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Bitterer Abschied des UNRWA-Direktors

Bereits im August 2025 hatte UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini angekündigt, dass er auf Ende März 2026 von seinem schwie­rigen Amt zurück­treten werde. Nun ist es soweit. In den letzten Wochen hat der unermüd­liche Fürsprecher für das UNO-Hilfswerk noch einmal alle Argumente in die Waagschale gelegt, um vor dem drohenden endgül­tigen Todesstoss für die UNRWA zu warnen.

«Während die Welt um einen Ausweg aus der Gaza-Krise ringt und der US-israe­lische Krieg gegen den Iran sich auf die gesamte Region auszu­breiten droht, bin ich zutiefst besorgt über die Zukunft der Palästinaflüchtlinge sowie unsers etablierten multi­la­te­ralen Systems», schreibt der engagierte Schweizer Diplomat in seiner Abschiedsbotschaft.

In eindrück­lichen Worten weist er darauf hin, dass die UNRWA schon bald Geschichte sein könnte – «mit verhee­renden Folgen für Millionen von Flüchtlingen und für Frieden und Stabilität in der Region». Es brauche jetzt eine breite, entschlossene Koalition, die nicht nur für das Palästinenserhilfswerk, sondern ganz allgemein für das Völkerrecht und multi­la­terale Zusammenarbeit einstehe und diese verteidige, schliesst er seinen Aufruf, der unter anderem als Gastbeitrag auch in den Zeitungen von TX-Media abgedruckt wurde.

Viel mehr war in den Deutschschweizer Medien dieser Tage über Lazzarinis Engagement als Schweizer Direktor des UNO-Hilfswerk nicht zu hören und zu lesen. Sie verzich­teten mehrheitlich auf eine Würdigung oder Einordnung seiner Arbeit. Wie bei der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese lautet ihre Devise auch in Bezug auf die UNRWA und Lazzarini: Skandalisieren oder totschweigen.

Mit Ausnahme der SRG, die den UNRWA-Direktor aus Anlass seines Rücktritts dieser Tage zum Interview lud: Das Westschweizer Fernsehen RTS strahlte bereits am 23. März prominent in der Hauptausgabe des Téléjournal vom 23. März ein Gespräch mit Philippe Lazzarini aus, und am 30. März folgte ein Beitrag im Echo der Zeit.

In beiden Sendungen nimmt der abtre­tende UNRWA-Direktor kein Blatt vor den Mund und spricht von Wut, Trauer und Bitterkeit in Bezug auf die Entwicklungen – insbe­sondere seit dem Oktober 2023. In Gaza seien in den letzten zweieinhalb Jahren fast 400 seiner Kolleg:innen getötet sowie 80 Prozent der UNRWA-Infrastruktur zerstört worden, fasste Lazzarini zusammen. Als Beispiel für die neuen Hürden, die dem Hilfswerk auferlegt wurden, nannte er die von Israel beschlos­senen UNRWA-behin­dernden Gesetze und deren Verbannung aus Ostjerusalem, obschon der von Israel besetzte Stadtteil unter inter­na­tio­nalem Recht steht.

Beschämende Rolle der Schweiz 
Hinzu komme die prekäre finan­zielle Situation, führte Lazzarini weiter aus: Die UNRWA musste ihre Engagements in den letzten Wochen um weitere 20 Prozent zurück­fahren, weil ihr das Geld auszu­gehen droht. Dies mit drasti­schen Folgen für Millionen von palästi­nen­si­schen Geflüchteten im Libanon, in Jordanien, Syrien, Gaza und dem Westjordanland. Die UNRWA springt überall dort ein, wo Israels Vertreibungs- und Aushungerungspolitik Menschen an den Rand drängt und leistet unent­behr­liche, überle­bens­wichtige Arbeit sowohl bei der Nahrungsmittelversorgung, wie auch in Gesundheitszentren oder in Schulen und Berufsbildungsstätten.

