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Die «Qualität» der Medien

Alle Jahre wieder: Wenn es draussen kühler wird und erste Herbststürme die bunten Blätter durch­ein­ander wirbeln, ist es wieder Zeit für das «Jahrbuch Qualität der Medien» und dessen Präsentation in pseudo-wissen­schaft­lichem Rahmen.

Letzte Woche war es wieder einmal soweit: Nach altbe­kanntem Muster stellten Mitarbeiter des Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft FÖG der Universität Zürich ihre jüngsten Erkenntnisse über die aktuellen Entwicklungen in Bezug auf Medienproduktion und ‑konsum in der Schweiz vor.

Für Schlagzeilen sorgte dieses Jahr der Befund, dass mittler­weile fast die Hälfte der Menschen in der Schweiz darauf verzichte, sich über die herkömm­lichen Kanäle der Mainstream-Medien zu infor­mieren. Zur wachsenden Kategorie der sogenannten «News-Deprivierten» zählen die Studien-Autor:innen all jene Menschen, die «kaum oder keine journa­li­sti­schen Inhalte konsu­mieren und sich, wenn überhaupt, über soziale Medien informieren.»

Das sei schlecht und eine Gefahr für unsere Demokratie, so das Fazit von Institutsleiter Mark Eisenegger. Als Beweis zitierten die Forscher ihre im Rahmen der Studie durch­ge­führten Befragungen, die gezeigt hätten, dass Nutzer:innen herkömm­licher Medienangebote besser Bescheid wüssten über das Zeitgeschehen und sich auch aktiver an Abstimmungen und Wahlen betei­ligten würden.

Aussagen, die weder neu sind noch erstaunen, angesichts der Tatsache, dass sowohl die SRG wie auch der Verlegerverband und damit die privaten Schweizer Medienkonzerne als Förderpartner des Jahrbuchs die Forschung zur sogenannten «Qualität der Medien» mitfi­nan­zieren. Ob diese Befunde einer profun­deren wissen­schaft­lichen Untersuchung stand­halten würden, welche die ganze Palette von aktuellen Formen der Informationsvermittlung und politi­schen Partizipation berück­sich­tigen, ist aller­dings zu bezweifeln. 

Die Studie des FÖG beschränkt sich nämlich darauf, die grossen Player des Schweizer Medienmarkts nach gewissen selbst­de­fi­nierten Kriterien zu prüfen und mitein­ander zu vergleichen, wie im Kapitel über die Methodik der Qualitätserhebung nachzu­lesen ist:

«Basis für die allfällige Berücksichtigung eines Titels bilden sämtliche Informationsangebote der Schweiz, die, gemessen an ihrer Reichweite, minde­stens 0,5% der sprach­re­gio­nalen Bevölkerung abdecken. Aus den rund 160 Titeln, welche diesem Kriterium genügen, werden in der Regel minde­stens 50% der bedeu­tendsten Repräsentanten pro Sprachregion und Medientyp für die Qualitätsvalidierung ausgewählt.»

Für die Qualitätsbewertung erhalten die ausge­wählten Medientitel Gütepunkte – die Skala reicht von 0 bis 10. Beurteilt werden die vier Kriterien Relevanz, Vielfalt, Einordnungsleistung und Professionalität.

Ein komplexes Unterfangen, dessen Resultat stark davon abhängt, was die Forscher:innen unter Relevanz, Vielfalt, Einordnungsleistung und Professionalität verstehen – und inwiefern weitere zentrale Grundprinzipien des Journalismus wie etwa die angemessene Berücksichtigung unter­schied­licher Quellen oder die Trennung von Information und Meinung in der Analyse mitbe­rück­sichtigt werden.

Eine Frage, die angesichts der aktuellen Resultate mit einem grossen Fragezeichen zu versehen ist. Als Spitzenreiterin figuriert im aktuellen Rating nämlich NZZ online mit einem «Qualitätsscore» von 8,1 Punkten auf dem ersten Platz – gefolgt von den SRG-Sendungen «Radiogiornale 12.30» und «Echo der Zeit» auf den Rängen zwei und drei mit 8,0 resp. 7,9 Punkten.

