Skip to content

NZZ: Einst Qualitätszeitung, heute Kampfschrift

Die Zeiten, als die Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung für alle Pflichtstoff war, die sich ver­tieft über das Geschehen im In- und Ausland infor­mieren wollten, sind defi­nitiv vorbei. Besonders krass zeigt sich dies bei der aktu­ellen «Berichterstattung» über Israel, Palästina und den angeb­lich welt­weit gras­sie­renden Antisemitismus, der laut NZZ von der «radi­kalen Linken» befeuert werde.

Jüngstes Beispiel: Der Mordanschlag auf das Chanukkah-Fest am Bondi Beach in Australien, wel­cher der NZZ als Anlass dient, im Serienfeuer aus allen Rohren gegen jede auch noch so leise, berech­tigte Kritik an der israe­li­schen Genozid-Politik zu schiessen. Den Auftakt machte NZZ-Inlandchefin Christina Neuhaus am 16. Dezember mit einem ganz­sei­tigen Kommentar, der sich sowohl inhalt­lich wie sprach­lich im Vergleich zur ein­stigen NZZ-Nahost-Ikone Arnold Hottinger nicht einmal auf beschei­denem Niveau bewegt.

Unter dem Titel «Judenhass, überall» greift Neuhaus zur Keule und holt zu einem Rundumschlag aus – von der Behauptung «Australien hat ein Neonazi-Problem», über die gewagte Taxierung der SP-Gaza-Resolution als anti­se­mi­tisch bis zu Nemo, den sie wegen seiner Rückgabe des ESC-Pokals zum «Beinahe-Star» degra­diert. Auf Infosperber fasst Hannes Britschgi die Zielsetzung dieser unhalt­baren Verknüpfungen tref­fend zusammen: «Einmal mehr darf die bil­ligste, aber unhalt­barste Verkürzung her­halten: Israelkritik ist Antisemitismus.»

Doch damit nicht genug. Schon einen Tag später dop­pelt die NZZ nach – wieder ganz­seitig, diesmal im Feuilleton. Lucien Scherrer über­nimmt von Neuhaus und titelt gross «Faszination des Terrors». Wir lesen über die «Globalisierung der Intifada», die in der Schweiz «unter anderem von den Progressiven Organisationen (Poch) und anderen linken Gruppen popu­la­ri­siert» worden sei, sowie unter dem glei­chen Terror-Titel(!) vom neuen, mus­li­mi­schen Bürgermeister Mamdani in New York, der nicht nur Sozialist sei, son­dern laut Scherrer auch eine auf­fäl­lige Nähe zu anti­se­mi­ti­schen Kreisen pflege.

Weiter geht es im glei­chen Text: Am Donnerstag, 18. Dezember ist das Inland wieder an der Reihe. Ein Scharfmacher-Artikel, ver­fasst von Simon Hehli und Sebastian Briellmann, in wel­chem des Langen und Breiten einmal mehr der Mythos eines von der Linken gepushten und zele­brierten Antisemitismus in der Schweiz behauptet wird.

Simon Hehli, ein lang­jäh­riger Blickjournalist, ist seit Sommer 2014 Inlandredaktor bei der NZZ. Sebastian Briellmann hat seine jour­na­li­sti­schen Sporen als Dauerberichterstatter gegen alles was nach Links und Grün aus­sieht bei der Basler Zeitung und beim Nebelspalter abver­dient, bis ihn die Inlandredaktion der NZZ vor einem Jahr abge­worben hat.

Seinem Ruf als «Rechtspopulist mit viel Wut im Bauch und wenig Grammatik»˚ macht er diese Woche gleich dop­pelt Ehre. Nach der Heraufbeschwörung der Antisemitismus-Gefahren in der Schweiz folgt am Donnerstag gleich der nächste aus­ufernde Artikel, in dem er aus­ge­rechnet dem EDA vor­wirft, Hamas-freund­lich zu agieren und Hilfsgelder an mit der Hamas ver­ban­delte NGOs zu ver­teilen. Der Artikel ist ein ein­ziges Pamphlet, basie­rend auf einem Bericht des von israe­li­schen Lobbyisten geführten Instituts «NGO Monitor» und Vorwürfen der Mitte-Nationalrätin Nicole Barandun, die er mit den Worten zitiert: «Wir hatten schon in der Vergangenheit Probleme mit Hilfswerken, die von der Hamas unter­wan­dert wurden – auch die UNRWA…»

Was Briellmann dabei geflis­sent­lich unter­schlägt: Nicole Barandun ist Präsidentin der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel – jener Gesellschaft also, die kürz­lich auf den sozialen Medien mit der ras­si­sti­schen Parole «Möge das Palästinensertum bald der Vergangenheit ange­hören» für Furore gesorgt hat…

Neben dieser Propaganda-Welle bleibt wenig Platz für Leute, die in der NZZ mit Kenntnis vor Ort über den Nahen Osten schreiben. Rewert Hoffer, der seit Januar 2024 als Nahostkorrespondent für die NZZ aus Tel Aviv berichtet, schreibt vor­wie­gend über inner-israe­li­sche Angelegenheiten. Artikel, wie die aktu­elle Reportage aus dem vor­weih­nächt­li­chen Bethlehem, die auch Einblicke geben in palä­sti­nen­si­sche Lebenswelten, sind selten.

