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Israels Extremisten, ungebremst an allen Fronten

Eigentlich hätte ich zum Jahresende gerne über etwas anderes geschrieben. Doch gerade in den letzten Tagen hat das israe­lische Regime noch einmal einen Gang zugelegt und treibt seine Vertreibungs- und Genozidpolitik auf verschie­denen Ebenen ungebremst voran.

Am Montag, 29. Dezember hat die Knesset mit grosser Mehrheit ein Gesetz verab­schiedet, das die Arbeit der UNRWA in den von Israel unrecht­mässig besetzten Gebieten nun wohl definitiv verun­mög­licht. «Anbieter von Strom, Treibstoff, Wasser, Internet- und Telefondienstleistungen dürfen das UNO-Hilfswerk nicht mehr beliefern», fasst Auslandredaktorin Susanne Brunner auf SRF News die Auswirkungen des Beschlusses zusammen, der laut ihren Einschätzungen «faktisch ein Grounding des Hilfswerks» bedeutet.

Das Gesetz sieht zudem vor, dass die israe­li­schen Behörden Land und Immobilien der UNRWA beschlag­nahmen dürfen. Zur Erinnerung: Bereits am 8. Dezember haben die israe­lische Polizei und städtische Beamte das UNRWA-Hauptquartier in Ostjerusalem geentert, dessen Mobiliar beschlag­nahmt und sämtliche Kommunikationsverbindungen gekappt. Nun erhält diese Aktion im Nachhinein eine durch die Knesset verab­schiedete «Rechtsgrundlage».

Wie einst die Nazis in Deutschland, ist das israe­lische Unrechtsregime schnell zur Hand, wenn es darum geht, mit Verordnungen und Gesetzen seinen Handlungen auf dem Papier eine Scheinlegitimität zu verleihen. Ein Umstand, zu dem die israel­freund­lichen Regierungen im Westen weitgehend schweigen, obschon das erwähnte neue Gesetz, wie in der Vergangenheit bereits getroffene Massnahmen gegen die UNRWA, inter­na­tio­nales Recht nicht nur verletzt, sondern regel­recht verhöhnt.

In Gaza wüten derweil die Winterstürme: Den obdachlos gebombten Menschen in ihren nassen Zelten fehlt es immer noch am Nötigsten, weil Israel die Zulieferung der dringend notwen­digen Hilfsgüter weiterhin bremst. Seit Verkündigung der Waffenruhe Mitte Oktober 2025 hat die israe­lische Armee in Gaza bereits wieder über 400 Menschen getötet – dabei nicht mitge­zählt sind jene Menschen, die aufgrund der menschen­un­wür­digen Bedingungen an Krankheit, Hunger oder Erschöpfung gestorben sind.

Fast 60 Prozent des Gazastreifens sind heute unter israe­li­scher Militärkontrolle, abgegrenzt durch eine gelbe Linie. Wer sich ihr zu sehr nähert oder sie gar betritt, wird von israe­li­schen Soldaten kurzerhand erschossen. Zu den Opfern zählen auch Kinder, die beim Holzsammeln angeblich die Linie überquert haben sollen. Der ganze Osten von Gaza, einst die Kornkammer der palästi­nen­si­schen Enklave, wird aktuell syste­ma­tisch platt­ge­macht – die israe­lische Siedler-Fraktion wartet bereits ungeduldig darauf, dass das Gebiet für ihre Landnahme freige­geben wird.

Doch auch die gewaltsame Vertreibung der ansäs­sigen Bevölkerung aus Städten und Dörfern im Westjordanland hat in den letzten zwei Jahren massiv zugenommen. Und es geht ungebremst weiter: Am 22. Dezember hat das israe­lische Sicherheitskabinett den Bau von 19 weiteren jüdischen Siedlungen auf palästi­nen­si­schem Boden bewilligt. Dieser Schritt helfe, die Gründung eines palästi­nen­si­schen Staates zu verhindern, begründete Israels rechts­extremer Finanzminister Bezalel Smotrich, der zusammen mit Israels Verteidigungsminister Israel Katz für den Entscheid verant­wortlich zeichnete.