Tatsachen, die als Folge von Israels Verleumdungspropaganda auch in der Schweiz oft nicht wahrge­nommen werden. «Was mich am meisten schmerzte war die Abwesenheit der Schweiz, als es darum ging, das inter­na­tionale Recht zu vertei­digen», antwortete Lazzarini dem RTS-Journalisten auf die Frage, wie er als Schweizer mit der negativen Haltung der Schweizer Politik ihm und der UNRWA gegenüber umgehe. So hätte die Schweiz zum Beispiel die die Möglichkeit gehabt, so der Diplomat weiter, eine Konferenz über die Genfer Konvention zu organi­sieren, was sie nicht getan habe.

Den Grund für die «äusserste Zurückhaltung» der Schweiz im israe­lisch-palästi­nen­si­schen Konflikt, trotz der gravie­renden Völkerrechtsverletzungen, führt Lazzarini auf die parla­men­ta­rische Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel zurück, die als grösste Organisation dieser Art starken Einfluss auf die Positionsbezüge der Schweizer Regierung ausübe.

Zusätzlich gestärkt wurde der Einfluss dieser Lobbygruppe für Israel, als ihr promi­nentes Mitglied Ignazio Cassis 2017 in den Bundesrat gewählt wurde: Auch nach seinem Rücktritt aus der Parlamentariergruppe hat der frisch gekürte Aussenminister nie einen Hehl aus seiner pro-israe­li­schen Haltung gemacht. Kaum im neuen Amt, leitete der Israelfreund umgehend eine Kehrtwende in der Schweizer Aussenpolitik in Bezug auf die Nahost-Politik und Palästina ein.

Israel-Freund Cassis diffa­miert UNRWA
Für Schlagzeilen sorgte Cassis erstmals nach seinem bundes­rät­lichen Antrittsbesuch in Jordanien, wo er 2018 in Begleitung des damaligen UNRWA-Direktors Pierre Krähenbühl ein palästi­nen­si­sches Flüchtlingslager besucht hatte. Seine Feststellung gegenüber den Medien, die UNRWA sei «Teil des Problems» im Israel-Palästina-Konflikt, sorgte damals inter­na­tional für heftige Kritik (ausser in Israel). Der Gesamtbundesrat sah sich damals bemüssigt, die Wogen zu glätten und zu versi­chern, dass die Schweiz nach wie vor hinter der UNRWA und einer Zweistaatenlösung stehe.

Das hinderte Cassis jedoch nicht daran, sich weiterhin wann immer möglich auf die Seite Israels zu stellen und die UNRWA zu diffa­mieren. Als der Schweizer UNRWA-Direktor Pierre Krähenbühl 2019 einem Verleumdungskomplott ausge­setzt war und deshalb von seinem Posten als UNRWA-Direktor zurück­treten musste, erhielt er von Aussenminister Cassis und der Schweiz keinerlei Unterstützung. Im Gegenteil: Das EDA stellte damals umgehend die Zahlungen an die UNRWA ein und nahm sie erst wieder auf, als Krähenbühl weg war.

Im April 2020 wurde mit Philippe Lazzarini erneut ein Schweizer zum UNRWA-Direktor ernannt. Er startete seinen neuen Job während der Corona-Krise und während der ersten Amtszeit von Trump, der 2019 seine Drohung wahrmachte und die Zahlungen der USA an die UNRWA einge­stellt hatte.

Seither hat sich die Situation für die UNRWA und die Millionen Menschen im Nahen Osten, die von deren Dienstleistungen und Unterstützung abhängig sind, immer weiter verschlimmert. Zum einen, weil Israels inten­si­vierte Terror- und Kriegspolitik seit dem Oktober 2023 dazu geführt hat, dass die Menschen infolge der laufenden Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen mehr denn je von Hilfe abhängig gemacht wurden. Vor allem aber auch, weil die UNRWA durch Israel und ihre Verbündeten syste­ma­tisch verleumdet und angegriffen wird. Mit dem erklärten Ziel, sie zu zerstören.

Auch die Schweiz hatte ihre zugesagten finan­zi­ellen Unterstützungen an die UNRWA in der Höhe von rund 20 Millionen CHF pro Jahr im Nachgang zum Oktober 2023 erneut einge­stellt. Sie gehörte zu jenen Ländern, die besonders lange gezögert haben, ihren Verpflichtungen wieder nachzu­kommen. Und das tut sie bis heute mit faden­schei­nigen Begründungen, indem sie etwa die UNRWA weiterhin der Komplizenschaft mit der Hamas bezichtigt.

