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Das Smartphone im Museum

Als letzte Destination unserer Österreichferien steht Wien auf dem Programm. Es ist Sonntag, der 13. Juli und der letzte Tag der Sonderausstellung «Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918» im Leopoldmuseum. Eine Chance, die wir unbedingt packen wollen – schon beim Museumsbesuch in Linz hatten mich Werke von Schiele in ihren Bann gezogen und mein Interesse an seiner Lebensgeschichte geweckt.

Die Sorge, dass das Museum überlaufen sein könnte, weil es der letzte Tag der Ausstellung ist, entpuppt sich als unbegründet. Für den Kauf unserer Tickets müssen wir nicht einmal anstehen, und die Räume sind gross­zügig konzi­piert, so dass die Besucher:innen in Ruhe und mit Genuss in die Werke und ihre Geschichten eintauchen können.

Oder besser gesagt: Könnten. Hätten alle ihr Smartphones in der Garderobe oder zuhause gelassen… Kaum stehe ich vor dem ersten Bild, drängt sich ein junger Typ mit seinem Handy zwischen mich und Schiele und knipst wild drauflos – offenbar will er eine Serie von Nahaufnahmen des Gemäldes mit nachhause nehmen. Und natürlich auch den seitlich vom Bild angebrachten Beschrieb, den er – weil klein­ge­druckt – ebenfalls aus nächster Nähe ablichtet.

Ich versuche auszu­weichen, gehe zum nächsten Bild, wo mir tatsächlich ein paar Momente der Ruhe gegönnt sind, bevor auch hier wieder eine ihr Handy zückt und den eben gerade noch magischen Moment zerstört…

Man kennt das mittler­weile ja mehr als zur Genüge: Heute gehört die Knipserei fest zum Museumsbesuch. Statt dass man die Werke vor Ort im Original betrachtet und wirken lässt, wird fotogra­fiert was das Zeug hält – wozu, bleibt mir schleierhaft.

Zumal die in Eile aufge­nom­menen Schnappschüsse den ausge­stellten Werken niemals und in keinster Weise gerecht werden können. Schon gar nicht in der Form von Selfies, die nur einen Zweck haben: Der Welt zeigen, ICH war dort…

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Das Kunstwerk als Kulisse fürs eigene Ego – eine Unsitte, dem die Museen ganz einfach einen Riegel schieben könnten, indem sie das Fotografieren verbieten würden. Warum sie das nicht tun, ist mir ein Rätsel. Zumal Museen ihre Ausstellungen – auch jene über Schieles letzte Jahre – heutzutage online ausgiebig dokumen­tieren, inklusive adäquater Fotos von den Bildern – mit Copyright notabene.

Aber offen­sichtlich wider­spricht ein solches Verbot (noch) dem aktuellen Zeitgeist: Nachdem ein Tourist in Florenz beim Posieren für ein Foto in den Uffizien ein barockes Bild beschädigt hatte, kündigte deren Direktor zusätzlich zum bestehenden Verbot von Blitzlicht und Selfiestick strengere Auflagen an, was in den sozialen Medien schon für einen Aufschrei sorgte. 

Der touris­mus­affine Kulturbetrieb profi­tiert zu sehr von der durch Handypromotion betrie­benen Gratiswerbung, als dass man darauf verzichten wollte. Ein schla­gendes Beispiel dafür ist der Massenauflauf von über 13’000 Follower:innen anlässlich eines Konzerts im Kölner Dom, zu dem die britische Organistin Anna Lapwood einge­laden hatte. Ihr Geschäftsmodell: Verzicht auf Urheberrecht, statt­dessen die Aufforderung an ihre Fans, die Konzerte zu filmen und mit ihren Posts auf Social Media zu zeigen, dass sie dabei gewesen sind…

Davon profi­tiert nicht nur die Künstlerin, sondern – in diesem Fall – auch die Tourismusdestination Köln. Nach den Schlagzeilen und Bildern, die über dieses «Ereignis» um die Welt verklickert wurden, dürfte der Kölner Dom noch mehr zu einem Besucher:innenmagneten werden, als er es ohnehin schon war. Genauso wie all die anderen Orte, die durch das Abfeiern im Netz zu übertram­pelten Hotspots geworden sind.