Während sich ein Grossteil der in der Rahngliste aufge­führten 48 Titel im Mittelfeld (der Durchschnitt liegt bei 6,6 Punkten) bewegt, liegen die Boulevardmedien deutlich darunter. Abgeschlagen auf dem letzten Platz figuriert die Printausgabe des Blicks mit gerade mal 4,1 Punkten. Wer hätte das gedacht…

NZZ online also, auf Platz 1 – ungeachtet der Tatsache, dass die journa­li­stische Berichterstattung bei der NZZ in den letzten Jahren besonders stark durch eine ideolo­gische Schlagseite auffällt. Und das nicht nur im Kommentarteil. Ein plaka­tives Beispiel dafür lieferte NZZ online anfangs dieser Woche mit der Schlagzeile «Genf verschiebt Schweigemarsch gegen Antisemitismus wegen einer Gegendemonstration». Damit sugge­rierte die preis­ge­krönte NZZ-Plattform, dass die von der Israel-Lobby für den 28. Oktober angekün­digte Kundgebung «Silent Walk Switzerland» wegen einer Pro-Palästinensischen Demo abgesagt worden sei.

Leicht nachzu­prü­fender Fakt ist jedoch, dass seit zwei Jahren in Genf jeden Dienstag eine behördlich bewil­ligte Mahnwache an die Leiden der palästi­nen­si­schen Bevölkerung im Nahen Osten erinnert. Beim geplanten «Silent Walk of Switzerland» handelte es sich demnach um die eigent­liche Gegendemonstration der Israel-Lobby – mit der Absicht, in nächster Nähe der allwö­chent­lichen Mahnwache des «Collectif Urgence Palestine Genève CUP» Unruhe zu stiften. Worauf der Kanton Genf vernünf­ti­ger­weise von den Organisator:innen der Pro Israel Demonstration (notabene die eigent­liche «Gegendemonstration») verlangt hat, dass sie ein anderes Datum oder einen anderen Standort im Stadtzentrum wählen. 

Die Schlagzeile von NZZ-online reiht sich ein in die hierzu­lande weit verbreitete tenden­ziöse und verzer­rende Berichterstattung in den Mainstream-Medien über den Konflikt im Nahen Osten und dessen Auswirkungen bis in die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die journa­li­stisch sauber aufge­ar­beitete Berichterstattung über den Entscheid der Genfer Behörden, inklusive einer Reportage mit Bild über die fried­liche Mahnwache auf der Webseite von 24heures – im Ranking des Forschungsinstituts FÖG mit Abstand hinter NZZ online platziert…

Es gibt viele Gründe, weshalb sich immer mehr Menschen von den tradi­tio­nellen Medien verab­schieden. Dazu gehört unter anderem die Feststellung, dass der Informationsgehalt der sogenannt profes­sio­nellen Journalismus-Erzeugnisse in der Schweiz ziemlich beschränkt und allzu oft tendenziös und einseitig ist.

Gerade mit Blick auf die grossen Themen dieser Tage wie Sudan, Israel/​Palästina oder die Abstimmung über die Erbschaftssteuer, um nur drei Beispiele zu nennen, gilt deshalb mehr denn je: Wer seine Informationen einzig und allein aus den vom FÖG unter­suchten Medienerzeugnissen bezieht, weiss zwar ein wenig Bescheid, über das Zeitgeschehen – ein reali­sti­sches Bild kann sich aber nur machen, wer darüber hinaus weitere Quellen konsultiert.

«Was geht mich das an?»