Seit 2025 unter­liegen die Schweizer Hilfsgelder an die UNRWA der Auflage, dass sie weder in Gaza noch im Westjordanland einge­setzt werden dürfen, wo sie aktuell am dringendsten gebraucht würden. Zudem hat die Schweiz ihren Beitrag an das Palästinenserhilfswerk halbiert und auf jährlich 10 Millionen CHF reduziert.

Die Verleumdungen gegen das Hilfswerk, das im Nahen Osten über 5 Millionen palästi­nen­sische Flüchtlinge unter­stützt und rund 30’000 Menschen beschäftigt, werden von Schweizer Politiker:innen und Leitmedien hartnäckig in der Welt gehalten und verbreitet. Dies, obschon keine der zahlreichen Untersuchungen die Behauptungen erhärten konnte, dass die UNRWA für das Massaker vom 7. Oktober 2023 eine Mitverantwortung trägt. Und auch der von Israel immer wieder erhobene Vorwurf, von der UNRWA einge­setzte Lehrmittel an Schulen würden antise­mi­tische Propaganda verbreiten, ist längst widerlegt.

Wegen seines Engagements und den klaren Worten, die Philippe Lazzarini zur Situation in Gaza geäussert hat, glauben westliche Regierungen und nicht zuletzt der beken­nende Lazzarini-Gegner Cassis jedoch weiterhin lieber der israe­li­schen Lobby und ihren Propaganda-Agenturen. Das wirkt sich bis heute aus.

Man kann deshalb nur hoffen, dass Lazzarinis Abgang nicht zum defini­tiven Ende der UNRWA führt. Dass trotz der langfri­stigen Ankündigung seines Rücktritts bis heute kein Nachfolger, keine Nachfolgerin ernannt wurde, verheisst nichts Gutes.

Ab dem 1. April wird der britische Diplomat Christopher Saunders interi­mi­stisch das Amt des UNRWA-Direktors übernehmen. Eine «Mission impos­sible», unabhängig von der Erfahrung oder den Kompetenzen des Amtsinhabers, wie Riccardo Bocco, der ehema­liger Professor und Nahost-Experte am Graduate-Institute in Genf, treffend formuliert.


Der totgeschwiegene UN-Folterbericht aus Israel

Seit Oktober 2023 hat Israel Folterung als festen Bestandteil seiner Politik gegenüber Palästinenser:innen etabliert. Ein aktueller UNO-Bericht zeigt die Systematik dieser völker­rechtlich geäch­teten Foltermethoden auf. In den Deutschschweizer Medien war davon weder zu lesen noch zu hören.

Anfang Woche präsen­tierte die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese in Genf ihren jüngsten Bericht über die Situation der Menschen in den von Israel besetzten Gebieten. Unter dem Titel «Folter und Genozid» zeigt die Untersuchung auf, wie Israel syste­ma­tisch völker­rechtlich verbotene Methoden einsetzt, um Palästinenser:innen zu brechen, zu demütigen und letzt­endlich zu vernichten.

Ein erschüt­terndes Dokument, das jedoch in den Deutschschweizer Medien praktisch totge­schwiegen wurde: Weder die «NZZ», noch der «Tages-Anzeiger» oder das «Echo der Zeit» haben darüber berichtet. Dies – einmal mehr – im Gegensatz zur Berichterstattung in der Westschweiz, wo u.a. «RTS», die franzö­sisch­spra­chige Ausgabe des «BLICK» und der «Courrier» das Thema aufge­nommen haben.

Der gut dokumen­tierte Bericht basiert auf über 300 Zeugenaussagen, die von zahlreichen Organisationen vor Ort gesammelt und dem Büro der UN-Sonderberichterstatterin übermittelt wurden. Ihr selber verwehrt Israel bekanntlich den Zutritt nach Gaza, in die Westbank und nach Israel.

Was nichts an den Aussagen und der Qualität des Berichts ändert: Sämtliche Fakten und Recherchen, die in der Studie zitiert werden, sind mit Quellenangaben und weiter­füh­renden Links versehen. Der wissen­schaftlich fundierte Report zeigt auf, wie die seit der Gründung Israels stets prakti­zierten Foltermethoden insbe­sondere seit dem Oktober 2023 weiter­ent­wickelt und norma­li­siert wurden, und gezielt als Instrument zur Erniedrigung und Auslöschung der palästi­nen­si­schen Bevölkerung einge­setzt werden.

