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Barista für Ratsuchende und Beraterin für Rüstungsinvestments

Der morgend­liche Newsbeitrag auf RTS vom 29. August lässt aufhorchen: Nicoletta della Valle, die ehemalige Chefin des Bundesamtes für Polizei, Fedpol, die Anfang Jahr zurück­ge­treten ist, sitzt neu im Beirat der israe­li­schen Investmentgesellschaft «Champel Capital».

Eine Firma mit Sitz in Jerusalem, die bei uns (noch) wenig bekannt ist. Gegründet wurde das Unternehmen 2017 vom schwei­ze­risch-israe­li­schen Doppelbürger Amir Weitmann, zusammen mit seinem Genfer Freund aus Kindheitstagen Arié Benguigui.

Weitmann ist vor über 20 Jahren in eine orthodoxe Siedlung auf besetztem palästi­nen­si­schem Boden ausge­wandert. Der Likud-Parteigänger ist ein bekannter Hardliner in Sachen israe­li­scher Expansions- und Apartheidpolitik und nimmt diesbe­züglich kein Blatt vor den Mund. Vor allem in den Westschweizer Medien ist der in Genf aufge­wachsene Extremist Weitmann immer wieder zu hören, doch auch auf geschäft­licher Ebene pflegt er seine Beziehungen zur Schweiz.

So lädt Champel Capital für die Lancierung eines neuen Funds mit Fokus auf die Bereiche «Sicherheit und Verteidigung» zum Pitching-Event am 9. September nach Zürich ins Gryffenberghaus an der Bahnhofstrasse, und am 10. September nach Genf. Laut NZZ wollen Weitmann und seine Mitstreiter 100 Millionen USD in diesen boomenden Sektor investieren.

In seinen Posts auf Linkedin beschreibt Amir Weitmann regel­mässig und mit deutlichen Worten, um was es dabei geht. Europas Rüstungsindustrie, frohlockt er zum Beispiel, wachse dreimal schneller als noch vor dem Ukrainekrieg, was diesen Sektor für Investoren besonders inter­essant mache.

Mit Blick auf Israels aktuelle Kriegsmanöver im Nahen Osten zeigt sich Weitmann optimi­stisch, dass auch seine Firma daraus Profit ziehen werde: «Wenn dieser Konflikt beendet ist, wird Israels deutlich verbes­serte Position in Bezug auf Strategie und Sicherheit eine Welle des Wachstums in der Wirtschaft sowie bei Finanzen und Investitionen auslösen – angesichts der heiklen globalen Situation insbe­sondere im Sicherheits- und Verteidigungssektor. Wir bei Champel Capital sind gut positio­niert, um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen, da wir uns auf Investitionen im Verteidigungs- und Sicherheitssektor konzen­trieren werden.»

Im sechs­köp­figen Beirat, der die israe­li­schen Unternehmer bei der Wahl ihrer Investitionen im Rüstungssektor berät, sitzen neben Nicoletta della Valle der US-ameri­ka­nische Ex-Militär John W. Spencer, der als «weltweit führender Experte in städti­scher Kriegsführung» gilt, und der pensio­nierte Generalleutnant der United States Air Force Thomas J. Trask. Weiter dabei sind der Ex-IDF-Generalmajor Yoav Har-Even, der als Hardliner bekannte ehemalige israe­lische Polizeipräsident Kobi Shabtai und der Schweizer ETH-Ingenieur David Shapira, aktuell CTO bei der Firma Swiss Innovation Forces AG. Diese 2022 gegründete Aktiengesellschaft ist ein privat­wirt­schaftlich organi­siertes Unternehmen, das zu 100 Prozent dem Bund gehört und dessen Aufgabe es ist, «Innovationsprojekte für die Schweizer Armee anzustossen».

Mit anderen Worten: Ein aus Steuergeldern bezahlter Schweizer Ingenieur, der fürs VBS arbeitet, sitzt im Beirat eines israe­li­schen Unternehmens, das in grossem Stil in Kriegs- und Rüstungsindustrie investiert. Er tue dies, ist auf NZZ online nachzu­lesen, «in privater Funktion»…

Die ehemalige oberste Bundespolizistin Nicoletta della Valle, einzige Frau im Rüstungsfund-Beirat, gehöre «zu den erfah­rensten Schweizer Sicherheitsexpertinnen», ist auf der Website der Investmentgesellschaft zu lesen, und verfüge über «eine einmalige Kombination von juristi­schem Fachwissen, opera­tiver Führungskompetenz und Erfahrungen in grenz­über­schrei­tender Koordination, was sie zu einer strate­gi­schen Beraterin in den Bereichen nationale Sicherheit, Polizeiarbeit und staat­licher Gouvernanz macht».