Wie bereits in der Vergangenheit, haben UN-Generalsekretär Antonio Guterres und die Präsident:innen verschie­dener Länder den völker­rechts­wid­rigen Bau immer neuer jüdischer Siedlungen im besetzten Westjordanland verur­teilt. Doch ohne wirksame Sanktionen gegen die Täterschaft bleiben solche Worte Schall und Rauch, die vom israe­li­schen Regime in den Wind geschlagen werden.

In den drei Jahren seit der Machtübernahme der aktuellen Regierung hat diese im Westjordanland insgesamt 69 neue jüdische Siedlungen bewilligt und darüber hinaus mit weiteren Massnahmen den Weg für eine Annexion des gesamten palästi­nen­si­schen Gebiets durch Israel vorbereitet.

Das jüngste Beispiel ist der erwei­terte Zutritt für israe­lische Besucher:innen zu «Josefs Grab». Diese Gedenkstätte befindet sich in Nablus, wo laut bibli­scher Überlieferung Abraham seinen Bund mit Gott geschlossen hat. Ein Ort, der nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für christ­liche Gläubige sowie für Muslime und Samariter von Bedeutung ist.

Nach orthodox-jüdischer Lesart sollen an diesem Ort die Gebeine des Propheten Josef und seiner beiden Söhne begraben sein – nach musli­mi­scher Überlieferung handelt es sich jedoch um das von Grab Sheikh Yussef Dawiqat, einem islami­schen Geistlichen aus dem Mittelalter. Fakt ist, dass es weder für die eine noch für die andere Geschichte Belege gibt, die aktuelle Gedenkstätte datiert aus dem Jahr 1868.

Nichtsdestotrotz beanspruchen Juden die Pilgerstätte für sich allein, die in der ausschliesslich unter palästi­nen­si­scher Verwaltung stehenden Zone A des Westjordanlands liegt. Nachdem es wiederholt zu gewalt­samen Zusammenstössen zwischen jüdischen Pilgern und einhei­mi­schen Palästinensern gekommen war, führte die israe­lische Regierung ein Bewilligungsverfahren ein, wonach die Gläubigen nach Voranmeldung bei Einbruch der Nacht bis morgens um 4 Uhr die Grabstätte besuchen und dort ihre Rituale durch­führen können. 

Eskortiert von der israe­li­schen Armee, bringen seither schuss­si­chere Busse regel­mässig wallfah­rende Israelis, die aus Sicherheitsgründen nicht auf eigene Faust in die Zone A fahren dürfen, nach Nablus. Dort sorgen israe­lische Soldaten dafür, dass die Pilger ungestört durch die Strassen, die zum Gedenkort führen, marschieren können: Vor der Ankunft der Busse werden die Einheimischen jedes Mal mit Waffengewalt ausge­lagert und dürfen erst wieder in ihre Häuser zurück, wenn die Religiösen wieder abgezogen sind.

Künftig dauert das bis in den Morgen hinein: Die israe­lische Regierung erlaubt den Wallfahrer:innen neu, bis um 8 Uhr morgens zu bleiben, damit sie auch noch das Morgengebet am «heiligen Ort» verrichten können.

Der Entscheid, den Verteidigungsminister Israel Katz zusammen mit zwei Rechtsaussen-Siedlerpolitikern und in Absprache mit dem Militär getroffen habe, wurde von Seiten der Extremisten entspre­chend gefeiert. «Wir kommen vorwärts», verkündete ein Vertreter der radikal-religiösen, natio­na­li­sti­schen Partei Sukkot auf X. Und fügte unter Verwendung des hebräi­schen Namens für Nablus hinzu: «Sechem wird eine gänzlich jüdische Stadt – so Gott will.» 

Wenn Scharfmacher den Ton angeben…

Laut Bundesamt für Statistik gehören etwa 18’000 Menschen in der Schweiz einer jüdischen Glaubensgemeinschaft an, dies entspricht gerade mal 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen gehören einer der 18 religiösen Gemeinden an, die im Dachverband des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebunds SIG zusam­men­ge­schlossen sind.