Als Beispiel zitiert der Bericht etwa die «Gefängnis-Revolution» des israe­li­schen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir, der am 24. November 2023 verordnet hatte, dass alle als «Terroristen» katego­ri­sierten palästi­nen­si­schen Gefangenen gefesselt in Handschellen, in überfüllten Zellen ohne Licht mit Eisenbetten und Latrinen festge­halten und ununter­brochen der israe­li­schen Nationalhymne ausge­setzt werden.

Die breite Palette von entmensch­li­chenden Foltermethoden, die in israe­li­schen Gefängnissen prakti­ziert werden, ist längst kein Geheimnis mehr. Im Gegenteil: Insbesondere der rechts­extreme Minister Ben-Gvir brüstet sich gerne mit Videos, die zeigen, wie er Gefangene misshandelt und verhöhnt. Zu seinem Programm gehören auch drastische Kürzungen der Essensrationen, was bereits mehrfach zum Tod von Gefangenen geführt hat.

Im Februar 2026 waren laut dem UNO-Bericht 9’245 Palästinenser:innen in israe­li­schen Gefängnissen einge­sperrt. Darunter 1’330 Verurteilte, 3’308 Untersuchungsgefangene, 3’358 sogenannte Administrativhäftlinge, die ohne Gerichtsverfahren festge­halten werden – unter ihnen zahlreiche Kinder – sowie 1’249 Gefangene, die in die Kategorie «unrecht­mässige Kämpfer» fallen.

Sie alle sind Folter ausge­setzt. Das Spektrum reicht, laut den von Albaneses Team gesam­melten Zeugenaussagen, von «Fesseln bis zur Blutung» über «Schläge, Schleifen, Aushungern, Kälteeinwirkung, Verweigerung medizi­ni­scher Versorgung, Angriffe durch Hunde, Einzelhaft, sexueller Missbrauch, erzwun­genes Entkleiden» bis zu «Drohungen, Familienangehörige zu verge­wal­tigen und zu töten».

Israelische Verstösse gegen inter­na­tio­nales Recht
Die UN-Antifolterkonvention von 1984 verbietet völker­rechtlich verbindlich «jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich grosse körper­liche oder seelische Leiden zugefügt werden.» Obschon auch Israel die Konvention unter­zeichnet hat, wurde sie in dessen Gefängnissen nie umgesetzt. Bereits 1987 recht­fer­tigte eine Kommission, dass bei Personen, die von Israel des Terrors verdächtigt würden, zusätzlich zu psychi­schem in begrenztem Umfang auch physi­scher Druck ausgeübt werden dürfe. 1999 segnete Israels Oberster Gerichtshof diese Doktrin der «Notwendigkeit» ab, indem er «spezielle Druckmethoden bei Befragungen» erlaubte, die 2018 zusätzlich erweitert wurden. Das kommt einem Freipass für Folterungen in israe­li­schen Gefängnissen gleich, wie der aktuelle UNO-Bericht zusam­men­fasst: Von den zwischen 2001 bis 2020 über 1’300 einge­gan­genen Anzeigen wegen Folter, hätten gerade mal zwei zu Ermittlungen und keine einzige zu einer Anklage geführt.

Dies, obschon nach dem Völkerrecht das Verbot von Folter und anderer grausamer, unmensch­licher oder ernied­ri­gender Behandlung oder Bestrafung von Menschen absolut gilt. Mit anderen Worten: Für Folter gibt es keine Rechtfertigung, sie ist in jedem Fall ein Verbrechen. Der UN-Ausschuss gegen Folter hatte bereits in seinem Bericht von 2025 festge­halten, Israel verfolge eine «faktisch organi­sierte und weit verbreitete staat­liche Folterpolitik». Ein Vorwurf, den der Albanese-Bericht aufgrund zusätz­licher Recherchen bestätigt und zusätzlich den Zusammenhang zu Israels Genozid-Politik aufzeigt.

