Der Auftakt auf dem Münsterplatz ist erfrischend, witzig und zieht mich sogleich ins Stück hinein: Eine Truppe von Schauspieler:innen in schwarz-weissen Kostümen, kurbelt sich langsam in Gang – und schon folgt die Moritat von Mackie Messer und dessen Auftritt. .
In warmes Abendlicht getaucht, bietet das Konstanzer Münster eine einmalige Kulisse für die Ganovengeschichte aus Soho. Ein tolles Ensemble, musikalisch live begleitet von der Bodensee Philharmonie, begeistert das Publikum an diesem milden Sommerabend 2025 mit einer Inszenierung der Dreigroschenoper, die einmal mehr zeigt, wie zeitlos aktuell dieses Stück ist.
Bald sind es 100 Jahre, seit dessen Uraufführung 1928 in Berlin. Es war die Zeit der Weimarer Republik, der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs von Faschismus und Nationalsozialismus. Die Dreigroschenoper, basierend auf der britischen Bettlersatire Beggar’s Opera aus dem 18. Jahrhundert, feierte damals einen durchschlagenden Erfolg.
Bereits ein halbes Jahr nach der Premiere wurde das Stück an Theatern in ganz Deutschland sowie in Wien, Prag und Budapest gespielt, 1931 folgte eine Filmversion. Die unglaubliche Resonanz erstaunt, wenn man bedenkt, mit welch beissend scharfen Bildern und Worten die Oper von Kurt Weill und Bertold Brecht das Verhalten der Menschen und deren selbstsüchtiges Ringen um Reichtum und Macht anprangert.
Das ist heute nicht anders als damals. Die Dreigroschenoper gehört, zumindest im deutschen Sprachraum, zum Repertoire und ist ein sicherer Wert, will man die Zuschauerränge füllen. Auch die Vorstellungen in Konstanz waren durchwegs ausverkauft – das Publikum strömte in Scharen herbei und belohnte das Freilufttheater mit wacher Aufmerksamkeit und Standing Ovations.
Dies, obschon – oder weil? – die Regisseurin Christina Rast und ihr Team bei der Inszenierung mit Anspielungen und Kritik an den aktuellen politischen Verhältnissen und namentlich an der Aufrüstungspolitik nicht geizten. So trugen unter anderem und fast beiläufig Schauspieler:innen immer wieder Transparente mit Aufforderungen wie «Stoppt den Krieg» über die Bühne.
Grosse Anpassungen braucht es jedoch nicht, um die Dreigroschenoper in die heutige Zeit zu katapultieren. Die Verhältnisse sind eben immer noch nicht so, dass der Mensch ein guter Mensch sein kann… Brechts Texte sind gerade heute, wo wir den Zerfall sicher geglaubter Werte erleben und tagtäglich mit Nachrichten von Kriegsgräueln konfrontiert sind, von erschreckender Aktualität. So etwa die Worte, die er Mackie Messer in den Mund legt:
Denn, wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Kriegsfanfaren und der europaweiten Aufrüstungspolitik ist es mir auch beim Kanonen-Song kalt den Rücken hinuntergelaufen, der in der dritten Strophe in den Reimen gipfelt:
John ist gestorben und Jim ist tot Und Georgie ist vermisst und verdorben Aber Blut ist immer noch rot Und für die Armee wird jetzt wieder geworben!
Am nächsten Tag: Herz und Kopf voller Eindrücke, nachdenklich und gleichzeitig mit frischem Elan, greife ich daheim zu Brechts Gesammelten Werken. Ich will die Passagen, die mich an diesem Theaterabend besonders beeindruckt haben, noch einmal nachlesen. Und mache dabei eine unerwartete Entdeckung:
Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, des zweiten Weltkriegs und dessen Folgen hat Brecht Ende der 1940er Jahre für verschiedene Songs der Dreigroschenoper neue Versionen und Fassungen geschrieben. Zum Beispiel auch zwei neue Schlussstrophen für die Moritat von Mackie Messer:
Und die Fische, sie verschwinden! Doch zum Kummer des Gerichts: Man zitiert am End den Haifisch Doch der Haifisch weiss von nichts. Und er kann sich nicht erinnern Und man kann nicht an ihn ran Denn ein Haifisch ist kein Haifisch Wenn man's nicht beweisen kann.
Was Brecht mit diesen acht Zeilen auf den Punkt bringt, ist genau das, was nach dem 2. Weltkrieg in Bezug auf die Verantwortlichen und die Kriegsverbrecher geschehen ist. Und was heute immer noch geschieht, sowohl auf den nationalen wie internationalen Politbühnen dieser Welt.
Auch der Kanonensong erhielt 1946 ein Update, mit dem der Autor spezifisch auf Nazi-Deutschland und die Stimmung nach Kriegsende Bezug nimmt:
1.
Fritz war SA und Karl war Partei
Und Albert bekam doch den Posten.
Aber auf einmal war all dies vorbei
Und man fuhr nach dem Westen und Osten.
Der Schmitt vom Rheine
Braucht die Ukraine
Und Krause braucht Paris.
Wenn es nicht regnete
Und man begegnete
Nicht fremdem Militäre
Dem oder jenem Heere
Dann kriegte Meier aus Berlin
Bulgarien gewiss.
2.
Schmitt, dem wurde die Wüste zu heiss
Und das Nordkap zu kalt dem Krause.
Aber das Böse ist: keiner mehr weiss
Wie kommt man jetzt wieder nach Hause?
Aus der Ukraine
Zurück zum Rheine
Nach Ulm heim aus Algier?
Weil es stark regnete
Und man begegnete
Ganz fremdem Militäre
So manchem grossen Heere
Der Irreführer weiss es nicht -
Er ist nicht mehr hier.
3.
Schmitt kam nicht mehr heim und Deutschland war hin
Hat nach Leichen und Ratten gerochen.
Aber in dem zerstörten Berlin
Wird vom dritten Weltkrieg gesprochen.
Köln liegt in Scherben
Hamburg im Sterben
Und Dresden liegt zerschellt.
Doch wenn Amerika
Sah diese Russen da –
Vielleicht wenn die sich krachten?
Dann gibt's ein neues Schlachten
Und Krause, wieder im grauen Fell
kriegt doch noch die Welt!
Auf der Bühne in Konstanz kamen die neuen Versionen nicht zum Zug – man hat sich an die ursprüngliche Version der Dreigroschenoper gehalten. In Magdeburg, wo die Dreigroschenoper diesen Sommer ebenfalls in einer Freilichtinszenierung zur Aufführung gelangte, wurde die Neuversion des Kanonensongs hingegen als Epilog in Szene gesetzt.
Ein Kunstgriff mit Wirkung, nimmt dieser noch bissigere Text doch auf die real existierende Situation nach dem zweiten Weltkrieg Bezug. Eng damit verbunden die Frage, mit welchen Worten Brecht wohl auf die heutige Weltlage reagieren würde. Die amerikanischen und die russischen Haifische ziehen unverändert ihre Kreise – und sie sind nicht mehr allein…
Mein Fazit: Es braucht gar keine neuen Worte, keine neue Fassung. Die kann und soll ich mir selber denken. Weil Brechts Text die Realität so treffend auf den Punkt bringt, dass der Zusammenhang zum aktuellen Weltgeschehen, zum gesellschaftlichen und politischen Versagen auch unserer Zeit, nicht mehr verdrängt und übersehen werden kann. Zumindest nicht für jene, die ihn denn auch sehen wollen.
