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Propaganda-Botschaft eines Botschafters

«Endlich Hoffnung: Im Gazastreifen hält der Waffenstillstand eini­ger­massen und die Terror-Organisation Hamas hat die noch lebenden Geiseln frei­ge­lassen. Doch das bestia­li­sche Massaker vom 7. Oktober 2023 und der dar­auf­fol­gende Krieg haben Hass gesät und Gräben vertieft…»

Schon die Begrüssungsworte des Moderators zur Samstagsrundschau vom 29. November 2025 liessen erahnen, dass Tibor Schlosser, Israels Botschafter in der Schweiz, von seinem Befrager Dominik Meier keine allzu kri­ti­schen Fragen erwarten musste. Das Ausmass an israe­li­scher Propaganda, das Radio SRF in den fol­genden 30 Minuten unge­fil­tert und unwi­der­spro­chen über den Äther ver­brei­tete, über­traf dann aller­dings noch die düster­sten Erwartungen.

So ant­wor­tete der Botschafter etwa auf die Frage nach den Traumata, die der 7. Oktober 2023 in der israe­li­schen Gesellschaft aus­ge­löst habe, er selber erzit­tere bis heute, ob der «Tatsache, dass dort Frauen ver­ge­wal­tigt und sogar Babys ent­hauptet, ver­brannt wurden…»

Obschon diese vom Botschafter als «Tatsachen» benannten Kriegsgräuel längst als Lügenpropaganda wider­legt und als von israe­li­schen Soldaten in die Welt gesetzte Mythen ent­larvt sind, lässt Journalist Dominik Meier diese Aussage unwi­der­spro­chen stehen und geht sofort weiter, zu seiner näch­sten Frage.

Diese kommt daher, als ob sie ihm vom israe­li­schen Regierungssprecher direkt dik­tiert worden wäre. Originalton Meier: «Hunderttausende Frauen, Kinder und Zivilisten in Gaza, die von der Hamas als Schutzschilder miss­braucht und von Israel bom­bar­diert und mehr­fach ver­trieben wurden», hätten eben­falls Traumata erlitten. Kein Wort aber über die Zehntausenden von Toten, die Zerstörung und Verwüstung, die Israel (nicht nur) in Gaza zu ver­ant­worten hat.

Stattdessen darf Botschafter Schlosser ver­künden, vor 18 Jahren habe die Hamas die Macht in Gaza «mit Gewalt über­nommen». Schon wieder eine Lüge. Auch wenn es vielen Freund:innen der «besten Staatsform der Welt» nicht gefällt: 2006 ist die Hamas in Gaza demo­kra­tisch gewählt worden, mit einer Wahlbeteiligung von 82 Prozent! 

Der Interviewer Meier ist in Gedanken jedoch wohl schon wieder bei seinen Notizen und greift nicht ein. Weiter zur näch­sten Frage, Herr Botschafter!

Es folgen eine ganze Reihe wei­terer (alt­be­kannter) Behauptungen und Aussagen, wie Israel leiste aktuell grosse Hilfe in Gaza und sorge für dessen Bevölkerung oder die UNWRA sei eine Feindin Israels und ver­teile Schulbücher, die zur Vernichtung Israels auf­rufen würden. Nicht fehlen durfte natür­lich auch die Etikettierung des Slogans «From the river to the sea» als anti­se­mi­tisch, genauso wenig wie die absurde Behauptung, Jüdinnen und Juden in der Schweiz würden gezwungen, zu Israel und dessen Kriegspolitik Stellung zu beziehen, respek­tive sich von ihr zu distanzieren.

Ein paar Mal ver­sucht der Journalist, den Botschafter mit auf­ge­li­steten Gegenpositionen aus dem Busch zu klopfen, die der Diplomat jedoch nach allen Regeln des diplo­ma­ti­schen Nichtssagens und Ausweichens kon­tert. Mit Erfolg. Dominik Meiers wie­der­holte, hilflos klin­gende Standardformulierung: «Ich lasse das mal so stehen.»

Nur einmal zeigt der Botschafter Zähne. Auf die Frage, ob die Schweiz Palästina als Staat aner­kennen solle – laut Umfragen die Meinung einer Mehrheit der Schweizer Bevölkerung – sieht sich Meier mit einer hand­fe­sten Drohung kon­fron­tiert: Die Schweiz habe bis­lang klug gehan­delt, so Botschafter Schlosser. Die Anerkennung des Staates Palästina zum jet­zigen Zeitpunkt würde von Israel als «feind­li­cher Akt» emp­funden und mit ent­spre­chenden Massnahmen sanktioniert.

So habe Israel etwa den Vertreter:innen Norwegens im Westjordanland den diplo­ma­ti­schen Status ent­zogen, worauf deren Niederlassung dort geschlossen werden musste. Das gleiche könnte auch den Mitarbeiter:innen der Schweizer Vertretung in Ramallah blühen, falls die Schweiz dem nor­we­gi­schen Beispiel folgen und Palästina als Staat aner­kennen würde.

Auch darauf weiss Dominik Meier nichts zu erwi­dern. Dabei wäre fürs Radiopublikum zumin­dest ein Hinweis hilf­reich gewesen, der klar­ge­stellt hätte, dass Israel mit der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens seit 1967 gegen das Völkerrecht verstösst.

Das Gespräch endet mit diplo­ma­ti­schem Gesäusel über die Gemeinsamkeiten der beiden Kleinstaaten Schweiz und Israel, die sich «sehr ähn­lich» seien: «Unsere beiden Staaten sind hoch­tech­no­lo­gisch ent­wickelt, wir sind inno­va­tive Staaten – der Raum für die Zusammenarbeit zwi­schen den beiden Staaten ist sehr gross…», so der Botschafter, der die Komplizenschaft zwi­schen der Schweiz und Israel weiter stärken möchte.

Das war’s. – Während des dreis­sig­mi­nü­tigen Interviews gab es keine ein­zige Frage zu den täg­li­chen Verletzungen des «Waffenstillstands» durch israe­li­sches Militär, keine Erwähnung der pre­kären Situation in Gaza, wo die obdachlos gebombten Menschen aktuell Kälte und Überschwemmungen aus­ge­setzt sind.

Ausgeklammert wurde auch die Situation im Westjordanland – mit keinem Wort wurde die zuneh­mende Gewalt der Siedler erwähnt, die hem­mungslos palä­sti­nen­si­sche Dörfer und Olivenhaine zer­stören und morden.

Und auch die kalt­blü­tige Erschiessung zweier Männer, die sich bereits ergeben hatten, durch israe­li­sche Soldaten, die diese Woche inter­na­tional in den Medien für Schlagzeilen sorgten, waren kein Thema.

Gut mög­lich, dass der israe­li­sche Botschafter in Bern Bedingungen gestellt hat, über was im Interview geredet wird, und über was nicht. Wir wissen jetzt zwar, dass Tibor Schlosser in einem Kibbuz auf­ge­wachsen ist, gerne Fondue und Raclette isst, Rätoromanisch lernen will und die men­schen­feind­li­chen Verlautbarungen der Netanjahu-Minister Ben-Gvir und Smotrich als pri­vate Aussagen taxiert, die er und sein Ministerpräsident nicht teilt. Zentrale und wich­tige Fragen hin­gegen bleiben offen – nicht zuletzt man­gels Hartnäckigkeit des Interviewers.

Schlimmer noch als die offenen Fragen und die Einseitigkeit der Interviewführung wiegt jedoch der Umstand, dass Botschafter Schlosser seine Propaganda-Lügen unge­hin­dert und ohne Eingreifen des Journalisten über den Sender unseres öffent­lich-recht­li­chen Radios ver­breiten konnte.

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