Nicoletta della Valle macht also unver­froren ihre «Erfahrungen» im Fedpol zu Geld. Anfragen von RTS zu ihrem neuen Job liess sie mit dem Hinweis, es handle sich hier um eine Privatsache, unbeant­wortet. Aus früheren Medienberichten ist aller­dings bekannt, dass della Valle ein grosser Israel-Fan ist, was auch ihre Posts auf Social Media bestä­tigen. Dies dürfte ein weiterer Grund sein, weshalb sie offenbar keine Hemmungen hat, sich ihr Know-how von der von israe­li­schen Extremisten geführten Champel Capital vergolden zu lassen.

Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass im Berner «Bund» ein Artikel über die gleiche Nicoletta della Valle erschienen ist, für den sie mit ihren Auskünften wesentlich freigie­biger war: Im Porträt über die ehemalige Bundesbeamtin schwärmte die Barista Nicoletta von ihrem neuen Leben als Betreiberin einer Kaffeebar mit Beratungsangebot für Menschen, die Unterstützung brauchen, etwa beim Schreiben von Bewerbungen oder bei der Anmeldung bei der Gemeinde.

Ihr Gerechtigkeitssinn lasse sie nicht ruhen, begründet della Valle ihr Engagement und präsen­tiert sich der Zeitung als sozial mitfüh­lende Staatsbürgerin. «Aus meiner heute privi­le­gierten Position wollte ich etwas Nützliches zurück­geben», lässt sie sich im Bund zitieren und verriet der Journalistin auch, dass sie einiges an Geld in das Projekt investiert habe.

Das Bild der netten ehema­ligen Fedpol-Chefin, die zur sozial engagierten Kaffeebarbetreiberin mutiert, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was Nicoletta della Valle in ihrem anderen, ohne Frage lukra­ti­veren neuen Job bei den israe­li­schen Kriegsinvestoren treibt.

Während sie sich in ihrem Berner Quartierlokal mit Beratungsecke als Philanthropin darstellt, hat sie keinerlei Skrupel, ihre im langjäh­rigen Dienst der Eidgenossenschaft erwor­benen Netzwerke und Kenntnisse in den Dienst einer von israe­li­schen Ultrarechten geführten Firma zu stellen. Eine Firma und deren Chefs, die den aktuellen Völkermord in den von Israel besetzten Gebieten massgeblich unter­stützen. Das jedoch war im halbsei­tigen Bund-Artikel kein Thema.

Eigentlich wäre dies aber ein klarer Fall für Sanktionen gegenüber israe­li­schen Unternehmen, wie sie die UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese schon lange fordert. Statt dass man jedoch in der Schweiz Firmen wie Champel Capital mit Sanktionen oder gar einem Verbot von geschäft­lichen Aktivitäten belegt, profi­tieren die radikalen Israelis vom Know-how, das eine langjährige Geheimnisträgerin auf Staatskosten erworben hat, und lassen sich darüber hinaus auch noch von einem aktuell für die Schweizer Armee tätigen Ingenieur beraten.

Wo bleibt der Aufschrei? Der Ruf nach Sanktionen? Nach Boykott von israe­li­schen Investmentgesellschaften?

Während unsere Behörden im Juni mit aller Macht versuchten, die Auftritte der UNO-Beauftragten Francesca Albanese zu verhindern, schreit kein Schweizer Hahn danach, wenn eine israe­lische Investmentfirma ihr Business in Zürich und Genf an promi­nen­tester Adresse promotet.

Weil Frau della Valle im Beirat sitzt?


Nachtrag vom 21. September 2025:

Ein Augenschein auf der Website von Champel Capital zeigt: Die kritische Berichterstattung sowie ein diesbe­züg­licher politi­scher Vorstoss im Nationalrat haben gewirkt: David Shapira musste offenbar aus dem Beirat der israe­li­schen Investment Firma zurücktreten…

Nachtrag vom 9. Oktober 2025:

Das neuste Update der Champel-Capital Website zeigt: Auch Nicoletta della Valle sitzt nicht mehr im Beirat des Rüstungsfonds von Champel Capital! Offenbar musste auch sie dem Druck nachgeben – vermutlich, um ihr Berner Bar-Projekt, das am 18. Oktober starten soll, zu retten…. 

