Den Auftakt machte Bill Gates. Der Tech-Milliardär der ersten Stunde, der sich wie kein anderer als Retter der Menschheit inszeniert, liess Ende Oktober verlauten, es brauche in der globalen Klimapolitik einen Kurswechsel: Statt den Fokus weiterhin auf die Reduktion der Klimaerhitzung zu legen, müsse das Wohlergehen der Menschen ins Zentrum gerückt werden.
Als ob das eine nicht eng mit dem anderen verknüpft wäre… Der Streit um eine zielführende Klimapolitik dreht sich seit Jahren genau um dieses Thema. Die Fakten sind klar: Je höher die Temperaturen steigen, desto drastischer die Folgen für Mensch und Umwelt. Das sind längst nicht mehr bloss düstere Zukunftsszenarien: Hitze, Dürre, Hochwasser und Bergstürze zerstören zunehmend die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen, weltweit.

Die Milliardeninvestitionen, die in die «Dekarbonisierung» der Wirtschaft und in sogenannte Zukunftstechnologien fliessen, sind bloss ein Tropfen auf den immer heisser werdenden Stein, angesichts der weiterhin steigenden CO2-Emissionen: Seit dem ersten grossen Umweltgipfel von Rio anno 1992 haben die weltweiten Treibhausgasemissionen um 70 Prozent zugenommen.
2024 erreichten sie mit über 37 Milliarden Tonnen einen neuen Rekordwert – und steigen weiter. Dass die Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 Grad, auf die sich die Länder 2015 im Pariser Abkommen vertraglich verpflichtet haben, mittlerweile nicht mehr zu erreichen ist, kümmert die Mächtigen dieser Welt keinen Deut.

Die USA – bis heute weltweit grösste Verursacher von CO2-Emissionen – sind sogar aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen. Präsident Trump pusht mit seiner «Drill Baby Drill»-Politik zudem die fossilen Industrien und verhilft ihnen weltweit zu einem neuen Boom. Die Klimawandel-Verharmloser und ‑Leugner freuen sich.
In Zeiten von Powerplay und Kriegswirtschaft hat Klimaschutz keine Chance. Trotzdem jetten dieser Tage wieder 50’000 Politiker:innen, Beamte, Lobbyist:innen und Medienschaffende aus aller Welt zum alljährlich stattfindenden Klimagipfel, um über aktuelle und künftige Massnahmen gegen die Klimaerhitzung und deren Folgen zu beraten. Diesmal in die brasilianische Grossstadt Belém.
Eine Farce, angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen. Auch in Brasilien wird dieser Tage ein wirksamer Klimaschutz von der Wachstumsgier der Wirtschaftsmächtigen in den Hintergrund gedrängt. Bereits in den letzten Jahren wurden die Klimagipfel von den Lobbyisten der Oel- und Gasindustrie regelrecht geentert. Das alljährliche Klassentreffen der Klimaschützer:innen entwickelt sich immer stärker zum Marktplatz und Schaulaufen von multinationalen Konzernen, die sich der Welt zwei Wochen lang im grünen Mäntelchen präsentiert.
Selbstverständlich ist auch die Schweiz mit von der Partie, offiziell vertreten durch eine 16köpfige Delegation. Angeführt wird sie von Felix Wertli, unserem «Umweltbotschafter» und Leiter der Abteilung Internationales beim BAFU. Nebst weiteren Spitzenbeamt:innen, sind in der Schweizer Delegation Alliance Sud (der Dachverband der Schweizer Entwicklungsorganisationen) und der WWF dabei. Beides Organisationen, die sich seit Jahren für wirksame Massnahmen und eine global gerechte Klimapolitik engagieren. Sie figurieren auf der Teilnehmerliste als «Vertreter der Zivilgesellschaft». Unter dem gleichen Label reisen zudem ein Vertreter des Schweizer Gewerbeverbands (SGV) mit, sowie Petra Laux, ihres Zeichens Nachhaltigkeits-Beauftragte des chinesischen Agro-Chemiekonzerns Syngenta mit Sitz in Basel.