Systematische Folter – nicht nur hinter Gefängnismauern
Die Folterungen durch den israe­li­schen Staat beschränken sich nicht auf Gefängnisse und Verhörräume, wie der UN-Bericht weiter festhält. Insbesondere seit Oktober 2023 sei die gesamte palästi­nen­sische Bevölkerung in Gaza, aber auch in der Westbank und in Ostjerusalem, einem ständig wachsenden Druck ausge­setzt. «Israel hat Gaza in ein riesiges Folterlager verwandelt, wo die Menschen nirgends sicher sind – weder in Spitälern, Häusern, Schulen, Flüchtlingslagern, nicht einmal in überflu­teten Zelten. Israel kann überall und jederzeit zuschlagen», fasst der Bericht zusammen. Für das Westjordanland und Ostjerusalem nennt er als zentrales Instrument die allum­fas­senden High-Tech-Überwachungssysteme, die ebenfalls Foltereigenschaften aufweisen würden, «indem sie in den Gemeinschaften ein Klima der Angst schüren, soziale Bindungen unter­graben und indivi­duelle Freiheiten unterdrücken.»

Das Fazit lautet: Die alle Lebensbereiche umfas­senden Folterpolitik Israels gegen die palästi­nen­sische Bevölkerung ist Teil einer weiter­ge­henden Vertreibungs- und Genozidpolitik. Oder, wie der im Bericht zitierte rechts­extreme israe­lische Finanzminister Bezalel Smotrich höhnt: «Sie werden völlig verzweifelt sein, da sie erkennen, dass es in Gaza keine Hoffnung und nichts gibt, worauf sie hoffen könnten, und sie werden nach einer Umsiedlung suchen, um an anderen Orten ein neues Leben zu beginnen.»

Wie die älteren Berichte aus dem Büro der Sonderberichterstatterin, zeichnet sich auch der aktuelle Bericht «Folter und Genozid» durch eine breit abgestützte Quellenlage und unauf­ge­regte Sachlichkeit aus. Umso mehr stellt sich die Frage: Warum findet er kein Echo im «Echo der Zeit»? Warum berichtet nur die franzö­sisch­spra­chige Ausgabe des «BLICK»? Warum kein Wort darüber im «Tages-Anzeiger»?


Ausschnitt aus der Medienkonferenz der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese vom 24. März 2026 in Genf:


Ergänzende Lektüre:

Die israe­lische Menschenrechtsorganisation B’Tselem hat bereits im August 2024 unter dem Titel «Welcome to Hell» einen ausführ­lichen Report über die grausamen Folterpraktiken in israe­li­schen Gefängnissen publi­ziert. Im Januar 2026 hat sie mit «Living Hell» ein Update nachgelegt.

Beide Berichte geben mit zahlreichen Testimonials und Beispielen den betrof­fenen Menschen eine Stimme und verschaffen einen umfas­senden Einblick in die Abgründe des israe­li­schen Foltersystems:


Elbit – der israelische Waffengigant und seine Schweizer Tochter

Israel setzt sein völker­rechts­wid­riges Morden ungehindert fort – mit tatkräf­tiger Unterstützung der USA. Tag für Tag sterben Menschen in Gaza und im Westjordanland durch US-ameri­ka­nische und israe­lische Waffen. Seit drei Wochen hat der Terrorstaat seinen Angriffs- und Eroberungskrieg weiter inten­si­viert und auf den Libanon und den Iran ausgedehnt…

Während in unseren Breitengraden der Iran-Krieg vor allem wegen der Sorgen um steigende Energiepreise für Schlagzeilen sorgt, töten Raketen und Bomben im Nahen Osten nicht nur gewöhn­liche Zivilist:innen ohne Ende, sie zerstören auch Jahrtausende altes Kulturerbe, vergiften ganze Regionen und vernichten Lebensgemeinschaften und Umwelt auf Jahre und Jahrzehnte hinaus.

Dies kümmert die Aggressoren und insbe­sondere die eigent­lichen Kriegsgewinner keinen Deut. Vielmehr dürften sie sich darüber freuen: Die angesichts des allge­meinen Aufrüstungsbooms hohen Gewinne der Rüstungsunternehmen erreichten mit dem US-israe­li­schen Angriff auf den Iran am 28. Februar neue Rekordwerte.