Das Fazit: Es lohnt sich, genau hinzu­schauen, aufzu­decken, Klartext zu schreiben! Immerhin sind Shapira und della Valle nun ausge­schieden – trotzdem gilt es weiterhin, bei den Geschäften von Champel Capital in der Schweiz genau hinzuschauen…

Schweigen, beschönigen und vertuschen

Die offizielle Schweiz hält weiterhin an ihrer Vogelstrauss-Politik in Bezug auf Israels Völkermord fest. Das EDA verschickte einzig ein laues Protestschreiben im Nachgang des jüngsten durch Israel verübten Doppel-Anschlags auf das Spital in Chan Yunis, bei dem die israe­lische Armee erneut gezielt Helfer:innen und Journalist:innen tötete. Ein weiteres Kriegsverbrechen, das aber weder unsere Politiker:innen noch die Medien beim Namen nennen.

In peinlichem Kontrast zu den Bildern aus Gaza steht ein Foto aus der heilen Schweizer Welt, das SP-Nationalrat Fabian Molina in den Sozialen Medien postete. Es wurde dieser Tage anlässlich einer zweitä­gigen Retraite der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats (APK) im Schloss Chillon an den Gestaden des Genfersees geschossen.

Umrahmt von den mittel­al­ter­lichen Mauern posieren selbst­zu­friedene Poliltiker:innen mit fröhlichem Lächeln für das Gruppenbild – in ihrer Mitte mit geschwellter Brust und in Lachpose auch Aussenminister Ignazio Cassis, der mit von der Partie war.

Während in anderen Ländern immer mehr Politiker:innen wirksame Massnahmen und Sanktionen gegen Israels Menschen-Vernichtungsmaschinerie fordern und immer öfter auch durch­setzen, scheint dies in der Schweiz weiterhin kein Thema zu sein. Den hinter­häl­tigen Doppelangriff auf das Spital im Süden von Gaza vom 25. August, bei dem Israel wiederum fünf Medienschaffende getötet und so zum Schweigen gebracht hat, quittierte das EDA bloss mit der immer­gleich abgespulten «Verurteilung».

Offensichtlich hat auch der Betriebsausflug der Aussenpolitiker:innen an den Genfersee keine Änderung der im Bundeshaus betrie­benen Leisetreterpolitik gegenüber Israel bewirkt. Was auch nicht weiter erstaunlich ist, angesichts der Tatsache, dass 10 (!) der insgesamt 25 Mitglieder der APK gleich­zeitig Mitglieder der «Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel» sind – der von Israel gesteu­erten Lobbyorganisation, welcher insgesamt nicht weniger als 47 Parlamentarier:innen angehören.

Bis heute werden hierzu­lande denn auch weder die Handels- noch die Militärbeziehungen zwischen der Schweiz und Israel infrage gestellt. Stattdessen begnügen sich unsere Aussenpolitiker:innen – milde gesagt – mit der Rolle des besorgten Publikums. Und machen sich damit zu Mitschuldigen: Gegen offen­sicht­lichen Völkermord keine Massnahmen ergreifen, heisst letztlich, den Völkermord gutheissen.

Genauso wie die Politiker:innen, halten auch unsere Medien nach wie vor am alten Narrativ vom unantast­baren Staat Israel fest, der sich gegen den Terror der Palästinenser:innen schützen müsse. Dies, obschon Recherchen und Berichte inter­na­tio­naler Organisationen und Medien längst aufge­deckt haben und immer wieder von neuem aufzeigen, welch üble Propaganda und Desinformationspolitik Israel betreibt, um seine Gräueltaten gegenüber der Weltöffentlichkeit zu vertu­schen und zu beschö­nigen. Tatsachen, die von Journalist:innen hierzu­lande gerne unter den Tisch gewischt werden.

So wies etwa der «Guardian», in Zusammenarbeit mit dem israe­lisch-palästi­nen­si­schen Online-Magazin +972, vor einer Woche in einem gut recher­chierten Hintergrundbericht nach, dass 83 Prozent der in Gaza getöteten Menschen Zivilist:innen waren, und gerade mal 17 Prozent «Hamas-Terroristen». Diese Zahlen stammen notabene aus einer internen israe­li­schen Quelle und beziehen sich auf die israe­li­schen Angriffe auf Gaza vom 7. Oktober 2023 bis Mai 2025.