Dessen Geschäftsführer Jonathan Kreutner lässt sich gerne als Stimme der Schweizer Jüdinnen und Juden vernehmen und wird nicht müde, zusammen mit weiteren lautstarken Stimmen aus seinem Umfeld, die angeb­liche Zunahme des Antisemitismus in der Schweiz anzuprangern und über mangelnde Sicherheit und bedroh­liche Diffamierungen von Jüdinnen und Juden in unserem Land zu klagen.

Antisemitismus ist mittler­weile zu einem Kampfbegriff geworden, der darauf abzielt, Kritik an Israels fortdau­erndem Genozid in Palästina im Keim zu ersticken und pro-palästi­nen­sische Aktivitäten zu unter­binden. Dabei gehen die Wortführer:innen, die von sich behaupten, die «Mehrheit der Schweizer Jüdinnen und Juden» zu vertreten, mit Andersdenkenden aus den eigenen Reihen alles andere als rücksichtsvoll um.

«Schweizer Juden als nützliche Idioten der Hamas» titelte etwa Sacha Wigdorovits Mitte November auf seiner Plattform Fokus Israel und zielte damit auf Mitglieder des «Jüdischen Forums Schweiz – Gescher», die sich für eine Aufnahme verletzter Kinder aus Gaza in Zürichs Spitälern engagierten. Für die Hardliner des SIG ist das schon zuviel des Gutmenschentums – nicht einmal Hilfe für unschuldige kriegs­ver­sehrte Kinder lassen sie gelten, aus Sorge um den Schutz des auser­wählten Volkes.

Diese Fraktion der Jüdinnen und Juden, die jegliche Kritik an Israel und dem kolonia­li­sti­schen Zionismus mit Antisemitismus gleich­setzt, hat bei der kürzlich erfolgten Wahl für das neue Präsidium der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ einen deutlichen Sieg errungen: Die laut eigenen Angaben mit über 2’500 Mitgliedern grösste jüdische Gemeinde der Schweiz, wählte an ihrer Generalversammlung vom 8. Dezember bei einer Rekordbeteiligung von 779 Wahlberechtigten mit gut 64% der Stimmen die 51jährige Vizepräsidentin Noëmi van Gelder zur neuen Vorsteherin.

Im Gegensatz zu ihren beiden Konkurrenten, die sich für ein Co-Präsidium beworben hatten, stellte sich van Gelder in der Vergangenheit wiederholt ohne Wenn und Aber hinter Israel. Dies hat ihr den Wahlsieg einge­bracht, darin sind sich sowohl ihre Unterstützer:innen wie die Kritiker:innen einig. «Die grösste jüdische Gemeinde der Schweiz bleibt damit auch in Zukunft fest an der Seite Israels», kommen­tierte denn auch ein zufrie­dener Wigdorovits auf seiner Website.

Die Dominanz der israel­treuen Stimmen in der jüdischen Community bedeutet jedoch noch lange nicht, dass eine Mehrheit der Menschen mit jüdischen Wurzeln diese Position teilt. Verschiedene jüdische Organisationen wie die Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/​Palästina oder das Zürcher Kollektiv Doykait engagieren sich stark in der Solidaritätsbewegung für Palästina, und auch innerhalb der herkömm­lichen jüdischen Gemeinden ist die Stimmung nicht so einseitig Pro-Israel, wie uns aufgrund der Medienberichterstattung sugge­riert wird.