So kletterte etwa der Aktienkurs des grössten israe­li­schen Rüstungskonzerns Elbit Systems Ltd im ersten Quartal 2026 von 584 USD pro Aktie im März 2026 zeitweise auf über 1000 USD, nachdem er sich schon 2025 mehr als verdoppelt hatte!

Die Schweiz verdient an diesen Kriegsgewinnen wacker mit. So hat laut einer Recherche der SP-Plattform Direkt die Pensionskasse der Stadt Zürich mit ihrer Investition von rund 886’000 USD in Elbit-Aktien allein 2025 einen Profit von über einer halben Million USD erzielt.

Die Schweizer Nationalbank SNB hat ihr Elbit-Paket im letzten Jahr sogar weiter aufge­stockt und hielt Ende 2025 rund 80’000 Aktien des umstrit­tenen Rüstungskonzerns, mit einem Wert von rund 46 Millionen USD. Sie liegt damit auf Platz 21 in der Rangliste der grössten Elbit-Investoren, während die UBS mit über 126’000 Elbit-Aktien auf Platz 15 liegt.

Die Verstrickungen unseres Landes mit dem israe­li­schen Rüstungsgiganten gehen aber weit über finan­zielle Kriegsprofite hinaus. So geschäftet die Beschaffungsbehörde der Schweizer Armee Armasuisse seit Jahren mit Elbit und bezieht in grossem Umfang Kommunikations- und Waffensysteme aus Israel. Für Schlagzeilen sorgten diesbe­züglich in den letzten Monaten insbe­sondere die Verzögerungen und Lieferprobleme rund um die Drohne Hermes 900.

Obschon die Schweiz ein kleines Land mit einer überschau­baren Armee ist, scheint sie für den Weltkonzern Elbit eine wichtige Partnerin zu sein. So wichtig, dass man vor sechs Jahren mit der Tochtergesellschaft Elbit Switzerland in Bern sogar eine Schweizer Niederlassung gegründet hat, die 2022 um ein eigenes «Network and Digitization Center» in Uetendorf erweitert wurde.

Im vierköp­figen Verwaltungsrat von Elbit Switzerland sitzen drei israe­lische Staatsangehörige, alle mit Wohnsitz in Israel. Präsidiert wird das Gremium vom ehema­ligen Armasuisse-Chef Jakob Baumann, der seit seinem Ausscheiden aus der Bundesverwaltung die dort geknüpften Beziehungen für seine weitere Laufbahn als Strippenzieher im Rüstungsgeschäft zu nutzen weiss.

CEO war bis vor wenigen Tagen der Schweizer Andreas Cantoni, ein ehema­liger Berufsoffizier, der ebenfalls über reiche Erfahrungen in der privaten Rüstungs- und «Sicherheits»-Industrie verfügt. Er sitzt auch im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft Technik und Armee, die sich als «unabhän­giges Bindeglied zwischen Armee, Beschaffungsbehörden, Wirtschaft und Wissenschaft» versteht.

Laut Auskunft von Elbit Systems Switzerland haben deren Verwaltungsrat und Cantoni «in gegen­sei­tigem Einvernehmen» beschlossen, die Zusammenarbeit per Ende März 2026 zu beenden. Ab dem 1. April 2026 übernimmt Verwaltungsratspräsident Jakob Baumann die Funktion als Executive Chairman interimistisch.

Patrick Muff, der seit Juni 2025 bei der Schweizer Niederlassung von Elbit als Projektmanager fungiert, ist wie Baumann und Cantoni ebenfalls ein ehema­liger Berufsmilitär der Schweizer Armee, wie auch Luftwaffen-Hauptmann Nico Perucchini, der von 2023 bis 2025 als «Country Training Manager» bei Elbit Switzerland für das Training von 20 Spezialisten in «komplexen, sicher­heits­re­le­vanten Systemen» zuständig war.

Von Elbit Schweiz wechselte Perucchini letztes Jahr zur Schweizer Niederlassung des franzö­si­schen Rüstungskonzerns Thales, wo auch Andreas Cantoni, der bisherige CEO von Elbit Schweiz, 14 Jahre lang gearbeitet hat.