Vor fast 400 Jahren schrieb der franzö­sische Philosoph René Descartes den berühmten Satz «Ich denke, also bin ich». Angesichts des Herdenverhaltens der heutigen Menschheit und dem Bedürfnis, sich als Massenteilchen zu outen, müsste es heute wohl eher heissen: «Ich bin dort, wo alle andern sind, also bin auch ich».

Es gibt aber – zumindest im Bereich von Bühne und Musik – längst auch den Versuch, der Handypest mit Verboten entge­gen­zu­wirken. Ich beobachte aller­dings immer wieder, wie sich viele Leute in Theatern und Konzertsälen um das Aufnahmeverbot foutieren. Sie können oder wollen es nicht lassen, ihr Handy zu zücken und einen Teil des Auftritts oder Konzerts mitzu­schneiden. Frei nach dem Motto: Mein Ego first, was stören mich die Proteste des Mitpublikums. Und wehe, mehrere tun es. Dann brechen alle Dämme und die Klickerei wird zum Tsunami.

Doch auch dafür gäbe es Gegenmassnahmen, wie das Beispiel der schwe­di­schen Heavy Metal Band Ghost zeigt. Die Band hat für ihre Welttournee 2025 ein absolutes Handyverbot erlassen, und zwingt die Konzertbesucher:innen dazu, ihr Smartphone beim Eintritt in einen sogenannten Yondr-Beutel zu stecken, der beim Eintritt magne­tisch verschlossen wird. Eine Erfindung notabene aus den USA, die schon vor zehn Jahren gemacht wurde, bei uns aber noch kaum Anwendung findet.

Eine Ausnahme war der Ghost-Auftritt im Zürcher Hallenstadion. Anfänglich sei es ein mulmiges Gefühl gewesen, sein Handy wegzu­sperren, schreibt Sarina Dünnenberger, People-Redaktorin beim Blick – um dann begei­stert über ein Konzert zu berichten, wie sie es noch nie erlebt habe:

«Versperren mir norma­ler­weise Hunderte von Bildschirmen die Sicht auf die Bühne, waren es an dem Abend in die Luft gestreckte, zum Rhythmus der Musik schwin­gende Arme – so, wie es sich bei einem Konzert eigentlich gehört. Anstelle von Taschenlampen sorgten vereinzelt Feuerzeuge für Atmosphäre. Das Beste: Alle sangen ausge­lassen mit, denn niemand musste sich Sorgen machen, später zu merken: «Ich bin ja auf allen meinen Videos zu hören! Das kann ich so nicht auf Instagram hochladen!» 

Also nichts wie los! Egal ob Konzert, Theater oder Museum: Ab sofort das Handy in den Garderobeschrank oder in den Yondr-Beutel! Wer hat was dagegen?

Ein Hotel ist mehr als ein Hotel…

Die erste Destination unserer Ferienreise heisst Linz: Mit dem Zug reisen wir über München und Salzburg in die Landeshauptstadt von Oberösterreich. Die Unterkunft buchen wir rund zwei Wochen im Voraus. Per Internet, wie wir das fast immer machen.

Das Hotel heisst Linz City Center: Die Bilder auf der Website zeigen helle, moderne Zimmer in einem geschichts­träch­tigen Gebäude – die Lage mitten in der Altstadt scheint top, und der Preis ist vernünftig. Genau, was wir gesucht haben…

Kurz vor unserer Abreise erreicht uns per Mail eine Nachricht vom Hotel, wonach dieses den Besitzer und damit auch den Namen gewechselt habe:

Wir sind stolz darauf, Ihnen mitteilen zu können, 
dass wir ab sofort ein Teil der "Leonardo Hotels Gruppe" 
sind. Infolgedessen wurden wir umbenannt in 
"Leonardo Boutique Linz City Center."

Die Info kümmert uns nicht gross. Die Allerweltsetikette BOUTIQUE beein­druckt uns nicht weiter, Hauptsache, das Hotel wird nicht unter unseren Füssen und Betten umgebaut. Zudem nehmen wir zur Kenntnis, dass offenbar auch in Österreich Gastrokonzerne auf Einkaufstour sind – ein Trend, der sich bekanntlich weltweit durch­setzt. Wir bemühen uns bei der Auswahl unserer Unterkünfte sonst zwar darum, wenn immer möglich Privatbetriebe zu berück­sich­tigen – aber das Hotel ist gebucht, und Leonardo tönt immerhin europäisch und nach da Vinci, besser als Shangri La oder Mandarin.

Der Weg vom Bahnhof in die Altstadt von Linz führt am Volkspark vorbei direkt ins Zentrum. Unser Hotel liegt in der Steingasse, einer ruhigen Seitenstrasse, nur einen Steinwurf vom Mariendom entfernt. Über dem Eingang hängt eine Steinplatte mit einer Inschrift, die uns darauf aufmerksam macht, dass hier einst die Linzer Realschule unter­ge­bracht war, die der bekannte öster­rei­chische Schriftsteller und damalige Landesschulinspektor Adalbert Stifter 1851 mitge­gründet hat, in welcher der weltbe­rühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein von 1903 bis 1906 die Schulbank drückte. Wir stellen uns vor, wie er schon damals begann, sinnvolle von sinnlosen Sätzen zu unterscheiden…

An der Rezeption ein sehr freund­licher Empfang. Mit dem Lift in den 3. Stock, wo unser Zimmer genauso freundlich und hell ist, wie wir es aufgrund der Fotos im Internet erwartet hatten. Vor unserem Fenster, fast zum Greifen nahe, der statt­liche Turm des Mariendoms – ein toller Ausblick!

Zufrieden und voller Tatendrang greifen wir uns den Stadtplan und machen uns auf den Weg – diesmal zu Fuss wieder zum Ausgang – hinunter über die histo­rische Steintreppe, auf welcher schon Adalbert Stifter gewandelt ist und Tausende von Schüler mit dem Läuten der Pausengloche auf und ab gewetzt sind – unter ihnen Ludwig Wittgenstein, und ebenfalls um die Jahrhundertwende, auch ein späterer gross­deut­scher Reichskanzler*.

Kurzum: Wir sind zufrieden mit unserer Hotelwahl. Das böse Erwachen kommt erst später, nach einer abend­lichen Entdeckungstour durch die Stadt, gekrönt von einem feinen Znacht in einem sommerlich-lauschigen Innenhof. Kurz vor dem Lichterlöschen linke ich mich noch einmal ins hotel­eigene WLAN ein, dabei poppt das Leonardo-Buchungstool auf, mit einer Karte, auf welcher sämtliche 294(!) konzern­ei­genen Hotels verlinkt sind.

Alles Destinationen in Europa – mit einer Ausnahmen: In Israel führt der Konzern 41 Hotels – deutlich mehr als in allen anderen Ländern, mit Ausnahme von Deutschland und dem UK… Damit ist meine Neugier geweckt – und ans Schlafen nicht mehr zu denken.

Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Die Leonardo Hotelkette hat ihren Hauptsitz in Berlin, gehört aber zur Fattal Hotel Group – einem israe­li­schen Hotelkonzern, der 1998 von David Fattal gegründet worden ist.

Der heute 67jährige Multimillionär präsen­tiert sich gerne als Selfmademan, der als Hotelpage angefangen und sich zum grössten Hotelunternehmer in Israel herauf­ge­ar­beitet hat und heute über ein riesiges Hotelimperium herrscht – das weiterhin auf Wachstumskurs ist.

In einem Interview mit der Zeitschrift Capital (2020) antwortete er auf die Frage, ob er im Luxus schwebe: «Ich habe ein schönes Penthouse mit Pool in Tel Aviv. Ausserdem gehört mir ein eigenes Flugzeug, eine Bombardier Gulfstream. Das brauche ich, weil wir mittler­weile in 19 Ländern aktiv sind. Und wenn ich vor der Entscheidung stehe, 35 Hotels zu kaufen, muss ich mir die alle vorher ansehen. Und dann will ich auch schnell wieder zu meinen fünf Kindern zurück.»

Seit diesem Interview sind bereits fünf Jahre vergangen, und der Konzern ist weiter gewachsen. 2024 wurde David Fattal dafür in Paris als «Hotelier des Jahres» geehrt. Dabei blieb die proble­ma­tische Rolle des israe­li­schen Grossunternehmers als Befürworter des israe­li­schen Ausrottungskriegs in Gaza und im Westjordanland natürlich unerwähnt.

Fakt ist, dass Fattal mit seinem Unternehmen den Krieg seiner Regierung unter­stützt. Dies geht unter anderem aus Posts der Fattal Hotels auf Linkedin hervor, die etwa darüber berichten, wie David Fattal anlässlich einer Feier für das Personal, das Extraeinsätze während des Kriegs geleistet hat, sagte: «Es waren unglaublich schwierige Zeiten, aber ich bin sicher, dass jeder von Euch sehr stolz auf seinen Beitrag ist, sei es auf dem Schlachtfeld oder an der Heimatfront. Wir von Fattal Hotels haben Evakuierte, Geiselfamilien und Soldaten unter­stützt … Ich hoffe, dass alle Geiseln und Soldaten bald in ihre Heimat zurück­kehren. Ich grüsse und danke jedem Einzelnen von Euch.»

Darüber hinaus gibt es Berichte, wonach David Fattal in seinem Hotelimperium die Apartheitspolitik der israe­li­schen Regierung mit verschie­denen Aktionen aktiv unter­stützt. So hat zum Beispiel das Leonardo Plaza Hotel in Jerusalem im Herbst 2024 für Kämpfer:innen des ultra­na­tio­na­li­sti­schen Netzah Yehuda Battalions und ihre Familien einen mehrtä­gigen Event ausge­richtet. Darauf nimmt unter anderem eine Gruppe von Aktivist:innen in Irland Bezug, die auf den sozialen Medien zum Boykott der Leonardo Hotels aufruft.

Auch für uns ist klar: So gut der Service, die Lage und das Zimmer im Leonardo Boutique Hotel in Linz auch waren – dort werden wir nie wieder absteigen. Und auch in keinem der zahlreichen Leonardo-Hotels, die es mittler­weile in ganz Europa gibt. Der Boykott von Unternehmen, welche die israe­lische Völkermordpolitik unter­stützen, ist das, was wir als Privatmenschen in der aktuellen Situation tun können – und darüber schreiben, sprechen, Transparenz schaffen…

Dies ganz im Sinn des jüngsten Berichts der UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese, der schlüssig die Verstrickungen zwischen der israe­li­schen Wirtschaft und dem Genozid aufzeigt. Ein Bericht, dessen Gültigkeit und Bedeutung unter anderem auch von den beiden Ökonomen Yanis Varoufakis und Thomas Piketty sowie dem Statistiker und Essayisten Nassim Nicolas Taleb diese Woche in einem sehr lesens­werten offenen Brief unter­strichen und hervor­ge­hoben wurde.

* Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchten zwei Schüler die Realschule in der Steingasse, die später die Geschichte dieses Jahrhunderts massgeblich prägten – jeder auf seine Art: Adolf Hitler (1889–1945) trat im Schuljahr 1900/​1901 in die erste Klasse ein. Wegen mangelnder Leistungen musste er diese wieder­holen. Als auch die Wiederholung der dritten Klasse anstand, wechselte er an die Realschule in Steyr. Der weltbe­rühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein besuchte die Schule von 1903 bis 1906, jedoch nicht in derselben Klasse wie Adolf Hitler. 

Quelle: BRG Fadingerstrasse, Schulgeschichte 

Perlmutt im Wandel von Zeit und Klima

Es gibt Momente, da eröffnet sich plötzlich und völlig unerwartet ein ganzes Universum. So geschehen letzte Woche, als wir mit dem Velo unterwegs waren im öster­rei­chi­schen Waldviertel. Nach einem sehr nassen Tag über Wiesen und Felder erreichten wir am späten Nachmittag unser Etappenziel Waidhofen an der Thaya.