Ausgerechnet Syngenta, die Firma, die regelmässig mit Umweltskandalen für Schlagzeilen sorgt und Pestizide, die hierzulande verboten sind, in die Länder des Südens exportiert, reist im Schweizer Konvoi nach Belém! – Als Vertreterin der Schweizer Zivilgesellschaft – das heisst, von dir und mir…
Ein Skandal. Wie es zu dieser Wahl kam, sucht man vergebens auf den Webseiten des Bundes. Und die Medien? Berichten bloss, wie schwer sich die Delegierten bis tief in die Nacht mit Wortklaubereien tun, um eine Abschlusserklärung hinzubekommen. Gut klingende Vorsätze zum Klimaschutz, verwässert und wirkungsarm.
Welche Interessen die Syngenta-Vertreterin in Belém vertritt, ist hingegen offensichtlich: Unter dem Motto «Pflanzenschutz ist auch Klimaschutz» wollen Petra Laux und ihre Arbeitgeber nicht nur ihr Image aufpolieren, vielmehr geht es darum, die eigenen (klimaschädlichen) Produkte zu promoten und Geschäfte abzuschliessen, wie Florian Blumer auf der Website von Public Eye aufzeigt: Syngenta propagiert im Namen von Klima- und Umweltschutz eine eigene Variante von «regenerative Landwirtschaft», basierend auf seinen chemisch hergestellten Herbiziden, Pestiziden und Düngemitteln…
Als Delegations-Mitglied und Vertreterin der Schweizer Zivilgesellschaft wirbt die gleiche Syngenta-Petra Laux auf ihrer Linkedin-Seite unverhohlen für eine Panel-Veranstaltung in Belém. Titel «Landwirtschaft für die Zukunft – Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität bei gleichzeitigem Schutz des Planeten». Gesponsert von ihrem chinesischen Arbeitgeber.

Wessen Interessen der Vertreter des Schweizerischen Gewerbeverbands in Belém vertritt, wurde bislang nicht kommuniziert. Die Vermutung, dass auch für ihn nicht der Klimaschutz im Vordergrund steht, liegt jedoch nahe. Vielmehr dürfte er auf einer ähnlichen Linie politisieren wie SVP-Bundesrat Albert Rösti – seines Amtes wegen der «oberste Klimaschützer der Schweiz». Dieser fliegt für die zweite Konferenzwoche nach Belém, wo er am Treffen der Umweltminister teilnehmen wird.
Zur Einstimmung hat er letztes Wochenende in der NZZ am Sonntag wieder einmal die alte Leier von der «Stromlücke» zum Besten gegeben, die es – Klima hin oder her – zu verhindern gelte. Kurzfristig mit dem Bau von teuren, umweltschädigenden Gaskraftwerken – langfristig, so Rösti, führe kein Weg an neuen AKWs vorbei. Als Grund führt er den wachsenden Energiehunger der Wirtschaft an, und den (von ihm mitverursachten) schleppenden Ausbau bei den erneuerbaren Energien.
Von Klimaschutz und der Option, den Energiekonsum mit griffigen Massnahmen zu bremsen, kein Wort. Stattdessen stellt er die aktuellen Klimaszenarien, die für die Schweiz eine Erwärmung von 5 Grad prognostizieren, infrage und will sich diesbezüglich auf Pflästerlipolitik beschränken. Dazu passt, dass unser «Umweltminister» partout keinen Zusammenhang erkennen will, zwischen dem Bergsturz und Gletscherabbruch von Blatten und der Klimaerhitzung.
Um sich diesbezüglich eines Besseren belehren zu lassen, müsste Rösti nicht nach Brasilien reisen, an der ETH könnte er so einiges über den Klimawandel lernen… Trotzdem sind wir natürlich gespannt darauf zu hören, was er aus Belém berichten wird – und ob Chingenta die Welt davon überzeugen konnte, dass Glyphosat + Co unseren Planeten und sein Klima retten werden.
Der 2017 an die Chemchina verkaufte einstige Basler Konzern Syngenta ist ein grosser Player im Agrochemiebusiness:

