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Barista für Ratsuchende und Beraterin für Rüstungsinvestments

Der mor­gend­liche Newsbeitrag auf RTS vom 29. August lässt auf­hor­chen: Nicoletta della Valle, die ehe­ma­lige Chefin des Bundesamtes für Polizei, Fedpol, die Anfang Jahr zurück­ge­treten ist, sitzt neu im Beirat der israe­li­schen Investmentgesellschaft «Champel Capital».

Eine Firma mit Sitz in Jerusalem, die bei uns (noch) wenig bekannt ist. Gegründet wurde das Unternehmen 2017 vom schwei­ze­risch-israe­li­schen Doppelbürger Amir Weitmann, zusammen mit seinem Genfer Freund aus Kindheitstagen Arié Benguigui.

Weitmann ist vor über 20 Jahren in eine ortho­doxe Siedlung auf besetztem palä­sti­nen­si­schem Boden aus­ge­wan­dert. Der Likud-Parteigänger ist ein bekannter Hardliner in Sachen israe­li­scher Expansions- und Apartheidpolitik und nimmt dies­be­züg­lich kein Blatt vor den Mund. Vor allem in den Westschweizer Medien ist der in Genf auf­ge­wach­sene Extremist Weitmann immer wieder zu hören, doch auch auf geschäft­li­cher Ebene pflegt er seine Beziehungen zur Schweiz.

So lädt Champel Capital für die Lancierung eines neuen Funds mit Fokus auf die Bereiche «Sicherheit und Verteidigung» zum Pitching-Event am 9. September nach Zürich ins Gryffenberghaus an der Bahnhofstrasse, und am 10. September nach Genf. Laut NZZ wollen Weitmann und seine Mitstreiter 100 Millionen USD in diesen boo­menden Sektor investieren.

In seinen Posts auf Linkedin beschreibt Amir Weitmann regel­mässig und mit deut­li­chen Worten, um was es dabei geht. Europas Rüstungsindustrie, froh­lockt er zum Beispiel, wachse dreimal schneller als noch vor dem Ukrainekrieg, was diesen Sektor für Investoren beson­ders inter­es­sant mache.

Mit Blick auf Israels aktu­elle Kriegsmanöver im Nahen Osten zeigt sich Weitmann opti­mi­stisch, dass auch seine Firma daraus Profit ziehen werde: «Wenn dieser Konflikt beendet ist, wird Israels deut­lich ver­bes­serte Position in Bezug auf Strategie und Sicherheit eine Welle des Wachstums in der Wirtschaft sowie bei Finanzen und Investitionen aus­lösen – ange­sichts der heiklen glo­balen Situation ins­be­son­dere im Sicherheits- und Verteidigungssektor. Wir bei Champel Capital sind gut posi­tio­niert, um diese ein­ma­lige Gelegenheit zu nutzen, da wir uns auf Investitionen im Verteidigungs- und Sicherheitssektor kon­zen­trieren werden.»

Im sechs­köp­figen Beirat, der die israe­li­schen Unternehmer bei der Wahl ihrer Investitionen im Rüstungssektor berät, sitzen neben Nicoletta della Valle der US-ame­ri­ka­ni­sche Ex-Militär John W. Spencer, der als «welt­weit füh­render Experte in städ­ti­scher Kriegsführung» gilt, und der pen­sio­nierte Generalleutnant der United States Air Force Thomas J. Trask. Weiter dabei sind der Ex-IDF-Generalmajor Yoav Har-Even, der als Hardliner bekannte ehe­ma­lige israe­li­sche Polizeipräsident Kobi Shabtai und der Schweizer ETH-Ingenieur David Shapira, aktuell CTO bei der Firma Swiss Innovation Forces AG. Diese 2022 gegrün­dete Aktiengesellschaft ist ein pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­siertes Unternehmen, das zu 100 Prozent dem Bund gehört und dessen Aufgabe es ist, «Innovationsprojekte für die Schweizer Armee anzustossen».

Mit anderen Worten: Ein aus Steuergeldern bezahlter Schweizer Ingenieur, der fürs VBS arbeitet, sitzt im Beirat eines israe­li­schen Unternehmens, das in grossem Stil in Kriegs- und Rüstungsindustrie inve­stiert. Er tue dies, ist auf NZZ online nach­zu­lesen, «in pri­vater Funktion»…

Die ehe­ma­lige oberste Bundespolizistin Nicoletta della Valle, ein­zige Frau im Rüstungsfund-Beirat, gehöre «zu den erfah­ren­sten Schweizer Sicherheitsexpertinnen», ist auf der Website der Investmentgesellschaft zu lesen, und ver­füge über «eine ein­ma­lige Kombination von juri­sti­schem Fachwissen, ope­ra­tiver Führungskompetenz und Erfahrungen in grenz­über­schrei­tender Koordination, was sie zu einer stra­te­gi­schen Beraterin in den Bereichen natio­nale Sicherheit, Polizeiarbeit und staat­li­cher Gouvernanz macht».

Nicoletta della Valle macht also unver­froren ihre «Erfahrungen» im Fedpol zu Geld. Anfragen von RTS zu ihrem neuen Job liess sie mit dem Hinweis, es handle sich hier um eine Privatsache, unbe­ant­wortet. Aus frü­heren Medienberichten ist aller­dings bekannt, dass della Valle ein grosser Israel-Fan ist, was auch ihre Posts auf Social Media bestä­tigen. Dies dürfte ein wei­terer Grund sein, wes­halb sie offenbar keine Hemmungen hat, sich ihr Know-how von der von israe­li­schen Extremisten geführten Champel Capital ver­golden zu lassen.

Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass im Berner «Bund» ein Artikel über die gleiche Nicoletta della Valle erschienen ist, für den sie mit ihren Auskünften wesent­lich frei­gie­biger war: Im Porträt über die ehe­ma­lige Bundesbeamtin schwärmte die Barista Nicoletta von ihrem neuen Leben als Betreiberin einer Kaffeebar mit Beratungsangebot für Menschen, die Unterstützung brau­chen, etwa beim Schreiben von Bewerbungen oder bei der Anmeldung bei der Gemeinde.

Ihr Gerechtigkeitssinn lasse sie nicht ruhen, begründet della Valle ihr Engagement und prä­sen­tiert sich der Zeitung als sozial mit­füh­lende Staatsbürgerin. «Aus meiner heute pri­vi­le­gierten Position wollte ich etwas Nützliches zurück­geben», lässt sie sich im Bund zitieren und ver­riet der Journalistin auch, dass sie einiges an Geld in das Projekt inve­stiert habe.

Das Bild der netten ehe­ma­ligen Fedpol-Chefin, die zur sozial enga­gierten Kaffeebarbetreiberin mutiert, ist so ziem­lich das Gegenteil dessen, was Nicoletta della Valle in ihrem anderen, ohne Frage lukra­ti­veren neuen Job bei den israe­li­schen Kriegsinvestoren treibt.

Während sie sich in ihrem Berner Quartierlokal mit Beratungsecke als Philanthropin dar­stellt, hat sie kei­nerlei Skrupel, ihre im lang­jäh­rigen Dienst der Eidgenossenschaft erwor­benen Netzwerke und Kenntnisse in den Dienst einer von israe­li­schen Ultrarechten geführten Firma zu stellen. Eine Firma und deren Chefs, die den aktu­ellen Völkermord in den von Israel besetzten Gebieten mass­geb­lich unter­stützen. Das jedoch war im halb­sei­tigen Bund-Artikel kein Thema.

Eigentlich wäre dies aber ein klarer Fall für Sanktionen gegen­über israe­li­schen Unternehmen, wie sie die UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese schon lange for­dert. Statt dass man jedoch in der Schweiz Firmen wie Champel Capital mit Sanktionen oder gar einem Verbot von geschäft­li­chen Aktivitäten belegt, pro­fi­tieren die radi­kalen Israelis vom Know-how, das eine lang­jäh­rige Geheimnisträgerin auf Staatskosten erworben hat, und lassen sich dar­über hinaus auch noch von einem aktuell für die Schweizer Armee tätigen Ingenieur beraten.

