität und Unabhängigkeit setzen.» Was er dabei allerdings wohlweislich verschweigt: Von Souveränität und Unabhängigkeit kann in Bezug auf Atomstrom keine Rede sein. Da die Schweiz über keine Uranvorkommen verfügt, müssen die für die Kernspaltung notwendigen Brennelemente zu 100 Prozent importiert werden – von «Souveränität und Unabhängigkeit» kann diesbezüglich keine Rede sein.
Was Rösti und Co. bei der aktuellen Debatte um Betriebsverlängerungen oder gar den Bau neuer AKWs weiter unter den Tisch kehren: Es gibt keine langfristig sichere Lösung für die Entsorgung des hochgiftigen Atommülls, weshalb auch die weltweit grössten Versicherungsgesellschaften die Finger vom Atom-Risiko lassen. Umso hirnrissiger ist es, neue AKWs bauen zu wollen und damit noch mehr Risikomüll anzuhäufen, auf dem Generationen von Menschen sitzen bleiben werden.
Doch auch eine soeben publizierte Studie des Paul-Scherrer-Instituts PSI und der ETH Zürich zur Frage, unter welchen Rahmenbedingungen künftig Atomkraftwerke sinnvoll sein könnten, klammert sowohl die Frage der Beschaffung von Brennelementen auf dem Weltmarkt wie auch die ungelöste Entsorgung vollkommen aus. «Eine Kombination aus Solar- und Kernenergie ist gut kompatibel und stärkt unsere Energiesicherheit», fasst Rösti sein Fazit zur Studie im SoBli zusammen. In bundesrätlich einfacher Sprache und auf das von ihm gewünschte Resultat verkürzt, wie wir es von Politikern gewohnt sind.
Seine Zusammenfassung ist allerdings mehr als gewagt, wie ein Blick in die Original-Studie zeigt. Darin kommen die Wissenschaftler:innen unter Einbezug verschiedener Berechnungsmodelle und Szenarien nämlich zum Schluss, dass es für die Energiewende in der Schweiz und die künftige Stromversorgung keine neuen Atomkraftwerke braucht.
Obschon Kernkraftwerke technisch mit einem klimaneutralen Energiesystem vereinbar wären, das von Solar- und Wasserkraft dominiert wird, so die Forscher:innen weiter, kämen die meisten Modelle für den optimalen Energiemix ohne neue AKWs aus.
Das ist eine gute Nachricht, eigentlich auch für die Wirtschaft. Denn finanzierbar wären neue Kernkraftwerke nur mithilfe von Subventionen, so ein weiteres Resultat der Studie.
Trotzdem rufen die Bürgerlichen lautstark nach neuen AKWs und drehen hemmungslos Volksentscheide wie das bestehende AKW-Neubaubverbot wieder zurück. So geschehen in der letzten Sessionswoche vor den Sommerferien.
Bundesrat Albert Rösti hat bereits Anfang Jahr eine Schneise für eine AKW-Renaissance geschlagen, als er anlässlich der Parlamentsdebatte in Aussicht stellte, falls nötig könnte der Bund auch Fördergelder für neue AKWs locker machen…
Noch ist es nicht soweit – und soweit darf es nicht kommen: Das Referendum gegen die Missachtung des 2017 mit grossem Mehr vom Volk angenommenen Verbots für neue AKWs ist bereits am Laufen – und es besteht berechtigte Zuversicht, dass das Volk an der Urne Don Quichotte-Rösti nicht auf den Leim gehen wird.
Derweil gibt sich Rösti gegenüber den aktuellen AKW-Betreibern überaus verständnisvoll und kooperativ: Wie TX-Media am 7. Juli 2026 berichtet, hat Röstis UVEK 2025 eine neue Regelung in Kraft gesetzt, die es den AKW-Betreibern ermöglicht, auch bei Wassertemperaturen von über 25 Grad, erwärmtes Kühlwasser in die Flüsse zu leiten, was früher aus ökologischen Gründen verboten war. Damit dürfte er es sich allerdings mit der grossen Fischer:innen-Zunft in der Schweiz verspielt haben…
AKW-Referendum – jetzt unterschreiben!
Wieviele Stromfresser braucht unser Land?

Das umstsrittene Datacenter in Beringen: Grösser als der Sechseläutenplatz in Zürich…

Bewegte und bewegende Bilder von der Protestaktion anlässlich Röstis Sommer-Offensive in Luzern:



