Israel setzt seinen Vernichtungsfeldzug gegen die UNRWA auch in diesen Tagen ungehindert fort. So stürmten am Montag, 27. Juli israelische Soldaten zum wiederholten Mal das Kalandia Training Centre KTC im besetzten Ostjerusalem. Sie setzten Tränengas ein, legten den Unterricht lahm und hielten Lehrer, Verwaltungspersonal sowie Auszubildende in einer Halle fest, während israelische Beamte die Räumlichkeiten des Zentrums systematisch fotografierten.
Das 1953 gegründete KTC ist das älteste Berufsbildungszentrum für palästinensische Flüchtlinge. Heute bietet es Platz für 330 Auszubildende aus dem ganzen Westjordanland, die zwischen 16 verschiedenen Berufsrichtungen wählen können – von der Schreinerei über Automechaniker bis zur Fachperson für erneuerbare Energien, Design oder IT.
Doch nach der Zerstörung des UNRWA-Hauptsitzes in Ost-Jerusalem und der Schliessung der dortigen UNRWA-Grundschulen droht Israel nun unverhohlen auch mit der Beschlagnahmung und Vernichtung dieser für die palästinensische Bevölkerung und Wirtschaft zentralen Institution. Dies, obschon das Areal 1950 der UNO vom jordanischen Staat zur Verfügung gestellt worden ist und es deshalb gemäss internationalem Recht diskussionslos Immunität und Schutz vor dem Zugriff der israelischen Behörden beanspruchen darf.
Doch um den Schutz der von der UNRWA betriebenen oder unterstützten Bildungseinrichtungen ist es bekanntlich schlecht bestellt. Die von Israel hartnäckig verfolgte Strategie, die Schulen pauschal des Antisemitismus zu bezichtigen und zu behaupten, diese würden zur Vernichtung Israels aufrufen, wird von westlichen Politiker:innen bis heute ungeprüft verbreitet und als Argument für die finale Zerschlagung der UNRWA ins Feld geführt.
«Das Bildungsnarrativ ist die hartnäckigste und gesellschaftlich wirksamste Form der Kritik an der UNRWA», schreibt dazu der israelisch-deutsche Forscher und Filmemacher Alon Sahar in seinem äusserst lesenswerten Bericht über die von Israel angeheizte internationale Kampagne gegen die UNRWA.
Auch Schweizer Politiker:innen, allen voran die in der «Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel» organisierten Parlamentarier und Parlamentarierinnen, greifen in ihren Attacken gegen die URNWA immer wieder auf dieses Argument zurück.
Dabei hat die israelische Bildungswissenschaftlerin Nurit Peled-Elhanan schon vor Jahren aufgezeigt, dass Israel genau das, was es den Bildungseinrichtungen der UNRWA vorwirft, an den eigenen öffentlichen Schulen selber praktiziert – nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Während im palästinensischen Geschichtsunterricht selbstverständlich die Nakba und deren Folgen ein zentrales Thema sind, kommt der Begriff Palästina in israelischen Schulbüchern gar nie vor, wie die mittlerweile emeritierte Wissenschaftlerin im Mai dieses Jahres in einem ausführlichen Interview auf +972 ausführte:
«Sie werden nie als Menschen oder als Gesellschaft dargestellt – ihre Kultur, ihre Gewohnheiten, ihre Bräuche, ihre Geschichte, ihre Zivilisation werden nie vermittelt. Sie werden stets als ein Problem dargestellt, das es zu lösen gilt – sogar in den Büchern der sogenannten neuen Historiker, in denen sie zwar erwähnt werden, aber auf rassistische Weise.
Ich denke, das ist die allgemeine Haltung: Die Palästinenser, die nie als solche bezeichnet werden, sondern bloss als ‘Araber Israels’ oder einfach als ‘Araber’, sind ein Problem, das wir lösen müssen. Vor einigen Wochen sagten einige Pogromisten: ‘Ihr habt uns beigebracht, dass sie ein Problem sind, das gelöst werden muss. Also lösen wir es.’»
Nurit Peled-Elharan skizziert in eindrücklichen Worten die Tragweite des rassistisch geprägten, anti-palästinensischen Lehrplans an den israelischen Schulen, wo den Kindern von klein auf jüdische Überlegenheit und die Unfehlbarkeit der israelischen Armee in die Köpfe gepflanzt wird.
Noch krasser ist das Weltbild, das an den ultra-orthodoxen Schulen in Israel vermittelt wird, die zwar vom Staat mitfinanziert sind, ihre Lehrpläne aber selber bestimmen. Mit drastischen Folgen, wie ein peinlicher Auftritt der 26jährigen Odeya Pinto in der israelischen TV-Reality-Show «Power Couple» zeigt: Die ultraorthodoxe Influencerin mit gegen 300’000 Follower:innen auf Instagram musste vor laufenden Kameras eingestehen, dass sie keine Ahnung hat, wer Yitzhak Rabin war.

«Unsere Haredi-Schulen haben es möglich gemacht», kommentiert die Journalistin Merav Alma Sever den Vorfall in der israelischen Zeitung Haaretz: «Die Unwissenheit der jungen Frau ist kein Zufall, und so peinlich sie auch sein mag, sie ist auch nicht ihre Schuld. Sie ist das Produkt eines Landes, das diese Unwissenheit mit der einen Hand fördert, während es sie mit der anderen verspottet.»
Ihre Kritik: Der israelische Staat subventioniere in grossem Stil orthodoxe Schulen, deren Lehrpläne keiner Kontrolle unterliegen. Es erstaunt nicht, dass in diesen Schulen, wo rechtsextremes und rassistisches Gedankengut noch stärker als in den staatlichen Schulen zur Tagesordnung gehört, weder das Osloer Abkommen noch der Friedensnobelpreisträger Rabin und dessen Ermordung 1995 durch einen orthodoxen Attentäter ein Thema ist.
Die Ultra-Orthodoxen sind in Israel längst kein Randphänomen mehr: Ihre nicht-staatlichen, orthodoxen Schulen haben in Israel aktuell immensen Zulauf. Laut Angaben des Israel Democrat Institute beträgt der Anteil der Haredi-Schulen im hebräischsprachigen Schulsystem nicht weniger als 27 Prozent. Von den Erstklässlern besuchen bereits 31 Prozent der Schüler:innen in Israel eine ultraorthodoxe Schule.
Bildung, Wissen und Nicht-Wissen prägen nicht nur unser Weltbild, sondern auch unser Handeln. Die Tatsache, dass bei uns die UNRWA-Bildungsinstitutionen nach wie vor als Brutstätten des Terrorismus gebrandmarkt werden, während man bei Israels rassistischem Apartheid-Bildungssystem beide Augen zudrückt, wirft ein übles Licht auf unsere scheinbar objektiven Informationskanäle .
Kinder und Jugendliche sind den Bildungssystemen weitgehend ausgeliefert – im Gegensatz zu unseren Politiker:innen und Medienschaffenden, die eigentlich über alle Mittel verfügen, um sich selber ein realistisches Bild der Situation zu machen, wenn sie nur wollten.
Weiterführende Infos:
Die Psychotherapeutin Avigail Abarbanel (1964) verliess Israel 1991, um ihr Studium in Australien fortzusetzen. Als Reaktion auf die 2. Intifada verzichtete sie auf ihre israelische Staatsbürgerschaft, 2012 publizierte sie ihr Buch «Beyond Tribal Loyalties», in welchem sie 25 jüdische Friedensaktivist:innen porträtiert, die sich gegen die zionistische Vormachtspolitik Israels engagierten.
Abarbanel, die heute in Schottland lebt, zieht in ihrer Analyse der israelischen Gesellschaft die gleichen Schlüsse wie Nurit Pered-Elharan – zwei sehr unterschiedliche Methoden, die gleichen erschreckenden Aussagen.
Hier ein aktuelles Webinar der engagierten Psychotherapeutin, die Klartext schreibt und spricht:








