Gaza steht unter Wasser. Bilder von Regenböen, die der Wind über den zerbombten Küstenstreifen peitscht, überflutete und eingestürzte Zelte – verzweifelte Menschen, bis zu den Hüften im Wasser… Einmal mehr: Wer seine Informationen über den Nahen Osten über unsere sogenannten Mainstream-Medien bezieht, bekommt davon wenig davon mit.
Die erschütternden Bilder erreichen uns praktisch nur über die sozialen Medien und internationale News-Kanäle wie Al Jazeera oder die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA. Ausnahme: Auf Radio SRF berichtete am Donnerstag, 11. Dezember die Leiterin der Auslandredaktion und langjährige Nahost-Korrespondentin Susanne Brunner kompetent und mit Informationen aus erster Hand über die horrenden Zustände in Gaza.
Allerdings schaffte es der sechsminütige Beitrag weder in die Flaggschiffsendung «Echo der Zeit» noch ins «Rendez-vous am Mittag» auf SRF 1 – ausgestrahlt wurde er einzig auf dem wenig gehörten Kanal von SRF 4 News – wer’s verpasst hat, kann den Beitrag auf SRF-Online nachlesen und ‑hören. Es lohnt sich!
Eine mögliche Antwort auf die Frage, weshalb Susanne Brunner mit diesen wichtigen und gut recherchierten Informationen kein Zeitfenster auf SRF 1 erhalten hat, liefert ein anderer Radio-Beitrag – ausgestrahlt im «Echo der Zeit» vom 10. Dezember. Dieser nahm die heftige Diffamierungskampagne gegen die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, an der auch die NZZ mitmischte, zum Anlass für ein Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura. Diese sagte zur Kampagne gegen die Journalistin, die für die ARD aus Tel Aviv berichtet: «Das Beispiel steht für eine Vielzahl von Angriffen und Attacken auf die Meinungsfreiheit und massgeblich auch auf die Pressefreiheit, die es nicht nur in Deutschland zu beobachten gilt, sondern auch weit darüber hinaus.»
Die Vehemenz, mit der Sophie von der Tann, deren Arbeit sich durch Integrität und journalistische Professionalität auszeichnet, attackiert werde, so Nadia Zaboura weiter, sei ein neues Momentum einer Entwicklung, die sich schon seit langen Jahren abzeichne.
Verschiedene Untersuchungen und Befragungen zeigten, dass speziell zum Thema Nahost «die Meinungskorridore enger geworden sind» – nicht nur innerhalb von Redaktionen, sondern insbesondere durch regelmässige Tiraden in Zeitungsspalten und Shitstorms gegen Journalist:innen und ihre Arbeit. Eine Feststellung, die auch auf die Schweiz zutrifft, wie wir seit Monaten immer wieder beobachten.
So war Anfang dieser Woche auch die illegale Enterung des UNRWA-Hauptquartiers in Ostjerusalem durch die israelische Polizei kein Thema in den Schweizer Medien. Weder die Infiltration des Geländes durch bewaffnete Agenten noch das Herunterreissen der UNO-Flagge vom Dach des Gebäudes und deren Ersetzen durch den Davidstern. Dies, obschon (oder weil?) es sich hierbei um eine weitere drastische Verletzung internationalen Rechts durch Israel handelt.
Das Powerplay jener Lobbyist:innen und Politiker:innen, die Israels Genozid-Politik nach wie vor durch alle Böden verteidigen, ist so erfolgreich, dass selbst nüchterne Berichte über die faktischen Zustände in Gaza in unseren Medien keinen oder nur noch am Rande Platz finden. Eine gefährliche Entwicklung, wie Nadia Zaboura ausführt, die zur Folge habe, dass der Journalismus seine Kernaufgaben, «den Transport von geprüften und journalistisch verifizierten Informationen und zeitgleich die Kontrolle von Macht», nicht mehr wahrnehmen könne.
Zum Glück gibt es aber immer noch Medienschaffende, die sich trotz allem Gegenwind nicht einschüchtern lassen. Dazu gehört auch die eindrückliche Reportage von Temps présent (RTS) aus dem «Herzen von Gaza», für welche die Journalist:innen auf beiden Seiten der Trennungsmauer recherchiert und gedreht haben. Der Film zeigt die eklatanten Unterschiede zwischen den Welten der Israelis und jener der Palästinenser:innen in Gaza, wo es nach wie vor an allem mangelt. Dies nicht zuletzt, weil die Besatzungsmacht Israel immer noch kaum Lieferungen von Hilfsgütern zulässt, wie die Reporter:innen vor Ort aufzeigten.
Dies bestätigt auch UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini anlässlich eines ausführlichen Interviews am Doha-Forum in Katar. Seit Mitte November hätten keine UNO-Konvois mehr Gaza erreichen können, sagt Lazzarini: «Das ist äusserst besorgniserregend, weil schon im September über eine Million Menschen ohne ausreichende Lebensmittelversorgung waren, im Oktober waren es 1,4 Millionen, im November 1,7 – was zeigt: Der Hunger breitet sich aus…»
Im Gespräch prangert der Schweizer Diplomat mit deutlichen Worten die Hass-Kampagnen gegen sein UNO-Hilfswerk an, bei der auch Schweizer Medien und Politiker:innen an vorderster Front mitmischen. Er setze alles daran, das UNRWA-Mandat zu schützen und zu erhalten, weil das Ende der Hilfsorganisation katastrophal wäre: «Jeder zweite Mensch in Gaza ist unter 18 – darunter 600’000 Mädchen und Buben im Grundschul- und Sekundarschulalter. Sie alle leben in Trümmern und sind zutiefst traumatisiert. – Wenn wir keine Institution wie die UNRWA mehr haben, die diese Kinder nach dem Waffenstillstand zurück ins Schulsystem bringt, säen wir in der Zukunft nur neuen Extremismus.»
Philippe Lazzarinis wichtige Stimme, seine Analysen und Appelle finden in den Schweizer Medien ebenso selten Echo wie die Berichte über die akutelle Situation in Gaza. Wie Sophie von der Tann, werden auch Lazzarini und die UNRWA von den Schweizer Israel-Sprachrohren seit Jahren plump des Antisemitismus bezichtigt – bis heute, obschon viele Fakten auf oder unter dem Tisch liegen, wenn man sie nur sehen und hören wollte. Das ist gleichermassen gefährlich wie beschämend.
Auszüge aus dem Gespräch mit Philippe Lazzarini anlässlich des Doha-Forums vom 6./7. Dezember 2025 – hörenswert!