Die Verflechtungen zwischen den in der Schweiz tätigen inter­na­tio­nalen Rüstungskonzernen, ihren Schweizer Lieferanten sowie den Behörden, namentlich Entscheidungsträger der Schweizer Armee, sind vielfältig und verfilzt. Dies zeigte schon ein aufschluss­reicher und lesens­werter Artikel in der WOZ vom September 2023. Darin werden unter anderem die Jobwechsel und Mandate von Jakob Baumann, dem aktuellen Verwaltungsratspräsidenten und designierten Geschäftsführer ad interim von Elbit Switzerland unter die Lupe genommen.

«Der Vorteil des Milizsystems in der Schweiz ist, dass man sich kennt und sich vertraut», liess er damals verlauten. Von möglichen Interessenkonflikten wollte er nichts wissen, es gebe kein anderes Land, so Baumann gegenüber der WOZ, «das in der Rüstungsbranche so trans­parent ist wie die Schweiz.»

Eine gewagte Behauptung. Fakt ist, dass wir in der Tat eigentlich genug über die Geschäftstätigkeit von Elbit und ihre tödlichen Auswirkungen auf die Menschen im Nahen Osten wüssten, um deren Aktivitäten in der Schweiz zu verbieten. Unhaltbar ist dabei nicht nur, dass die Schweizer Armee weiterhin Material von Elbit bezieht, einem der Hauptlieferanten des Genozids und Kriegs im Nahen Osten. Wie Recherchen der Republik zeigen, profi­tiert der Elbit-Konzern darüber hinaus vom Know-how und in der Schweiz erfolgten Entwicklungen, etwa in Bezug auf die Drohne Hermes 900:

«Elbit nutzt den Auftrag aus der Schweiz von Beginn an, um seine Drohne auch für zivile Nutzungen zu bewerben. Noch vor dem Zuschlag durch die Schweiz bewirbt ein Promo-Video die Drohne bereits mit Aufnahmen vor dem Schweizer Alpenpanorama. Entstanden sind diese Bilder bei Testflügen. Und das von der Ruag mitent­wickelte System wird explizit als Verkaufsargument ins Feld geführt: Elbit bewirbt die Drohnen als das ‘weltweit erste unbemannte Flugsystem, das für den Flug in einem nicht segre­gierten zivilen Luftraum zerti­fi­ziert ist’.»

Letzte Woche hat der Bundesrat bekannt gegeben, aus Neutralitätsgründen würden keine neuen Exporte von Kriegsmaterial in die USA bewilligt, solange sich diese in einem Krieg mit dem Iran befänden. Wie im Fall von Israel ist aber davon auszu­gehen, dass die angekün­digten Sanktionen möglichst lasch gehalten werden.

Dies aus oppor­tu­ni­sti­schen Gründen wie sie in der Schweiz eine lange Tradition haben. Dazu gehört insbe­sondere auch die Abhängigkeit der Schweiz von US-ameri­ka­ni­schen wie auch von israe­li­schen Waffensystemen und ‑liefe­rungen. Elbit Switzerland ist nur ein Beispiel für die komplexen und selbst­zer­stö­re­ri­schen Verstrickungen der Schweizer Wirtschaft und Politik mit dem völker­rechts­wid­rigen Krieg und Genozid im Nahen Osten.

Das stinkt zwar gewaltig zum Himmel – davon nicht betroffen ist aber offen­sichtlich das Geld, das damit zu verdienen ist. 


Nachtrag:

Am Freitagabend, 20 März 2026 haben Aktivist:innen einen Anschlag auf die Büroräumlichkeiten von Elbit Switzerland an der Seilerstrasse in Bern verübt, wie die deutsch­schweizer Medien erst heute berichten. Laut einem Communique, das die Genfer Zeitung Le Courrier publik machte, bekannte sich das Kollektiv No Tech for Apartheid zur Aktion, mit der Begründung, Elbit müsse seine Tore schliessen. 

Eine Aktion nach dem Vorbild der briti­schen NGO «Palestine Action», deren Aktivist:innen sich regel­mässig Elbit-Standorte im UK vornehmen, um auf die tödliche Mission dieses Konzerns aufmerksam zu machen. Mit einigem Erfolg. 


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