Das war nicht immer so: Vor nicht allzu langer Zeit galt die Nahost-Berichterstattung der NZZ als Massstab für Qualitätsjournalismus. Begründet wurde dieser Ruf durch die Arbeit von Arnold Hottinger, der von 1961 bis 1991 für die NZZ aus dem Nahen Osten berich­tete. Der stu­dierte, sprach­kun­dige Orientalist war ein fun­dierter Kenner der Region, der im Laufe seines Lebens zahl­reiche Bücher über Geschichte, Kultur und Politik im Nahen Osten publizierte.

Auch Victor Kocher, der Nachfolger von Arnold Hottinger als NZZ-Nahostkorrespondent, konnte bei seiner Arbeit auf pro­funde Kenntnisse zurück­greifen: In Zürich hatte er klas­si­sche Philologie und Arabisch stu­diert und war ab 1977 als IKRK-Delegierter unter anderem auch im Nahen Osten stationiert.

«Der NZZ-Leserschaft werden Kochers ana­ly­sie­rende, stets auf­klä­rende und nie pole­mi­schen Beiträge zu den Ereignissen im ara­bi­schen Raum künftig fehlen», schrieb die NZZ in ihrem Nachruf auf den Unfalltod von Victor Kocher: Im Frühjahr 2011 war der damals 58jährige auf einer Wanderung im Wallis aus­ge­rutscht und ver­storben. – Damals hiess der Chefredaktor nicht Gujer.

Ergänzt wurde die Berichterstattung über Palästina und Israel in der Zeit von 2004–2009 durch ein­drück­liche Reportagen von Karin Wenger, die nach einem Studienaufenthalt an der Universität Bir Zeit im Gaza-Streifen lebte und als freie Journalistin arbeitete.

Monika Bolliger, die in Zürich und Damaskus Völkerrecht und Arabisch stu­diert hatte und Arnold Hottinger als ihr grosses Vorbild bezeichnet, wurde 2012 Kochers Nachfolgerin als NZZ-Nahostkorrespondentin. Auch ihre Berichte zeich­neten sich glei­cher­massen durch Faktenkenntnisse, Sachlichkeit und Nähe zum Geschehen aus. 

Massgebend für die Ausrichtung der Nahostberichterstattung der NZZ war ab Mitte der 1990er Jahre deren Auslandredaktor Martin Woker, der nicht nur immer wieder selber aus der Region berich­tete (die er als ehe­ma­liger IKRK-Delegierter bestens kannte), son­dern von 2009 bis 2013 auch das Ausland-Ressort leitete.

Die ein­sei­tige Parteinahme für Israel, welche die NZZ heute cha­rak­te­ri­siert, wäre in der dama­ligen Neuen Zürcher Zeitung ebenso undenkbar gewesen wie die aus­ge­rechnet von Rechtspopulisten immer wieder behaup­tete Verbindung von Antisemitismus mit linkem Radikalismus.

Als Eric Gujer 2013 zum Auslandchef ernannt wurde, machte er gleich mit seinem ersten Samstags-Leitartikel in der NZZ vom 3. August 2013 eine radi­kale Kursänderung in Sachen Nahostberichterstasttung publik: «Israelist ein Ort der Stabilität in einer Region, in der Chaos herrscht», schrieb Gujer damals. Es sei an der zeit, so das Fazit seines Artikels, Israel zu stärken, als Partner «wieder ern­ster zu nehmen und dem «Palästinenserkonflikt» nur die Bedeutung zukommen zu lassen, die ihm wirk­lich zukommt.»

Das war der Anfang vom Ende der fun­dierten Nahost-Berichterstattung. Im März 2015 wurde Gujer Chefredaktor der NZZ – und hat mitt­ler­weile die Nahostberichterstattung zur Chefsache deklariert.

Monika Bolliger, die letzte NZZ-Nahost-Korrespondentin mit den dafür not­wen­digen Kenntnissen von Sprache und Region, kün­digte ihre Stelle bereits im Sommer 2018. 

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.