Am 1. Januar 2026 hat die Schweiz den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) übernommen. Die bereits seit langem kriselnde Organisation kämpft nicht nur als Folge des Ukrainekriegs um ihr Überleben. Angesichts des akuten Zerfalls von Völkerrecht und internationaler Diplomatie ist die Rolle der OSZE mehr denn je infrage gestellt.
1994 nach dem Zerfall der Sowjetunion gegründet und mit 57 Mitgliedstaaten laut eigenen Angaben die «weltweit grösste regionale Sicherheitsorganisation», hat sich die OSZE die Förderung von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zur Kernaufgabe gemacht – mit dem Ziel, Sicherheit, Wohlstand und Frieden in Europa und auf der ganzen Welt zu erreichen.
Auch wenn das alles ein bisschen grossspurig tönt: Es ist gut und wichtig, dass Institutionen wie die OSZE weiter existieren und mit aller Kraft darauf hinwirken, dass internationale, friedensfördernde Beziehungen nicht gänzlich der neu angeheizten Aufrüstung, Militarisierung und wachsenden Willkür zum Opfer fallen.
Die OSZE verfügt denn auch über eine Reihe von Institutionen, die dafür eine gute Basis bieten und gute Arbeit leisten. Dazu gehört etwa das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte in Warschau, dessen regelmässige Wahlbeobachtungen, Untersuchungen und Berichte eine breite Palette von Themen abdecken, die für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften unabdingbar sind.
Einen wichtigen Einfluss auf die Geschäfte der OSZE hat jeweils auch das Land, das den jährlich wechselnden Vorsitz inne hat. 2026 ist es wieder einmal die Schweiz: Aussenminister Ignazio Cassis amtet nun 365 Tage lang als Primus unter pares.
Sein vorgelegtes Programm ist gespickt mit wohlklingenden, aber wenig konkreten Schlagworten und Zielsetzungen wie etwa das Engagement für einen dauerhaften Frieden, inklusive multilaterale Diplomatie, die Antizipation von Technologie für eine sichere und humane Zukunft sowie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Handlungsfähigkeit der OSZE.
Insbesondere wolle sich die Schweiz in diesem Jahr für einen «gerechten Frieden in der Ukraine stark machen, dafür plane er auch Reisen in die Ukraine, liess Cassis weiter verlauten. Dabei könne man auf langjährige Erfahrungen als Mediatorin zurückgreifen um Dialog, Vertrauen und Sicherheit zu promoten. Eine Reise nach Moskau hat der Chefmediator bislang allerdings nicht angekündigt. Wer mit den Prinzipien von Moderation vertraut ist, macht schon ein erstes grosses Fragezeichen.
Erinnerungen werden wach an die «Friedenskonferenz für die Ukraine» im Sommer 2024, als Cassis zusammen mit seiner Ex-Kollegin Viola Amherd die halbe Welt – mit Ausnahme der Kriegspartei Russland – auf den Bürgenstock eingeladen hatte. Ausser einer Myriade von Handshake-Fotos und Spesen ist da allerdings schliesslich nichts gewesen.
Dass es mit Cassis Flair und Können für internationale Politik nicht weit her ist, zeigt sich immer wieder. In den letzten Monaten war er praktisch durchgehend auf Tauchstation, als es darum gegangen wäre, die humanistischen Werte der Schweiz zu vertreten und in Bezug auf Völker- und Menschenrechte gegenüber Israels Kriegspolitik oder dem Machtgebaren der USA Kante zu zeigen.
Umso mehr möchte er nun offenbar als OSZE-Vorsitzender glänzen und die Gelegenheit nutzen, sich für Tessin Tourismus ins Zeug zu legen. Wie sonst ist zu erklären, dass das alljährliche OSZE-Ministerratstreffen im Dezember 2026 in Lugano stattfinden soll?
Aber auch inhaltlich vergreift sich der bekennende Israelfreund Cassis bei den Prioritäten für die OSZE: Die erste von vier internationalen Konferenzen, zu denen die Schweiz 2026 im Rahmen ihres Vorsitzes einlädt, ist der «Bekämpfung von Antisemitismus» gewidmet. Sie findet Mitte Februar in St. Gallen statt, wo während zweier Tage sowohl Schweizer als auch internationale Expertinnen und Experten ihre Arbeiten zur Bekämpfung von Antisemitismus vorstellen, wie das EDA in seiner Medienmitteilung schreibt. Das kann man, angesichts der aktuell drängenden Probleme in der OSZE nur als Übersprungshandlung werten, um die heisse Kartoffel Russland/Ukraine nicht anrühren zu müssen.
Prioritär sollen an besagter Konferenz «konkrete Präventionsmassnahmen, die Verbreitung bewährter Praktiken sowie die Rolle des Sports bei der Bekämpfung von Hass und Diskriminierung» vorgestellt und diskutiert werden. Das alles begrenzt auf das Thema «Antisemitismus», also auf die tatsächliche und die gefühlte Diskriminierung von Jüdinnen und Juden .
Angesichts der aktuellen Situation in den meisten OSZE-Mitgliedstaaten – die Schweiz inbegriffen – sind aber andere Minderheiten wie etwa Muslime, Sinti oder Roma mindestens genauso gefährdet und von Rassismus betroffen. Dies weiss man bei der OSZE schon lange, nicht von ungefähr arbeiten dort gleich eine ganze Reihe von Expert:innen, welche die Gefährdung verschiedener Volks- und Religionsgruppen benennen und bekämpfen.
So wurde zum Beispiel die türkische Diplomatin Evren Dagdelen Akgun Anfang 2024 — unter dem OSZE-Vorsitz von Malta — zur persönlichen Beauftragten für die Bekämpfung von Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Muslimen berufen. Zu hoffen ist nun, dass sie diesen Job auch unter der Ägide von Cassis weiterführen kann.
Vielleicht könnte die Schweiz ja von der OSZE diesbezüglich sogar etwas lernen: Es ist höchste Zeit, dass auch hierzulande nicht mehr immer bloss eindimensional auf Antisemitismus fokussiert wird. Tatsache ist nämlich, dass die Diskriminierung und Bedrohung von muslimischen Menschen in unserem Land viel heftiger ist als der vermeintliche Antisemitismus – nur wird dies der Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten.
Der jüngste publik gewordene Fall macht nämlich deutlich, wo die tatsächlichen Hass- und Diskriminierungsprobleme in unserem Land liegen: Die im Januar 2025 von israelfreundlichen Kreisen orchestrierte und von nachgiebigen Entscheidungsträger:innen angeordnete Festnahme des palästinensisch-amerikanischen Journalisten Ali Abunimah war rechtswidrig. Mit einem aktuellen Urteil hat das Zürcher Verwaltungsgericht die gleichlautenden Ergebnisse der parlamentarischen Kommission zu diesem Fall bestätigt.
Das Urteil wirft auch einen Schatten auf die diesjährige OSZE-Präsidentschaft: Der ehemalige Vizepräsident der Parlamentariergruppe Schweiz-Israel mit der Fokussierung auf die Antisemitismusschiene die wahren Probleme in Bezug auf Minderheiten und Rassismus in den OSZE-Mitgliedstaaten. Damit verpasst er schon wieder eine Gelegenheit, die Schweiz als wirksame Promotorin friedensstiftender und ‑sichernder Massnahmen zu profilieren.