Eine warme Dusche, trockene Kleider – und vor dem Nachtessen ein Spaziergang durch das malerische Städtchen. Am Schloss vorbei, an dessen Fassade der Zahn der Zeit kräftig nagt hinunter an den Fluss, wo ein statt­liches, ebenfalls in die Jahre gekom­menes Gebäude unsere Neugier weckt.

Wozu es gedient haben mag? War es eine Wirtschaft, eine Mühle, die das Korn aus dem Umland verar­beitet hat? Die Antwort erhalten wir zwei Stunden später im Stadtpub, wo wir den Wirt um Auskunft fragen. Selber kann er uns zwar nicht weiterhelfen,führt uns aber an den Tisch eines Stammgasts. Dieser freut sich über das Interesse der Fremden und gibt gerne Auskunft: Das grosse Haus an der Thaya habe einst eine Knopffabrik beher­bergt, weiss er.

Und holt gleich aus: Im letzten Jahrhundert habe es im Waldviertel fast 100 Betriebe gegeben, die aus den Muschelvorkommen der Flüsse Thaya und March Perlmuttknöpfe für die ganze Welt herge­stellt hätten. Die Fabrik in Waidhofen habe ihren Betrieb schon vor Jahrzehnten einge­stellt – übrig geblieben von der einst florie­renden Branche sei ein einziger Betrieb in Felling bei Hardegg, der kleinsten Stadt Österreichs, ebenfalls an der Thaya gelegen…

Zwei Tage später und einige Kilometer weiter Thaya-aufwärts sichten wir schon kurz nach dem Start unserer Tagesetappe die ersten Wegweiser zur «Perlmuttmanufaktur». Vorerst zweigen wir aber ab und fahren nordwärts, für einen kurzen Abstecher über die Grenze nach Tschechien. Auf einer Waldlichtung in Šafov, einem kleinen, verschla­fenen mähri­schen Dorf, ein grosser jüdischer Friedhof – Hunderte von Grabsteinen, Zeugen einer längst vergan­genen Zeit. Und eine Informationstafel, die uns für ein paar Momente in die Geschichte eintauchen lässt…

Und schon fahren wir weiter. Als wir Felling erreichen, schlägt die Kirchen Uhr Zwölf. Die Manufaktur schliesst gerade für eine einstündige Mittagspause – damit hatten wir nicht gerechnet. Sollen wir warten oder weiter? Die Strecke, die wir heute noch zu fahren haben, ist übersichtlich. Also entscheiden wir uns fürs Bleiben, und packen unser Picknick aus.

Pünktlich um halb Zwei startet dann die Führung durch den Betrieb. Wir werden vom Chef persönlich betreut. Rainer Mattejka ist der Ururenkel des Perlmuttdrechslers Rudolf Marchart, der 1903 von Hardegg nach Felling umsie­delte und hier 1911 seinen eigenen Perlmuttbetrieb gegründet hat.

In den Räumen der Manufaktur, die gleich­zeitig Museum und Produktionsstandort sind, steht noch heute die erste hölzerne Drechselbank, auf welcher sein Ururgrossvater vor über hundert Jahren Muscheln aus der Thaya zu Knöpfen verar­beitet habe, wie der heutige Geschäftsführer mit sicht­lichem Stolz auf seine Vorfahren und deren Handwerk erzählt.

Bis zu hundert Knöpfe habe man damals pro Tag produ­ziert. Heute schaffen die neben­an­ste­henden Lasermaschinen – wenn sei einmal laufen – in der gleichen Zeit bis zu 50’000 Stück, sagt Mattejka. Allerdings sei die Nachfrage nach Perlmuttknöpfen in der Textilindustrie aktuell stark rückläufig. Einen ersten Einbruch habe es bereits in den 1970er Jahren gegeben, als die Perlmuttknöpfe durch billigere Kunststoffprodukte verdrängt wurden.

Von einem Tag auf den anderen habe sein Grossvater damals sämtliche 45 Arbeiter:innen entlassen müssen, weil die Aufträge ausblieben. Zwei Jahre lang führte er den Betrieb als Einmann-Unternehmen im Alleingang und konnte sich so über Wasser halten, bis die Nachfrage nach den edleren Perlmuttknöpfen wieder anzog.

