Skip to content

Wenn Scharfmacher den Ton angeben…

Laut Bundesamt für Statistik gehören etwa 18’000 Menschen in der Schweiz einer jüdischen Glaubensgemeinschaft an, dies entspricht gerade mal 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen gehören einer der 18 religiösen Gemeinden an, die im Dachverband des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebunds SIG zusam­men­ge­schlossen sind.

Dessen Geschäftsführer Jonathan Kreutner lässt sich gerne als Stimme der Schweizer Jüdinnen und Juden vernehmen und wird nicht müde, zusammen mit weiteren lautstarken Stimmen aus seinem Umfeld, die angeb­liche Zunahme des Antisemitismus in der Schweiz anzuprangern und über mangelnde Sicherheit und bedroh­liche Diffamierungen von Jüdinnen und Juden in unserem Land zu klagen.

Antisemitismus ist mittler­weile zu einem Kampfbegriff geworden, der darauf abzielt, Kritik an Israels fortdau­erndem Genozid in Palästina im Keim zu ersticken und pro-palästi­nen­sische Aktivitäten zu unter­binden. Dabei gehen die Wortführer:innen, die von sich behaupten, die «Mehrheit der Schweizer Jüdinnen und Juden» zu vertreten, mit Andersdenkenden aus den eigenen Reihen alles andere als rücksichtsvoll um.

«Schweizer Juden als nützliche Idioten der Hamas» titelte etwa Sacha Wigdorovits Mitte November auf seiner Plattform Fokus Israel und zielte damit auf Mitglieder des «Jüdischen Forums Schweiz – Gescher», die sich für eine Aufnahme verletzter Kinder aus Gaza in Zürichs Spitälern engagierten. Für die Hardliner des SIG ist das schon zuviel des Gutmenschentums – nicht einmal Hilfe für unschuldige kriegs­ver­sehrte Kinder lassen sie gelten, aus Sorge um den Schutz des auser­wählten Volkes.

Diese Fraktion der Jüdinnen und Juden, die jegliche Kritik an Israel und dem kolonia­li­sti­schen Zionismus mit Antisemitismus gleich­setzt, hat bei der kürzlich erfolgten Wahl für das neue Präsidium der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ einen deutlichen Sieg errungen: Die laut eigenen Angaben mit über 2’500 Mitgliedern grösste jüdische Gemeinde der Schweiz, wählte an ihrer Generalversammlung vom 8. Dezember bei einer Rekordbeteiligung von 779 Wahlberechtigten mit gut 64% der Stimmen die 51jährige Vizepräsidentin Noëmi van Gelder zur neuen Vorsteherin.

Im Gegensatz zu ihren beiden Konkurrenten, die sich für ein Co-Präsidium beworben hatten, stellte sich van Gelder in der Vergangenheit wiederholt ohne Wenn und Aber hinter Israel. Dies hat ihr den Wahlsieg einge­bracht, darin sind sich sowohl ihre Unterstützer:innen wie die Kritiker:innen einig. «Die grösste jüdische Gemeinde der Schweiz bleibt damit auch in Zukunft fest an der Seite Israels», kommen­tierte denn auch ein zufrie­dener Wigdorovits auf seiner Website.

Die Dominanz der israel­treuen Stimmen in der jüdischen Community bedeutet jedoch noch lange nicht, dass eine Mehrheit der Menschen mit jüdischen Wurzeln diese Position teilt. Verschiedene jüdische Organisationen wie die Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/​Palästina oder das Zürcher Kollektiv Doykait engagieren sich stark in der Solidaritätsbewegung für Palästina, und auch innerhalb der herkömm­lichen jüdischen Gemeinden ist die Stimmung nicht so einseitig Pro-Israel, wie uns aufgrund der Medienberichterstattung sugge­riert wird.

Allerdings werden liberale, weltoffene Gläubige immer stärker aus den tradi­tio­nellen jüdischen Institutionen hierzu­lande verdrängt oder verlassen diese. In meinem Bekanntenkreis gibt es mehrere Menschen aus jüdischen Familien, die der Synagoge mittler­weile den Rücken gekehrt haben. Weil ihre Werte dort nicht mehr vertreten, gelebt werden…

Damit erhalten jene Kreise immer mehr Oberwasser, die sich als Bewahrer und Retter des Judentums aufspielen. Leute notabene, die in der sicheren, behüteten Schweiz aus jedem pro-palästina-Mäuschen einen Antisemitismuselefanten machen, der die Jüdinnen und Juden hierzu­lande bedrohe…

In unserem Familienarchiv gibt es ein altes, vergilbtes Stück Papier, datiert vom 25. November 1938. Zwei Sätze, gerichtet an meine Grossmutter, die den Ausschluss ihres damals 13jährigen Sohns vom Gymnasium besie­gelten: «Auf Grund des Erlasses des Herrn Reichserziehungs-Ministers vom 15.11.1938 sind jüdische Schüler, die z.Zt. eine deutsche Schule besuchen, sofort zu entlassen. Ich habe daher mit dem heutigen Tage Ihren Sohn aus der Berthold-Otto-Schule ausgeschlossen.»

Als er nicht mehr zur Schule gehen durfte, tippte mein Vater auf einer Schreibmaschine, die er wenige Monate zuvor zu seiner Bar-Mizwa erhalten hatte, eine Liste mit den Habseligkeiten der Familie, die sie auf ihrer Flucht nach England mitnehmen wollten. Auch diese Liste befindet sich in seinem Nachlass.

Mein Vater hat nie viel über diese Zeit gesprochen. In welchem Ausmass er als jüdisches Kind mit Jahrgang 1925 in Deutschland echtem Antisemitismus ausge­setzt war, wie sehr er darunter gelitten haben muss… Später hat er jedoch nie darüber geklagt – vielmehr betonte er immer und immer wieder, wieviel Glück er, seine Schwester und die Eltern gehabt hätten, konnten sie doch im Frühjahr 1939 quasi im letzten Moment durch Flucht dem Tod durch die Nazis entkommen.

Fast 80 Jahr später, im Winter 2015, hat der mittler­weile 90-Jährige im Rahmen eines Filmprojekts seinem Enkel Samuel seine Lebensgeschichte erzählt und den Bogen zur Gegenwart geschlagen. Als engagierter Beobachter des Zeitgeschehens sagte er damals, vor dem Hintergrund der zunehmend negativen Stimmung gegenüber Geflüchteten: «Wenn wir heute von Ausländer-Integration sprechen, geht es nie um die Frage, inwiefern die Einheimischen diese Integration auch zulassen.»

Angesichts der wachsenden Spannungen innerhalb der Gesellschaft bestehe die Gefahr, so mein Vater vor zehn Jahren, dass erneut mit dem Finger auf eine Volksgruppe gezeigt werde. Er sah damals bereits kommen, was jetzt Tatsache geworden ist. Diesmal aller­dings nicht, wie in den 1930er Jahren mit Bezug auf Jüdinnen und Juden – seine Sorge galt den musli­mi­schen Menschen in der Schweiz.

In das laute Gejammer über Antisemitismus und die angeb­liche Bedrohung jüdischen Lebens in unserem Land hingegen hätte mein Vater niemals mit einge­stimmt. Auch, weil für ihn Rassismus, Rache und Hass zeitlebens Fremdwörter waren – trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Geschichte. 


«Magdeburg – London – Biel – das Leben meines Grossvaters»
Dokfilm von Samuel Tuor, 2015

video
play-sharp-fill
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.