Wo bleibt der Aufschrei? Der Ruf nach Sanktionen? Nach Boykott von israe­li­schen Investmentgesellschaften?

Während unsere Behörden im Juni mit aller Macht ver­suchten, die Auftritte der UNO-Beauftragten Francesca Albanese zu ver­hin­dern, schreit kein Schweizer Hahn danach, wenn eine israe­li­sche Investmentfirma ihr Business in Zürich und Genf an pro­mi­nen­te­ster Adresse promotet.

Weil Frau della Valle im Beirat sitzt?


Nachtrag vom 21. September 2025:

Ein Augenschein auf der Website von Champel Capital zeigt: Die kri­ti­sche Berichterstattung sowie ein dies­be­züg­li­cher poli­ti­scher Vorstoss im Nationalrat haben gewirkt: David Shapira musste offenbar aus dem Beirat der israe­li­schen Investment Firma zurücktreten…

Nachtrag vom 9. Oktober 2025:

Das neuste Update der Champel-Capital Website zeigt: Auch Nicoletta della Valle sitzt nicht mehr im Beirat des Rüstungsfonds von Champel Capital! Offenbar musste auch sie dem Druck nach­geben – ver­mut­lich, um ihr Berner Bar-Projekt, das am 18. Oktober starten soll, zu retten…. 

Das Fazit: Es lohnt sich, genau hin­zu­schauen, auf­zu­decken, Klartext zu schreiben! Immerhin sind Shapira und della Valle nun aus­ge­schieden – trotzdem gilt es wei­terhin, bei den Geschäften von Champel Capital in der Schweiz genau hinzuschauen…

Schweigen, beschö­nigen und vertuschen

Die offi­zi­elle Schweiz hält wei­terhin an ihrer Vogelstrauss-Politik in Bezug auf Israels Völkermord fest. Das EDA ver­schickte einzig ein laues Protestschreiben im Nachgang des jüng­sten durch Israel ver­übten Doppel-Anschlags auf das Spital in Chan Yunis, bei dem die israe­li­sche Armee erneut gezielt Helfer:innen und Journalist:innen tötete. Ein wei­teres Kriegsverbrechen, das aber weder unsere Politiker:innen noch die Medien beim Namen nennen.

In pein­li­chem Kontrast zu den Bildern aus Gaza steht ein Foto aus der heilen Schweizer Welt, das SP-Nationalrat Fabian Molina in den Sozialen Medien postete. Es wurde dieser Tage anläss­lich einer zwei­tä­gigen Retraite der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats (APK) im Schloss Chillon an den Gestaden des Genfersees geschossen.

Umrahmt von den mit­tel­al­ter­li­chen Mauern posieren selbst­zu­frie­dene Poliltiker:innen mit fröh­li­chem Lächeln für das Gruppenbild – in ihrer Mitte mit geschwellter Brust und in Lachpose auch Aussenminister Ignazio Cassis, der mit von der Partie war.

Während in anderen Ländern immer mehr Politiker:innen wirk­same Massnahmen und Sanktionen gegen Israels Menschen-Vernichtungsmaschinerie for­dern und immer öfter auch durch­setzen, scheint dies in der Schweiz wei­terhin kein Thema zu sein. Den hin­ter­häl­tigen Doppelangriff auf das Spital im Süden von Gaza vom 25. August, bei dem Israel wie­derum fünf Medienschaffende getötet und so zum Schweigen gebracht hat, quit­tierte das EDA bloss mit der immer­gleich abge­spulten «Verurteilung».