Der Bericht sorgte inter­na­tional für Schlagzeilen. In der Schweiz dauerte es aller­dings fast eine Woche, bis sich SRF News dem Thema angenommen und am 27. August einen längeren Online-Text dazu veröf­fent­licht hat. Allerdings traute man bei der SRG offenbar den Rechercheur:innen des briti­schen Weltblatts sowie der Zuverlässigkeit des mutigen und bestens vernetzten israe­li­schen Investigativ-Journalisten Yuval Abraham nicht. SRF-Online titelt nämlich: «Sind 83 Prozent der Getöteten im Gazastreifen Zivilisten?»

Warum dieses Fragezeichen, fragt sich da die kritische Leserin, die den Originalbericht kennt. Wie in den Schweizer Medien üblich, stellt auch SRF die fakten­ba­sierten Recherchen von Guardian und +972 eins zu eins, gleich­wertig und unhin­ter­fragt, den Aussagen der IDF-Propagandatruppe gegenüber, die selbst­ver­ständlich die Existenz der im Bericht zitierten Datenbank leugnet und behauptet, die genannten Zahlen seien falsch.

Statt Israels offen­sicht­liche – und in den letzten Wochen und Monaten vielfach entlarvte – Kriegspropaganda und Lügenpolitik als das zu benennen, was sie ist, werden die immer gleichen Vorwände und Scheinargumente für die Tötungsaktionen von unseren Medien aufge­nommen und weiter­ver­breitet. Dazu gehören immer wieder unbewiesene Behauptungen der IDF, man habe «auf Hamas-Einrichtung gezielt» oder getötete Journalist:innen seien in Tat und Wahrheit Hamas-Terroristen gewesen.

Ein weiteres krasses Beispiel für die tendenziös israel-freund­liche Berichterstattung findet man in den TX-Zeitungen vom 27. August: Unter dem Titel «Damit die Welt den Horror in Gaza nicht sieht» publi­zierten sie einen Kommentar von Bernd Dörries, dem Nahostkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung SZ, zum jüngsten Massaker von Chan Yunis und die gezielten Tötungen von Journalist:innen durch die israe­lische Armee.

Vergleicht man Dörries gleichentags publi­zierten Originaltext in der SZ fällt sofort auf, dass dort der Kommentar doppelt so lang ist. Aber nicht nur das: Schaut man sich die von TX-Media vorge­nom­menen «Kürzungen» an, wird sofort klar: Dieser Kommentar wurde nicht nur in der Länge beschnitten, sondern auch zurecht­fri­siert und entschärft.

Das beginnt schon beim Titel, der in der SZ lautet: «Krieg gegen Journalisten». Wo Dörries schreibt, dass ein Journalist durch einen israe­li­schen Luftschlag «umgebracht» wurde, steht in den TX-Blättern schlicht und einfach, dass er durch den Luftschlag «starb».

Weiter vergleicht Dörries in seinem Text das Vorgehen der israe­li­schen Armee in Chan Yunis mit dem Vorgehen von Terrorgruppen. Dies wurde für die Schweizer Leserschaft rausge­strichen, genauso wie – nebst einer Reihe weiterer Passagen – sein letzter prägnanter Satz: «Israel will verhindern, dass die Welt sieht, welch ein Horror in Gaza passiert.»

Es ist nicht nur beschämend, sondern vor allem erschreckend, wohin sich der Journalismus in der Schweiz entwickelt hat. Wo bleibt die Berufsethik, die Recherche, die Suche nach Fakten und das Abwägen von Plausibilitäten? Wo bleibt der Respekt, die Solidarität mit unseren Kolleg:innen, die vor Ort unter widrigsten Umständen, unter ständiger Lebensgefahr einen unglaub­lichen Job machen?

Hier in der Schweiz können komfor­tabel von unseren Desks aus Fakten prüfen, abwägen, nachre­cher­chieren und darüber berichten, was Sache ist. Allerdings sollten wir das ohne Schere im Kopf tun, und ohne Rücksicht auf mehr oder weniger sanfte (unpro­to­kol­lierte) Druckversuche von Vorgesetzten. 