Allerdings werden liberale, weltoffene Gläubige immer stärker aus den tradi­tio­nellen jüdischen Institutionen hierzu­lande verdrängt oder verlassen diese. In meinem Bekanntenkreis gibt es mehrere Menschen aus jüdischen Familien, die der Synagoge mittler­weile den Rücken gekehrt haben. Weil ihre Werte dort nicht mehr vertreten, gelebt werden…

Damit erhalten jene Kreise immer mehr Oberwasser, die sich als Bewahrer und Retter des Judentums aufspielen. Leute notabene, die in der sicheren, behüteten Schweiz aus jedem pro-palästina-Mäuschen einen Antisemitismuselefanten machen, der die Jüdinnen und Juden hierzu­lande bedrohe…

In unserem Familienarchiv gibt es ein altes, vergilbtes Stück Papier, datiert vom 25. November 1938. Zwei Sätze, gerichtet an meine Grossmutter, die den Ausschluss ihres damals 13jährigen Sohns vom Gymnasium besie­gelten: «Auf Grund des Erlasses des Herrn Reichserziehungs-Ministers vom 15.11.1938 sind jüdische Schüler, die z.Zt. eine deutsche Schule besuchen, sofort zu entlassen. Ich habe daher mit dem heutigen Tage Ihren Sohn aus der Berthold-Otto-Schule ausgeschlossen.»

Als er nicht mehr zur Schule gehen durfte, tippte mein Vater auf einer Schreibmaschine, die er wenige Monate zuvor zu seiner Bar-Mizwa erhalten hatte, eine Liste mit den Habseligkeiten der Familie, die sie auf ihrer Flucht nach England mitnehmen wollten. Auch diese Liste befindet sich in seinem Nachlass.

Mein Vater hat nie viel über diese Zeit gesprochen. In welchem Ausmass er als jüdisches Kind mit Jahrgang 1925 in Deutschland echtem Antisemitismus ausge­setzt war, wie sehr er darunter gelitten haben muss… Später hat er jedoch nie darüber geklagt – vielmehr betonte er immer und immer wieder, wieviel Glück er, seine Schwester und die Eltern gehabt hätten, konnten sie doch im Frühjahr 1939 quasi im letzten Moment durch Flucht dem Tod durch die Nazis entkommen.

Fast 80 Jahr später, im Winter 2015, hat der mittler­weile 90-Jährige im Rahmen eines Filmprojekts seinem Enkel Samuel seine Lebensgeschichte erzählt und den Bogen zur Gegenwart geschlagen. Als engagierter Beobachter des Zeitgeschehens sagte er damals, vor dem Hintergrund der zunehmend negativen Stimmung gegenüber Geflüchteten: «Wenn wir heute von Ausländer-Integration sprechen, geht es nie um die Frage, inwiefern die Einheimischen diese Integration auch zulassen.»

Angesichts der wachsenden Spannungen innerhalb der Gesellschaft bestehe die Gefahr, so mein Vater vor zehn Jahren, dass erneut mit dem Finger auf eine Volksgruppe gezeigt werde. Er sah damals bereits kommen, was jetzt Tatsache geworden ist. Diesmal aller­dings nicht, wie in den 1930er Jahren mit Bezug auf Jüdinnen und Juden – seine Sorge galt den musli­mi­schen Menschen in der Schweiz.

In das laute Gejammer über Antisemitismus und die angeb­liche Bedrohung jüdischen Lebens in unserem Land hingegen hätte mein Vater niemals mit einge­stimmt. Auch, weil für ihn Rassismus, Rache und Hass zeitlebens Fremdwörter waren – trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Geschichte. 


«Magdeburg – London – Biel – das Leben meines Grossvaters»
Dokfilm von Samuel Tuor, 2015

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NZZ: Einst Qualitätszeitung, heute Kampfschrift

Die Zeiten, als die Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung für alle Pflichtstoff war, die sich vertieft über das Geschehen im In- und Ausland infor­mieren wollten, sind definitiv vorbei. Besonders krass zeigt sich dies bei der aktuellen «Berichterstattung» über Israel, Palästina und den angeblich weltweit grassie­renden Antisemitismus, der laut NZZ von der «radikalen Linken» befeuert werde.

Jüngstes Beispiel: Der Mordanschlag auf das Chanukkah-Fest am Bondi Beach in Australien, welcher der NZZ als Anlass dient, im Serienfeuer aus allen Rohren gegen jede auch noch so leise, berech­tigte Kritik an der israe­li­schen Genozid-Politik zu schiessen. Den Auftakt machte NZZ-Inlandchefin Christina Neuhaus am 16. Dezember mit einem ganzsei­tigen Kommentar, der sich sowohl inhaltlich wie sprachlich im Vergleich zur einstigen NZZ-Nahost-Ikone Arnold Hottinger nicht einmal auf beschei­denem Niveau bewegt.