Offensichtlich hat auch der Betriebsausflug der Aussenpolitiker:innen an den Genfersee keine Änderung der im Bundeshaus betrie­benen Leisetreterpolitik gegen­über Israel bewirkt. Was auch nicht weiter erstaun­lich ist, ange­sichts der Tatsache, dass 10 (!) der ins­ge­samt 25 Mitglieder der APK gleich­zeitig Mitglieder der «Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel» sind – der von Israel gesteu­erten Lobbyorganisation, wel­cher ins­ge­samt nicht weniger als 47 Parlamentarier:innen angehören.

Bis heute werden hier­zu­lande denn auch weder die Handels- noch die Militärbeziehungen zwi­schen der Schweiz und Israel infrage gestellt. Stattdessen begnügen sich unsere Aussenpolitiker:innen – milde gesagt – mit der Rolle des besorgten Publikums. Und machen sich damit zu Mitschuldigen: Gegen offen­sicht­li­chen Völkermord keine Massnahmen ergreifen, heisst letzt­lich, den Völkermord gutheissen.

Genauso wie die Politiker:innen, halten auch unsere Medien nach wie vor am alten Narrativ vom unan­tast­baren Staat Israel fest, der sich gegen den Terror der Palästinenser:innen schützen müsse. Dies, obschon Recherchen und Berichte inter­na­tio­naler Organisationen und Medien längst auf­ge­deckt haben und immer wieder von neuem auf­zeigen, welch üble Propaganda und Desinformationspolitik Israel betreibt, um seine Gräueltaten gegen­über der Weltöffentlichkeit zu ver­tu­schen und zu beschö­nigen. Tatsachen, die von Journalist:innen hier­zu­lande gerne unter den Tisch gewischt werden.

So wies etwa der «Guardian», in Zusammenarbeit mit dem israe­lisch-palä­sti­nen­si­schen Online-Magazin +972, vor einer Woche in einem gut recher­chierten Hintergrundbericht nach, dass 83 Prozent der in Gaza getö­teten Menschen Zivilist:innen waren, und gerade mal 17 Prozent «Hamas-Terroristen». Diese Zahlen stammen nota­bene aus einer internen israe­li­schen Quelle und beziehen sich auf die israe­li­schen Angriffe auf Gaza vom 7. Oktober 2023 bis Mai 2025.

Der Bericht sorgte inter­na­tional für Schlagzeilen. In der Schweiz dau­erte es aller­dings fast eine Woche, bis sich SRF News dem Thema ange­nommen und am 27. August einen län­geren Online-Text dazu ver­öf­fent­licht hat. Allerdings traute man bei der SRG offenbar den Rechercheur:innen des bri­ti­schen Weltblatts sowie der Zuverlässigkeit des mutigen und bestens ver­netzten israe­li­schen Investigativ-Journalisten Yuval Abraham nicht. SRF-Online titelt näm­lich: «Sind 83 Prozent der Getöteten im Gazastreifen Zivilisten?»

Warum dieses Fragezeichen, fragt sich da die kri­ti­sche Leserin, die den Originalbericht kennt. Wie in den Schweizer Medien üblich, stellt auch SRF die fak­ten­ba­sierten Recherchen von Guardian und +972 eins zu eins, gleich­wertig und unhin­ter­fragt, den Aussagen der IDF-Propagandatruppe gegen­über, die selbst­ver­ständ­lich die Existenz der im Bericht zitierten Datenbank leugnet und behauptet, die genannten Zahlen seien falsch.

Statt Israels offen­sicht­liche – und in den letzten Wochen und Monaten viel­fach ent­larvte – Kriegspropaganda und Lügenpolitik als das zu benennen, was sie ist, werden die immer glei­chen Vorwände und Scheinargumente für die Tötungsaktionen von unseren Medien auf­ge­nommen und wei­ter­ver­breitet. Dazu gehören immer wieder unbe­wie­sene Behauptungen der IDF, man habe «auf Hamas-Einrichtung gezielt» oder getö­tete Journalist:innen seien in Tat und Wahrheit Hamas-Terroristen gewesen.