Danach sei es stetig aufwärts gegangen, erinnert sich Mattejka, der seit 1993 im Betrieb mitar­beiet und 2005 als Nachfolger seiner Mutter die Leitung des Familienunternehmens übernommen hat: Knöpfe aus dem «Naturprodukt» Perlmutt kamen zunehmend wieder in Mode und der Betrieb in Felling konnte seine Knopfproduktion bis 2020 auf über 8 Millionen Stück pro Jahr steigern. Das dürfte ein letzter Höhepunkt gewesen sein. «Dann kam Corona, seither ist die Textilbranche total einge­brochen – allein im letzten Jahr haben wir zehn grosse Kunden verloren», fasst Mattejka den aktuellen Stand der Dinge zusammen.

Was das Unternehmen bislang vor dem Untergang gerettet haben dürfte, ist die umsichtige Geschäftspolitik der 5. Generation der Perlmuttfabrikanten, die ihre Manufaktur mit viel Herzblut betreiben und diese zusätzlich zu einem Ausflugs- und Erlebnisort umgestaltet haben. Täglich begrüssen sie hier inter­es­sierte Touristinnen und Touristen, von welchen kaum jemand ohne ein perlmut­ternes Souvenir das Betriebsgelände verlässt.

Nebst der Manufaktur im Waldvierte gibt es in Europa gerade noch zwei weitere Perlmutt verar­bei­tende Betriebe – der eine davon in Deutschland, der andere in Italien. Längst ist die Herstellung von Knöpfen nicht mehr das zentrale Standbein der Firma. Perlmutt-Schmuck und Intarsien jeglicher Art und Grösse sind heute ein minde­stens ebenso bedeu­tendes Geschäftsfeld der Perlmuttmanufaktur. So bezieht etwa der Wiener Klavierhersteller Bösendorfer die perlmut­ternen Schriftzüge und Logos für seine edlen Instrumente bei der Manufaktur in Felling.

Im Luxussegment sei Perlmutt auch heute noch sehr gefragt, führt deren Chef Rainer Mattejka weiter aus. Als Beispiel nennt er die Innenausstattung von Privatjets – solche Projekte habe seine Firma schon Dutzende ausge­führt. Die Auftraggeber dafür kämen aus aller Welt, viele von ihnen auch aus Indien, sagt er und zeigt das Bild einer Perlmutter-bestückten Innenwand eines Privatflugzeugs. Fast entschul­digend fügt er an: «Das ist alles ziemlich verrückt – aber diese aufwän­digen Spezialaufträge ermög­lichen unser Überleben. Beim Kundensegement dieser Superreichen spielt der Preis keine Rolle.»

Es ist aber nicht nur die wechsel­volle Geschichte des Markts und der Nachfrage nach Perlmuttprodukten, welche auch die 5. Generation des Familienunternehmens immer wieder von neuem heraus­fordert. Was sich minde­stens ebenso stark verändert hat, ist die Beschaffung der Muscheln, des «Rohstoffs» für die Perlmuttprodukte.

Am Anfang der Perlmuttproduktion in Österreich standen die reichen Vorkommnisse der Flussperlmuscheln (Margaritifera marga­ri­tifera) in den Gewässern des Waldviertels. Die faszi­nie­renden Tiere, die nach dem Schlüpfen ihre ersten zehn Monate parasi­tisch in den Kiemen von Bachforellen leben, um sich dann ins Bachbett fallen zu lassen, wo sie zu statt­lichen Muscheln heran­wachsen, die unter guten Bedingungen bis zu 100 Jahre alt werden können, sind heute praktisch ausge­storben. – Die wenigen kleinen Restpopulationen, die es in Europa noch gibt, stehen unter strengem Schutz.

Die einst mächtigen Kolonien von Flussperlmuscheln in der waren die Basis der ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufblü­henden Perlmuttindustrie im Waldviertel und des Betriebs in Felling. Doch bereits in den 1930er Jahre versiegte diese «Rohstoffquelle», als sich die Lebensbedingungen für die Flora und Fauna in der Thaya durch den Bau des Staudamms in Vranov, nur wenige wenige Kilometer nördlich von Hardegg, völlig veränderte.

Als Folge der täglichen Spülungen mit Tiefenwasser sei die Temperatur des Flusses bei Hardegg so stark gesunken, dass es für die Flussperlmuscheln kein Überleben gegeben habe, erzählt Rainer Mattejka. Sein Urgrossvater habe seinen Betrieb damals nur retten können, weil er frühzeitig einen Vorrat von 60 Tonnen Marchmuscheln gekauft hatte, was ihm ermög­lichte, seine Knopfproduktion bis nach dem zweiten Weltkrieg aufrechtzuerhalten.

Erst Anfang der 1950er Jahren erteilte der Staat den Perlmuttfabrikanten dann eine Importgenehmigung für Meeresmuscheln, damit sie ihre Betriebe weiter­führen konnten. Seither wird das gesamte «Rohmaterial» für die Perlmuttproduktion im Binnenland Österreich aus fernen Meeresgewässern heran­ge­schifft und ‑gekarrt. Rainer Mattejka bezieht seine Muscheln und Meeresschnecken vom gleichen Lieferanten in Indonesien wie bereits sein Grossvater. Hier wie dort sei der Betrieb von einer Generation an die nächste weiter­ge­geben worden, erzählt der Perlmuttfabrikant, man kenne sich und habe eine lange gemeinsame Geschichte, die verbinde.

Das Material, das heute in Felling verar­beitet wird, stamme ausschliesslich aus Zuchtfarmen, betont Mattejka. Ihm sei es ein Anliegen, dass die Umwelt möglichst geschont und die Muschelzucht nachhaltig betrieben werde.

Die Beschaffung von jährlich rund 20’000 Tonnen «Rohmaterial», die heute in Felling verar­beitet werden, wird aller­dings immer schwie­riger und teurer: 2004 habe der Tsunami in Südostasien viele Muschelfarmen zerstört, was einen massiven Preisanstieg zur Folge hatte: Während ein Kilogramm «Rohmaterial» vor dem Tsunami zwischen 8 und 11 USD kostete, sind es heute zwischen 45 und 48 USD.

Es ist aber nicht der Preisanstieg, der Mattejka am meisten Sorgen bereitet, sondern der drastische Rückgang bei der Grösse der Muscheln und der Qualität des Perlmutts. «Der Klimawandel setzt den Tieren zu, sie kommen mit dem wärmer werdenden Wasser nicht zurecht und sterben vorzeitig», schildert er die drama­tische Entwicklung.

Muscheln wie etwa die weit verbreitete und für die Perlmuttverarbeitung beliebte Makassar würden heute kaum mehr älter als 10- bis 12jährig. Der frühzeitige Tod der Tiere habe zur Folge, dass die für die Verarbeitung inter­es­sante Perlmuttschicht im Innern der Muscheln heute merklich kleiner und dünner sei als noch vor wenigen Jahren.

Nebst der Erwärmung und der damit verbun­denen Versäuerung der Meere schadet aber auch deren zuneh­mende Verschmutzung den Muschelbeständen. Mattejka erzählt von Plastikrückständen, die sie kürzlich bei der Verarbeitung im Innern einer Muschel gefunden hätten…

Nach dem Aussterben der Muscheln in der Thaya durch den Eingriff der Menschen in die Gewässerökologie vor bald hundert Jahren, gefährdet heute der menschen­ge­machte Klimawandel die Fauna in den Meeren – mit direkten Auswirkungen bis ins Waldviertel…

Nachdenklich besteigen wir unsere Räder. Bis nach Hardegg sind es nur wenige Kilometer – hoch über dem Tal thront die Burg, wo Mitte des 19. Jahrhunderts der Graf Johann-Carl von Khevenhüller lebte, der als Initiator der Waldviertler Perlmuttproduktion in die Geschichte einge­gangen ist. Wir fahren hinunter an die Thaya, unser Blick schweift über die idyllische, nur scheinbar unver­sehrte Flusslandschaft… 

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