Unter dem Titel «Judenhass, überall» greift Neuhaus zur Keule und holt zu einem Rundumschlag aus – von der Behauptung «Australien hat ein Neonazi-Problem», über die gewagte Taxierung der SP-Gaza-Resolution als antise­mi­tisch bis zu Nemo, den sie wegen seiner Rückgabe des ESC-Pokals zum «Beinahe-Star» degra­diert. Auf Infosperber fasst Hannes Britschgi die Zielsetzung dieser unhalt­baren Verknüpfungen treffend zusammen: «Einmal mehr darf die billigste, aber unhalt­barste Verkürzung herhalten: Israelkritik ist Antisemitismus.»

Doch damit nicht genug. Schon einen Tag später doppelt die NZZ nach – wieder ganzseitig, diesmal im Feuilleton. Lucien Scherrer übernimmt von Neuhaus und titelt gross «Faszination des Terrors». Wir lesen über die «Globalisierung der Intifada», die in der Schweiz «unter anderem von den Progressiven Organisationen (Poch) und anderen linken Gruppen popula­ri­siert» worden sei, sowie unter dem gleichen Terror-Titel(!) vom neuen, musli­mi­schen Bürgermeister Mamdani in New York, der nicht nur Sozialist sei, sondern laut Scherrer auch eine auffällige Nähe zu antise­mi­ti­schen Kreisen pflege.

Weiter geht es im gleichen Text: Am Donnerstag, 18. Dezember ist das Inland wieder an der Reihe. Ein Scharfmacher-Artikel, verfasst von Simon Hehli und Sebastian Briellmann, in welchem des Langen und Breiten einmal mehr der Mythos eines von der Linken gepushten und zelebrierten Antisemitismus in der Schweiz behauptet wird.

Simon Hehli, ein langjäh­riger Blickjournalist, ist seit Sommer 2014 Inlandredaktor bei der NZZ. Sebastian Briellmann hat seine journa­li­sti­schen Sporen als Dauerberichterstatter gegen alles was nach Links und Grün aussieht bei der Basler Zeitung und beim Nebelspalter abver­dient, bis ihn die Inlandredaktion der NZZ vor einem Jahr abgeworben hat.

Seinem Ruf als «Rechtspopulist mit viel Wut im Bauch und wenig Grammatik»˚ macht er diese Woche gleich doppelt Ehre. Nach der Heraufbeschwörung der Antisemitismus-Gefahren in der Schweiz folgt am Donnerstag gleich der nächste ausufernde Artikel, in dem er ausge­rechnet dem EDA vorwirft, Hamas-freundlich zu agieren und Hilfsgelder an mit der Hamas verban­delte NGOs zu verteilen. Der Artikel ist ein einziges Pamphlet, basierend auf einem Bericht des von israe­li­schen Lobbyisten geführten Instituts «NGO Monitor» und Vorwürfen der Mitte-Nationalrätin Nicole Barandun, die er mit den Worten zitiert: «Wir hatten schon in der Vergangenheit Probleme mit Hilfswerken, die von der Hamas unter­wandert wurden – auch die UNRWA…»

Was Briellmann dabei geflis­sentlich unter­schlägt: Nicole Barandun ist Präsidentin der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel – jener Gesellschaft also, die kürzlich auf den sozialen Medien mit der rassi­sti­schen Parole «Möge das Palästinensertum bald der Vergangenheit angehören» für Furore gesorgt hat…

Neben dieser Propaganda-Welle bleibt wenig Platz für Leute, die in der NZZ mit Kenntnis vor Ort über den Nahen Osten schreiben. Rewert Hoffer, der seit Januar 2024 als Nahostkorrespondent für die NZZ aus Tel Aviv berichtet, schreibt vorwiegend über inner-israe­lische Angelegenheiten. Artikel, wie die aktuelle Reportage aus dem vorweih­nächt­lichen Bethlehem, die auch Einblicke geben in palästi­nen­sische Lebenswelten, sind selten.