Ein wei­teres krasses Beispiel für die ten­den­ziös israel-freund­liche Berichterstattung findet man in den TX-Zeitungen vom 27. August: Unter dem Titel «Damit die Welt den Horror in Gaza nicht sieht» publi­zierten sie einen Kommentar von Bernd Dörries, dem Nahostkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung SZ, zum jüng­sten Massaker von Chan Yunis und die gezielten Tötungen von Journalist:innen durch die israe­li­sche Armee.

Vergleicht man Dörries glei­chen­tags publi­zierten Originaltext in der SZ fällt sofort auf, dass dort der Kommentar dop­pelt so lang ist. Aber nicht nur das: Schaut man sich die von TX-Media vor­ge­nom­menen «Kürzungen» an, wird sofort klar: Dieser Kommentar wurde nicht nur in der Länge beschnitten, son­dern auch zurecht­fri­siert und entschärft.

Das beginnt schon beim Titel, der in der SZ lautet: «Krieg gegen Journalisten». Wo Dörries schreibt, dass ein Journalist durch einen israe­li­schen Luftschlag «umge­bracht» wurde, steht in den TX-Blättern schlicht und ein­fach, dass er durch den Luftschlag «starb».

Weiter ver­gleicht Dörries in seinem Text das Vorgehen der israe­li­schen Armee in Chan Yunis mit dem Vorgehen von Terrorgruppen. Dies wurde für die Schweizer Leserschaft raus­ge­stri­chen, genauso wie – nebst einer Reihe wei­terer Passagen – sein letzter prä­gnanter Satz: «Israel will ver­hin­dern, dass die Welt sieht, welch ein Horror in Gaza passiert.»

Es ist nicht nur beschä­mend, son­dern vor allem erschreckend, wohin sich der Journalismus in der Schweiz ent­wickelt hat. Wo bleibt die Berufsethik, die Recherche, die Suche nach Fakten und das Abwägen von Plausibilitäten? Wo bleibt der Respekt, die Solidarität mit unseren Kolleg:innen, die vor Ort unter wid­rig­sten Umständen, unter stän­diger Lebensgefahr einen unglaub­li­chen Job machen?

Hier in der Schweiz können kom­for­tabel von unseren Desks aus Fakten prüfen, abwägen, nach­re­cher­chieren und dar­über berichten, was Sache ist. Allerdings sollten wir das ohne Schere im Kopf tun, und ohne Rücksicht auf mehr oder weniger sanfte (unpro­to­kol­lierte) Druckversuche von Vorgesetzten. 

Valerie Zink, die kana­di­sche Reuters-Reporterin, die ihren Job geschmissen hat, weil die renom­mierte Agentur für die sie jah­re­lang arbei­tete, die wahren Todesumstände von im Gazakrieg abge­schos­senen Journalist:innen und Photograph:innen feige unter dem Deckel hält, hat es präzis auf den Punkt gebracht:

«Wenn du in einem Raum sitzt und zwei Personen über das Wetter dis­ku­tieren, wobei die eine sagt, dass es regnet, und die andere sagt, dass es nicht regnet, dann ist es nicht die Aufgabe des Journalisten, diese beiden Aussagen zu drucken. Seine Aufgabe ist es, aus dem Fenster zu schauen und dann den­je­nigen zu ent­larven, der lügt.»

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Zuviel Angst und zu wenig Frieden

Während sich einige mehr oder weniger grosse Player des Welttheaters auf der Bühne in Anchorage und Washington insze­nieren und über «Sicherheitsgarantien», «Friedensabkommen» und die dazu not­wen­digen «Deals» schwur­beln, fallen die Bomben weiter. Nicht nur in der Ukraine.

Tag für Tag sterben Hunderte, Tausende von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten durch Gewalt, Hunger und Krankheit. Das Ausmass der mut­wil­ligen, men­schen­ge­machten Zerstörung ist ver­stö­rend. Wir kennen die Bilder aus der Ukraine und Gaza.