Valerie Zink, die kanadische Reuters-Reporterin, die ihren Job geschmissen hat, weil die renom­mierte Agentur für die sie jahrelang arbeitete, die wahren Todesumstände von im Gazakrieg abgeschos­senen Journalist:innen und Photograph:innen feige unter dem Deckel hält, hat es präzis auf den Punkt gebracht:

«Wenn du in einem Raum sitzt und zwei Personen über das Wetter disku­tieren, wobei die eine sagt, dass es regnet, und die andere sagt, dass es nicht regnet, dann ist es nicht die Aufgabe des Journalisten, diese beiden Aussagen zu drucken. Seine Aufgabe ist es, aus dem Fenster zu schauen und dann denje­nigen zu entlarven, der lügt.»

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Zuviel Angst und zu wenig Frieden

Während sich einige mehr oder weniger grosse Player des Welttheaters auf der Bühne in Anchorage und Washington insze­nieren und über «Sicherheitsgarantien», «Friedensabkommen» und die dazu notwen­digen «Deals» schwurbeln, fallen die Bomben weiter. Nicht nur in der Ukraine.

Tag für Tag sterben Hunderte, Tausende von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten durch Gewalt, Hunger und Krankheit. Das Ausmass der mutwil­ligen, menschen­ge­machten Zerstörung ist verstörend. Wir kennen die Bilder aus der Ukraine und Gaza.

Für die Weltöffentlichkeit auf einer Nebenbühne, ist im Sudan laut der NGO Oxfam «die grösste humanitäre Krise der Welt» im Gang. Ausgelöst durch den seit bald zweieinhalb Jahren tobenden Machtkampf zweier rivali­sie­render Armeen, die aus dem Ausland reichlich mit Geld, Waffen und sogar Söldnern alimen­tiert werden.

Die Verlockung, den an Bodenschätzen reichen Sudan zu beherr­schen, befeuert nicht nur die Rivalität zwischen der sudane­si­schen Regierungsarmee und den RSF-Milizen. Hinter den Kulissen agieren die alten und neuen Kolonialmächte, die ihre je eigenen Interessen verfolgen. Auch in diesem Konflikt ist die schizo­phrene Haltung vieler Regierungen offen­sichtlich: Im Scheinwerferlicht zeigt man sich besorgt und ruft nach Frieden, während hinten herum Geschäfte gemacht und Pflöcke einge­schlagen werden, um vom künftigen Wiederaufbau zu profitieren.

«Der Krieg im Sudan ist ein verges­sener Krieg – und das mit Absicht», sagt die sudane­sische Frauen- und Friedensaktivistin Asha El-Karib. Deshalb gebe es auch kaum inter­na­tio­nalen Druck für ein baldiges Ende der Kämpfe, und die humanitäre Hilfe sei angesichts der immensen Bedürfnisse viel zu gering, fügt sie an. Laut Angaben der UNO sind gegen­wärtig über 12,4 Millionen Sudanesinnen und Sudanesen auf der Flucht, viele von ihnen leben als intern Vertriebene in riesigen Flüchtlingslagern, wo es an allem fehlt. 25 Millionen Menschen – rund die Hälfte der gesamten Bevölkerung im Sudan – leidet unter Mangelernährung und ist akut vom Hungertod bedroht…

Solche Zahlen übersteigen unser Vorstellungsvermögen, und es kann auch nicht darum gehen, eine Rangliste der «schlimmsten humani­tären Krisen der Welt» zu erstellen, oder diese gar gegen­ein­ander auszu­spielen. Egal ob in der Ukraine, in Gaza, im Sudan oder sonstwo auf der Welt: Es geht immer um Menschen, die ungeschützt und die Leidtragenden sind. Todesangst und Flucht sind ihre ständigen Begleiterinnen.

Im aktuellen Heft des Strassenmagazins Surprise, das dem Krieg im Sudan einen Schwerpunkt widmet, kommen drei Frauen zu Wort, die aus ihrer Heimat nach Ägypten geflohen sind und nun in Kairo leben. «Wir wollten nicht fort. Ich habe nächtelang darüber nachge­dacht, was, wenn wir auf dem Weg sterben?», schildert die 45jährige Nidal Ali die Tage, bevor sie mit sieben ihrer acht Kinder die sudane­sische Hauptstadt Khartum verliess.