Ein Wochenende in Mainz. Am Samstagabend auf der kleinsten Bühne im Untergeschoss des Staatstheaters das Drama «Der blinde Passagier». Das Stück handelt von einer dänischen Schiffersfamilie und einem jüdischen Arzt auf der Flucht vor den Nazis. Geschrieben 1938 – im Sommer 2025 in Düsseldorf und Mainz erstmals aufgeführt…

Die aus Wien stammende Autorin Maria Lazar hatte bereits seit den 1920er Jahren in ihren Werken die gesell­schaft­lichen Entwicklungen und das Aufkommen des Faschismus in Deutschland und Österreich angeprangert. Mit prägnanten Sätzen und in kurzen Worten verstand sie es, die damalige Atmosphäre in ihren Texten herauf­zu­be­schwören, die mensch­lichen Triebe und Träume zu benennen.

1933 emigrierte Maria Lazar, zusammen mit Helene Weigel und Bertold Brecht, nach Dänemark, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Dort schrieb sie unter anderem auch das Theaterstück «Der blinde Passagier», das zu ihren Lebzeiten nie aufge­führt wurde und – wie ihr gesamtes Werk – nach dem Krieg lange Jahre in Vergessenheit geriet.

Erst in jüngster Zeit feiern ihre Romane und vor allem die Theaterstücke ein Revival. Zu Recht, denn ihre Themen sind von beklem­mender Aktualität – und ihre messer­scharfen Analysen gehen unter die Haut. Nachdem uns vor ein paar Monaten schon ihre scharf­sinnige Komödie «Die Hölle auf Erden» begei­stert hatte, machten wir uns also auf den Weg nach Mainz…

Dies, nach einer Woche heftiger Debatten in Politik und Medien über die vom Bundesrat unter­stützte medizi­nische Hilfe für 20 schwer­ver­letzte Kinder aus Gaza in Schweizer Spitälern. Nach langem Hin und Her sind die ersten sieben kleinen Kriegsverletzten endlich in der Schweiz einge­troffen. Die Reaktionen auf diese bescheidene «humanitäre Aktion» sind jedoch alles andere als ein Zeichen von Menschlichkeit und Mitgefühl. Sie sind vielmehr schlichtweg entsetzlich.

Zwar lösten die kantonale SVP-Gesundheitsdirektorin aus Zürich und ihre Kollegen aus Bern und Aarau Empörung aus, als sie sich hartnäckig weigerten, auch nur einem einzigen Kind aus Palästina dringend benötigte Nothilfe zu gewähren: In allen drei Kantonen wurden umgehend Petitionen lanciert, die verlangen, dass die humanitäre Verweigerungshaltung der SVP-Regierenden zurück­ge­nommen und korri­giert wird.

Allerdings wurde diese Kritik schnell von lautstär­kerem Heulen gegen die bundes­rät­liche Initiative übertönt. Haarsträubend, welch ungehemmter Rassismus und blanker Egoismus sich in den Online-Kommentaren Blick-auf, Tamedia-ab manife­stierte. Aber auch die Artikel und Journalisten-Kommentare von NZZ bis SRF warnten aus hyper­ven­ti­lie­render Sorge um das Schweizerland vor impor­tierter «Terrorismusgefahr» durch die Begleitenden der Kinder und vor einer drohenden Überlastung des Asylsystems.

Besonders zahlreich waren die Voten in den Kommentarspalten, welche die Kosten für die Hilfe an die Kriegsopfer monierten und forderten, «die das organi­siert haben, sollen es auch bezahlen», es gebe in der Schweiz genügend bedürftige Menschen, um die man sich erst einmal kümmern müsse. Die kranken palästi­nen­si­schen Kinder sollten bleiben, wo sie sind und (wenn überhaupt) dort behandelt werden…

Im Zug von Zürich nach Mainz hatten wir viel Zeit, uns in die Lektüre der Hassspalten zu vertiefen. Unfassbar – erschreckend, wie ungeschminkt sich hier die hässliche Fratze von übersatten und wohlstands­ge­nies­senden Angsthasen präsen­tiert. Empathie? Humanität? Das vielzi­tierte Erbe von Henri Dunant? – Vergiss es. Die Palette der Abscheulichkeiten reicht von «das Fass ist schon lange überl­offen» bis «wir müssen auch auf uns schauen und nicht noch mehr auf andere, sorry.»