Für die Weltöffentlichkeit auf einer Nebenbühne, ist im Sudan laut der NGO Oxfam «die grösste huma­ni­täre Krise der Welt» im Gang. Ausgelöst durch den seit bald zwei­ein­halb Jahren tobenden Machtkampf zweier riva­li­sie­render Armeen, die aus dem Ausland reich­lich mit Geld, Waffen und sogar Söldnern ali­men­tiert werden.

Die Verlockung, den an Bodenschätzen rei­chen Sudan zu beherr­schen, befeuert nicht nur die Rivalität zwi­schen der suda­ne­si­schen Regierungsarmee und den RSF-Milizen. Hinter den Kulissen agieren die alten und neuen Kolonialmächte, die ihre je eigenen Interessen ver­folgen. Auch in diesem Konflikt ist die schi­zo­phrene Haltung vieler Regierungen offen­sicht­lich: Im Scheinwerferlicht zeigt man sich besorgt und ruft nach Frieden, wäh­rend hinten herum Geschäfte gemacht und Pflöcke ein­ge­schlagen werden, um vom künf­tigen Wiederaufbau zu profitieren.

«Der Krieg im Sudan ist ein ver­ges­sener Krieg – und das mit Absicht», sagt die suda­ne­si­sche Frauen- und Friedensaktivistin Asha El-Karib. Deshalb gebe es auch kaum inter­na­tio­nalen Druck für ein bal­diges Ende der Kämpfe, und die huma­ni­täre Hilfe sei ange­sichts der immensen Bedürfnisse viel zu gering, fügt sie an. Laut Angaben der UNO sind gegen­wärtig über 12,4 Millionen Sudanesinnen und Sudanesen auf der Flucht, viele von ihnen leben als intern Vertriebene in rie­sigen Flüchtlingslagern, wo es an allem fehlt. 25 Millionen Menschen – rund die Hälfte der gesamten Bevölkerung im Sudan – leidet unter Mangelernährung und ist akut vom Hungertod bedroht…

Solche Zahlen über­steigen unser Vorstellungsvermögen, und es kann auch nicht darum gehen, eine Rangliste der «schlimm­sten huma­ni­tären Krisen der Welt» zu erstellen, oder diese gar gegen­ein­ander aus­zu­spielen. Egal ob in der Ukraine, in Gaza, im Sudan oder sonstwo auf der Welt: Es geht immer um Menschen, die unge­schützt und die Leidtragenden sind. Todesangst und Flucht sind ihre stän­digen Begleiterinnen.

Im aktu­ellen Heft des Strassenmagazins Surprise, das dem Krieg im Sudan einen Schwerpunkt widmet, kommen drei Frauen zu Wort, die aus ihrer Heimat nach Ägypten geflohen sind und nun in Kairo leben. «Wir wollten nicht fort. Ich habe näch­te­lang dar­über nach­ge­dacht, was, wenn wir auf dem Weg sterben?», schil­dert die 45jährige Nidal Ali die Tage, bevor sie mit sieben ihrer acht Kinder die suda­ne­si­sche Hauptstadt Khartum verliess.

Schliesslich ent­schieden sie sich zur gefähr­li­chen Flucht durch die Wüste, um ihre vier Töchter vor den RSF-Milizen, die für ihre Vergewaltigungen berüch­tigt sind, in Sicherheit zu bringen. Nidal Alis Mann blieb damals zurück, um das Haus zu ver­tei­digen. Schliesslich fiel er den RSF-Milizen in die Hände, die ihn bewusstlos schlugen und ermorden wollten. Mit viel Glück über­lebte er und ist heute bei seiner Familie in Kairo. Physisch und psy­chisch gehe es ihm nicht gut, sagt Nidal.

Auch die beiden anderen Frauen, die im Surprise zu Wort kommen, sind nur schweren Herzens und aus höch­ster Not aus Khartum geflohen. Die 33jährige Salma Awad – pas­sio­nierte Fussballerin und Velofahrerin – hatte unter der RSF-Besatzung noch ver­sucht, ihren Velokurierbetrieb auf­recht zu erhalten. «Als die Kämpfe eska­lierten, musste ich Khartum und mein Velo zurück­lassen», beschreibt sie den Beginn ihrer Flucht nach Ägypten.

Heute lebt sie bei ihrer Tante in Kairo und hat einen grossen Traum: «Ich will eine Ausbildung machen, Englisch lernen und Geld sparen. Und dann irgend­wann in den Sudan zurück­kehren, ein Sportzentrum für Frauen eröffnen und einen Velo-Lieferservice auf­ma­chen, in dem nur Frauen arbeiten. Ich möchte etwas von der Unterstützung, die ich erfahren habe, zurück­geben und alle Frauen ermu­tigen, ihren Träumen zu folgen.»

Die dritte por­trä­tierte Frau ist die 45jährige Menschenrechtsaktivistin Nagda Mansour, die in ein­drück­li­chen Worten schil­dert, wie der Krieg, dem sie phy­sisch ent­flohen ist, sie Tag und Nacht weiter ver­folgt und ihr Leben prägt. «Regelmässig poste ich Videos auf Facebook, in denen ich auf Menschenrechtsverletzungen im Sudan auf­merksam mache. Die Drohungen, die mein Mann und ich dafür erhalten, machen mir Sorgen – aber diese letzte Freiheit, meine Meinung zu äus­sern, lasse ich mir nicht nehmen», sagt sie im Interview.

Die Geschichten der drei Frauen, deren Flucht geglückt ist und die heute in rela­tiver Sicherheit leben, stehen in krassem Kontrast zu den Bildern und Nachrichten aus den Flüchtlingslagern im Sudan, wo Tod durch Gewalt, Hunger und Krankheit zum Alltag gehören. Die Lage scheint im Moment prak­tisch aus­sichtslos, von der UNO initi­ierte Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen sind bisher alle gescheitert.

«Die gän­gigen Verhandlungsmuster bei den suda­ne­si­schen Friedensprozessen stellen stets die Teilung von Macht und Reichtum ins Zentrum», sagt die femi­ni­sti­sche Friedensaktivistin Asha El-Karib, die sich seit Jahrzehnten für eine demo­kra­ti­sche, gerechte Gesellschaft in ihrem Land enga­giert. Dem Feilschen um Macht, Land und Bodenschätze, das bekannt­lich nicht nur soge­nannte «Friedensverhandlungen» im Sudan domi­niert, stellt Asha einen ganz anderen Friedensbegriff gegen­über, den die suda­ne­si­sche Frauenbewegung schon in den 1970er Jahren geprägt hat, und der sich an den Grundbedürfnissen der Menschen orientiert:

«Frauen defi­nieren Frieden kurz und bündig als Abwesenheit von Angst», fasst Asha zusammen. «Sie wollen beim Schlafengehen den Kopf aufs Kissen legen, ohne sich Sorgen dar­über machen zu müssen, ob die Kinder am näch­sten Tag zur Schule gehen können oder ob es genü­gend Essen auf dem Tisch haben wird…»

Wenn die Kriegsherren das Bärenfell unter sich ver­teilen und anschlies­send mit viel Brimborium einen Friedensvertrag unter­zeichnen, spielen die grund­le­genden Bedürfnisse der kriegs­ver­sehrten Menschen in aller Regel keine Rolle. Asha El-Karib und ihre Mitstreiterinnen for­dern des­halb seit Jahren, dass Frauen Friedensprozesse aktiv mit­ge­stalten. Denn solange wei­terhin Unterdrückung, Ausbeutung und Armut herr­schen, werde es keinen Frieden geben, sagt Asha El-Karib: «Aus femi­ni­sti­scher Sicht heisst Frieden soziale Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, keine Diskriminierung und keine Gewalt.»


Im Guardian vom 19. August 2025 3ine wei­tere Flucht-Geschichte – eine von Hunderttausenden:

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