Schliesslich entschieden sie sich zur gefähr­lichen Flucht durch die Wüste, um ihre vier Töchter vor den RSF-Milizen, die für ihre Vergewaltigungen berüchtigt sind, in Sicherheit zu bringen. Nidal Alis Mann blieb damals zurück, um das Haus zu vertei­digen. Schliesslich fiel er den RSF-Milizen in die Hände, die ihn bewusstlos schlugen und ermorden wollten. Mit viel Glück überlebte er und ist heute bei seiner Familie in Kairo. Physisch und psychisch gehe es ihm nicht gut, sagt Nidal.

Auch die beiden anderen Frauen, die im Surprise zu Wort kommen, sind nur schweren Herzens und aus höchster Not aus Khartum geflohen. Die 33jährige Salma Awad – passio­nierte Fussballerin und Velofahrerin – hatte unter der RSF-Besatzung noch versucht, ihren Velokurierbetrieb aufrecht zu erhalten. «Als die Kämpfe eskalierten, musste ich Khartum und mein Velo zurück­lassen», beschreibt sie den Beginn ihrer Flucht nach Ägypten.

Heute lebt sie bei ihrer Tante in Kairo und hat einen grossen Traum: «Ich will eine Ausbildung machen, Englisch lernen und Geld sparen. Und dann irgendwann in den Sudan zurück­kehren, ein Sportzentrum für Frauen eröffnen und einen Velo-Lieferservice aufmachen, in dem nur Frauen arbeiten. Ich möchte etwas von der Unterstützung, die ich erfahren habe, zurück­geben und alle Frauen ermutigen, ihren Träumen zu folgen.»

Die dritte porträ­tierte Frau ist die 45jährige Menschenrechtsaktivistin Nagda Mansour, die in eindrück­lichen Worten schildert, wie der Krieg, dem sie physisch entflohen ist, sie Tag und Nacht weiter verfolgt und ihr Leben prägt. «Regelmässig poste ich Videos auf Facebook, in denen ich auf Menschenrechtsverletzungen im Sudan aufmerksam mache. Die Drohungen, die mein Mann und ich dafür erhalten, machen mir Sorgen – aber diese letzte Freiheit, meine Meinung zu äussern, lasse ich mir nicht nehmen», sagt sie im Interview.

Die Geschichten der drei Frauen, deren Flucht geglückt ist und die heute in relativer Sicherheit leben, stehen in krassem Kontrast zu den Bildern und Nachrichten aus den Flüchtlingslagern im Sudan, wo Tod durch Gewalt, Hunger und Krankheit zum Alltag gehören. Die Lage scheint im Moment praktisch aussichtslos, von der UNO initi­ierte Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen sind bisher alle gescheitert.

«Die gängigen Verhandlungsmuster bei den sudane­si­schen Friedensprozessen stellen stets die Teilung von Macht und Reichtum ins Zentrum», sagt die femini­stische Friedensaktivistin Asha El-Karib, die sich seit Jahrzehnten für eine demokra­tische, gerechte Gesellschaft in ihrem Land engagiert. Dem Feilschen um Macht, Land und Bodenschätze, das bekanntlich nicht nur sogenannte «Friedensverhandlungen» im Sudan dominiert, stellt Asha einen ganz anderen Friedensbegriff gegenüber, den die sudane­sische Frauenbewegung schon in den 1970er Jahren geprägt hat, und der sich an den Grundbedürfnissen der Menschen orientiert:

«Frauen definieren Frieden kurz und bündig als Abwesenheit von Angst», fasst Asha zusammen. «Sie wollen beim Schlafengehen den Kopf aufs Kissen legen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, ob die Kinder am nächsten Tag zur Schule gehen können oder ob es genügend Essen auf dem Tisch haben wird…»

Wenn die Kriegsherren das Bärenfell unter sich verteilen und anschliessend mit viel Brimborium einen Friedensvertrag unter­zeichnen, spielen die grund­le­genden Bedürfnisse der kriegs­ver­sehrten Menschen in aller Regel keine Rolle. Asha El-Karib und ihre Mitstreiterinnen fordern deshalb seit Jahren, dass Frauen Friedensprozesse aktiv mitge­stalten. Denn solange weiterhin Unterdrückung, Ausbeutung und Armut herrschen, werde es keinen Frieden geben, sagt Asha El-Karib: «Aus femini­sti­scher Sicht heisst Frieden soziale Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, keine Diskriminierung und keine Gewalt.»


Im Guardian vom 19. August 2025 3ine weitere Flucht-Geschichte – eine von Hunderttausenden:

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