Ein paar Stunden später in Mainz auf der Theaterbühne, ruft der dänische Kapitän Petersen, auf dessen Boot im norddeut­schen Hafen sich ein jüdischer Flüchtling vor der Gestapo gerettet hat: «Ich will Musik. Was Lustiges. Und zwar am liebsten von zuhause. Kinder, wie schön ist es in unserem kleinen Land.»

Er verweigert sich allen Nachrichten im Radio, will nichts über die Taten des deutschen Regimes hören und dreht so lange am Knopf des Geräts, bis er einen Sender mit leichter Musik gefunden hat.

Seinen erwach­senen Kindern Carl und Nina steht der Sinn jedoch nicht nach Gemütlichkeit und Feiern. Ihnen lässt Maria Lazar Raum für Mitgefühl und Menschlichkeit: Sie wollen den jungen jüdischen Arzt Hartmann über die Nordsee nach Dänemark schmuggeln.

Auf die Frage, was er denn verbrochen habe, sagt Hartmann: «Ich liess mich auf die Welt setzen. Vor neunund­zwanzig Jahren. – Von jüdischen Eltern. In Wien.» – Und auf die Feststellung, jeder Mensch müsse doch ein Zuhause haben, entgegnet er: «Es gibt Menschen, von denen verlangt man, dass sie nirgends sind. Und wenn sie trotzdem noch wo bleiben wollen, dann sind sie unbequem.»

«Was geht mich das an?» lautet dazu die rheto­risch gemeinte lapidare Frage des Steuermanns, der gleich­zeitig Ninas Verlobter ist. Und weiter: «Ich päpple diesen Fremden nicht. Ich frag sogar, wer ist er eigentlich? Wie kommt er her? Was geht er uns an?»

Genau die Sprache, die wir seit Tagen in den überquel­lenden Schweizer Kommentarspalten wieder­finden. Wie überhaupt sämtliche Dialoge an diesem Abend auf der Bühne von einer mit Händen greif­baren Aktualität sind.

Jeder im Jahr 1938 geschriebene Satz passt auch im Oktober 2025. In Bezug auf Gaza, aber nicht nur… Und es läuft einem kalt den Rücken hinunter, wenn die Mutter der Schiffersfamilie bei der Ankunft in Dänemark Hartmanns Selbstmord während der Überfahrt kommen­tiert: «Der arme Mensch. Aber einen anderen Platz hätte er sich schon aussuchen können.» 

Das Fazit am Schluss des Stücks legt Maria Lazar der Tochter Nina in den Mund: «Man muss nicht Blut an den Fingern haben, um ein Mörder zu sein.»


Der blinde Passagier von Maria Lazar – ein top-aktuelles Stück, das unter die Haut geht – und das wir gerne auch auf Schweizer Bühnen sehen würden!

Hier der Trailer der Mainzer Inszenierung:

Von Schlagzeilen, offenen Briefen und einer Gegendarstellung

Welche Wahrheiten aus dem Nahen Osten schaffen es in unsere Medien? Ist Wahrheit immer sowohl als auch? Was wird berichtet, was unter­schlagen, was gleichgeschaltet? 

Fakt ist: Es braucht bei uns dringend Gegenstimmen, gegen die notorisch falsche Gleichsetzung von Kritik am rechts­extremen Regime in Israel mit Antisemitismus. Und auch, weil die Medien hierzu­lande immer wieder das schweiz­weite Engagement für Freiheit und Rechte der Palästinenser:innen kurzerhand als Hamas- und Gewalt-Verherrlichung etikettieren.

Dazu drei Beispiele:

«Allfällige Gewalttäter haben bei uns keinen Platz» – mit diesem Zitat bewirbt Radio SRF das Interview mit der Grünen Lisa Mazzone in der Samstagsrundschau vom letzten Samstag. Meine erste Reaktion auf diese Schlagzeile: Ich kann es langsam nicht mehr hören! Statt das andau­ernde unerträg­liche Schweigen der Schweiz zum israe­li­schen Völkermorden anzuprangern, ist sich auch die Grünen-Präsidentin nicht zu schade, die Demo vom 11. Oktober nach Strich und Faden zu verurteilen…

Zum Glück habe ich dann trotzdem noch in die Sendung hinein­ge­zappt – und siehe da: Was Lisa Mazzone in diesem halbstün­digen Interview in Bezug auf den Nahen Osten und das Versagen der Schweizer Politik sagt, tönt ganz anders!

Mit stoischer Ruhe und unmiss­ver­ständ­licher Klarheit erinnert sie an die unerträg­liche Situation der Menschen in Gaza und verur­teilt den Bundesrat, und dass sich die Schweiz absichtlich auf der inter­na­tio­nalen Bühne hinter dem Vorhang versteckt halte. Sie erklärt nicht nur, weshalb sie gemeinsam mit anderen die Volksinitiative für die Anerkennung des Staates Palästina lanciert hat, sondern auch, weshalb sie die Sumud Flotilla unterstützt.

«Die Grünen – weiterhin an der Seite der Menschen in Gaza» hätte demnach genauso gut als Titel über dem Interview stehen können. Doch solche Aussagen und diffe­ren­zierte Erklärungen inter­es­sierten SRF-Bundeshausredaktorin Nathalie Christen nicht. Ihre Fragen drehten sich penetrant – in lupen­reinem Thesenjournalismus – um den ewiggleichen Vorwurf, die Grünen und ihre Präsidentin würden sich nicht genügend von Gewalt und Antisemitismus distanzieren.

Die tenden­ziöse Befragung hatte nichts zu tun mit einem profes­sio­nellen journa­li­stisch geführten Interview, bei dem kriti­sches Nachhaken selbst­ver­ständlich seinen Platz hat. Christen versuchte vielmehr, in einer Art Kreuzverhör das Gespräch auf die Gewalt- und Antisemitismusvorwürfe zu reduzieren. Lisa Mazzone wusste dies gekonnt zu verhindern – bleibt die Frage, ob und wie dies bei der Zuhörerschaft ankommt, angesichts des fehllei­tenden Titels.

Tagtäglich erleben wir (insbe­sondere im deutschen Sprachraum), wie manipu­lativ unsere Medien über den Nahen Osten berichten. Die Demo vom 11. Oktober in Bern ist dafür ein Paradebeispiel: Von NZZ bis WOZ bliesen alle ins gleiche Horn. Sie rückten die «Debatte» über eine angeb­liche Radikalisierung der sogenannten Antifa und «noch nie dagewesene Gewalteskalationen» tagelang ins Zentrum, und heizten die Volksempörung auf. Als die Sache endlich gegessen schien, tischte der Blick noch eine Abschrift von Christoph Blochers wöchent­licher Predigt auf Blocher TV auf, und TA-Media prangerte, gestützt auf anonymen Aussagen eines ehema­ligen Mitglieds der «links­al­ter­na­tiven Szene», den dort angeblich grassie­renden Antisemitismus an.

Ein weiteres Beispiel für die Unterdrückung Israel-kriti­scher Stimmen ist die Diffamierung des Schweizer Regisseurs und aktuellen Direktors der Wiener Festwochen Milo Rau. Anfang Oktober publi­zierte er unter dem Titel «Widerstand jetzt – Brief an meine Freund:innen» einen Text, mit welchem er seine Kolleg:innen im Kulturbetrieb dazu aufruft, zum Morden im Nahen Osten nicht länger zu schweigen.

Er erntete damit einen veritablen Shitstorm – man unter­stellte ihm Geltungsdrang und Antisemitismus im Doppelpack. Orchestriert wurde der Protest von bekannten Israel-Lobbyst:innen und Kulturschaffenden, die sich durch seinen Aufruf, die Aufmerksamkeit auch auf der Bühne auf das zu lenken «was draussen in der Welt geschieht», offenbar heraus­ge­fordert fühlten. Unter ihnen die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich – aus welchen Gründen auch immer – als Prominente vor den Karren der Rau-Gegner:innen spannte.

Wer sich nämlich die Mühe nimmt und den Brief von Rau in der Originalfassung liest, kann sich ob der hyste­ri­schen Polemik nur wundern. Auch hier, einmal mehr, wird versucht, mit Wortklaubereien und aus der Luft gegrif­fenen Vorwürfen einen unbequemen Kulturschaffenden zu diffa­mieren – und am liebsten aus Wien (und besser noch der gesamten Theaterwelt) zu verbannen.

Die Zahl der Mutigen, die trotz des Gegenwinds aus Medien und Politik hinstehen und sich für Menschenrechte und gegen Völkermord engagieren, ist überschaubar. Milo Rau wird gefeiert, solange er sich in seinen Inszenierungen darauf beschränkt, multi­na­tionale Konzerne und Unrechtsregimes in Afrika anzuprangern – mit seinem Einsatz für Menschenrechte und eine humani­stische Haltung der Kunst, auch vor dem Hintergrund der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten hingegen, erntet er Ablehnung und Kritik.

Last but not least ist der Lausanner Geschichtsprofessor Bernhard C. Schär zu nennen: Er ist einer der wenigen Historiker hierzu­lande, die zur Geschichte und aktuellen Politik in Bezug auf den Nahen Osten klar Stellung beziehen und wagen, die Schweizer Politiker:innen und Medien in die Verantwortung zu nehmen.

Auch für Historiker Schär blieb dies nicht ohne Folgen: Mitte September versuchte die NZZ, den unbot­mäs­sigen Professor zu demon­tieren, indem sie in einem ganzsei­tigen Artikel dessen Forschungskompetenz glattweg infrage stellte. Das ist ihr missraten, nicht zuletzt dank einer breiten Unterstützung durch seine Kolleg:innen. Schliesslich musste die NZZ ihre haltlosen Unterstellungen zurück­nehmen und dies in einer Gegendarstellung publizieren.

Bernhard C. Schär war übrigens Anfang Juli der einzige Universitätsvertreter, der namentlich hinstand und die Ausladung der UN-Berichterstatterin Francesca Albanese durch die Uni Bern kriti­sierte. Im Nachgang zur Demo vom 11. Oktober kommen­tierte er in den Sozialen Medien:

«Der Widerspruch zwischen unserer Aussenpolitik und unseren Idealen kann nicht auf der Strasse aufgelöst werden. In der Hauptverantwortung stehen Politik und Medien. Sie haben eine wichtige Ventilfunktion in der Gesellschaft. (…) Vor dieser Verantwortung sind Politik und Medien in letzter Zeit jedoch zu stark zurück­ge­scheut. Zu hoffen ist also, dass sie künftig ihren Verfassungspatriotismus neu entdecken. Und auch dass sie ihre allzu arg erlahmte Leidenschaft für demokra­tische Politik und Debatte neu entfachen. Denn wozu, wenn nicht hierzu, sind sie da?»

Während die Kundgebung vom 11. Oktober in der Schweizer Polit- und Medienlandschaft zwecks LinksGrün-Bashing, verbunden, mit dem Ruf nach Einschränkungen der Meinungsfreiheit, missbraucht wurde, beschränkte sich die Berichterstattung aus dem Nahen Osten auf Trumps grosse Show und die Geiselrückkehr in Israel.

Das Hoffen und Leiden der Menschen in Gaza und im Westjordanland hingegen, wo Siedler und die israe­lische Armee die palästi­nen­sische Bevölkerung weiterhin terro­ri­sieren, waren unseren Medien kaum eine Erwähnung wert. Und die Tatsache, dass in Gaza alles andere als Frieden herrscht – nicht in erster Linie wegen der Hamas, sondern weil Israel weiterhin Hilfslieferungen behindert und trotz Waffenstillstand bereits wieder mehrfach Bomben abgeworfen und Dutzende von Zivilist:innen ermordet hat, wird unter den Tisch gekehrt.

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