Das war nicht immer so: Vor nicht allzu langer Zeit galt die Nahost-Berichterstattung der NZZ als Massstab für Qualitätsjournalismus. Begründet wurde dieser Ruf durch die Arbeit von Arnold Hottinger, der von 1961 bis 1991 für die NZZ aus dem Nahen Osten berichtete. Der studierte, sprach­kundige Orientalist war ein fundierter Kenner der Region, der im Laufe seines Lebens zahlreiche Bücher über Geschichte, Kultur und Politik im Nahen Osten publizierte.

Auch Victor Kocher, der Nachfolger von Arnold Hottinger als NZZ-Nahostkorrespondent, konnte bei seiner Arbeit auf profunde Kenntnisse zurück­greifen: In Zürich hatte er klassische Philologie und Arabisch studiert und war ab 1977 als IKRK-Delegierter unter anderem auch im Nahen Osten stationiert.

«Der NZZ-Leserschaft werden Kochers analy­sie­rende, stets aufklä­rende und nie polemi­schen Beiträge zu den Ereignissen im arabi­schen Raum künftig fehlen», schrieb die NZZ in ihrem Nachruf auf den Unfalltod von Victor Kocher: Im Frühjahr 2011 war der damals 58jährige auf einer Wanderung im Wallis ausge­rutscht und verstorben. – Damals hiess der Chefredaktor nicht Gujer.

Ergänzt wurde die Berichterstattung über Palästina und Israel in der Zeit von 2004–2009 durch eindrück­liche Reportagen von Karin Wenger, die nach einem Studienaufenthalt an der Universität Bir Zeit im Gaza-Streifen lebte und als freie Journalistin arbeitete.

Monika Bolliger, die in Zürich und Damaskus Völkerrecht und Arabisch studiert hatte und Arnold Hottinger als ihr grosses Vorbild bezeichnet, wurde 2012 Kochers Nachfolgerin als NZZ-Nahostkorrespondentin. Auch ihre Berichte zeich­neten sich gleicher­massen durch Faktenkenntnisse, Sachlichkeit und Nähe zum Geschehen aus. 

Massgebend für die Ausrichtung der Nahostberichterstattung der NZZ war ab Mitte der 1990er Jahre deren Auslandredaktor Martin Woker, der nicht nur immer wieder selber aus der Region berichtete (die er als ehema­liger IKRK-Delegierter bestens kannte), sondern von 2009 bis 2013 auch das Ausland-Ressort leitete.

Die einseitige Parteinahme für Israel, welche die NZZ heute charak­te­ri­siert, wäre in der damaligen Neuen Zürcher Zeitung ebenso undenkbar gewesen wie die ausge­rechnet von Rechtspopulisten immer wieder behauptete Verbindung von Antisemitismus mit linkem Radikalismus.

Als Eric Gujer 2013 zum Auslandchef ernannt wurde, machte er gleich mit seinem ersten Samstags-Leitartikel in der NZZ vom 3. August 2013 eine radikale Kursänderung in Sachen Nahostberichterstasttung publik: «Israelist ein Ort der Stabilität in einer Region, in der Chaos herrscht», schrieb Gujer damals. Es sei an der zeit, so das Fazit seines Artikels, Israel zu stärken, als Partner «wieder ernster zu nehmen und dem «Palästinenserkonflikt» nur die Bedeutung zukommen zu lassen, die ihm wirklich zukommt.»

Das war der Anfang vom Ende der fundierten Nahost-Berichterstattung. Im März 2015 wurde Gujer Chefredaktor der NZZ – und hat mittler­weile die Nahostberichterstattung zur Chefsache deklariert.

Monika Bolliger, die letzte NZZ-Nahost-Korrespondentin mit den dafür notwen­digen Kenntnissen von Sprache und Region, kündigte ihre Stelle bereits im Sommer 2018. 

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