Als letzte Destination unserer Österreichferien steht Wien auf dem Programm. Es ist Sonntag, der 13. Juli und der letzte Tag der Sonderausstellung «Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918» im Leopoldmuseum. Eine Chance, die wir unbedingt packen wollen – schon beim Museumsbesuch in Linz hatten mich Werke von Schiele in ihren Bann gezogen und mein Interesse an seiner Lebensgeschichte geweckt.
Die Sorge, dass das Museum überlaufen sein könnte, weil es der letzte Tag der Ausstellung ist, entpuppt sich als unbegründet. Für den Kauf unserer Tickets müssen wir nicht einmal anstehen, und die Räume sind grosszügig konzipiert, so dass die Besucher:innen in Ruhe und mit Genuss in die Werke und ihre Geschichten eintauchen können.
Oder besser gesagt: Könnten. Hätten alle ihr Smartphones in der Garderobe oder zuhause gelassen… Kaum stehe ich vor dem ersten Bild, drängt sich ein junger Typ mit seinem Handy zwischen mich und Schiele und knipst wild drauflos – offenbar will er eine Serie von Nahaufnahmen des Gemäldes mit nachhause nehmen. Und natürlich auch den seitlich vom Bild angebrachten Beschrieb, den er – weil kleingedruckt – ebenfalls aus nächster Nähe ablichtet.
Ich versuche auszuweichen, gehe zum nächsten Bild, wo mir tatsächlich ein paar Momente der Ruhe gegönnt sind, bevor auch hier wieder eine ihr Handy zückt und den eben gerade noch magischen Moment zerstört…
Man kennt das mittlerweile ja mehr als zur Genüge: Heute gehört die Knipserei fest zum Museumsbesuch. Statt dass man die Werke vor Ort im Original betrachtet und wirken lässt, wird fotografiert was das Zeug hält – wozu, bleibt mir schleierhaft.
Zumal die in Eile aufgenommenen Schnappschüsse den ausgestellten Werken niemals und in keinster Weise gerecht werden können. Schon gar nicht in der Form von Selfies, die nur einen Zweck haben: Der Welt zeigen, ICH war dort…
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Das Kunstwerk als Kulisse fürs eigene Ego – eine Unsitte, dem die Museen ganz einfach einen Riegel schieben könnten, indem sie das Fotografieren verbieten würden. Warum sie das nicht tun, ist mir ein Rätsel. Zumal Museen ihre Ausstellungen – auch jene über Schieles letzte Jahre – heutzutage online ausgiebig dokumentieren, inklusive adäquater Fotos von den Bildern – mit Copyright notabene.
Aber offensichtlich widerspricht ein solches Verbot (noch) dem aktuellen Zeitgeist: Nachdem ein Tourist in Florenz beim Posieren für ein Foto in den Uffizien ein barockes Bild beschädigt hatte, kündigte deren Direktor zusätzlich zum bestehenden Verbot von Blitzlicht und Selfiestick strengere Auflagen an, was in den sozialen Medien schon für einen Aufschrei sorgte.
Der tourismusaffine Kulturbetrieb profitiert zu sehr von der durch Handypromotion betriebenen Gratiswerbung, als dass man darauf verzichten wollte. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Massenauflauf von über 13’000 Follower:innen anlässlich eines Konzerts im Kölner Dom, zu dem die britische Organistin Anna Lapwood eingeladen hatte. Ihr Geschäftsmodell: Verzicht auf Urheberrecht, stattdessen die Aufforderung an ihre Fans, die Konzerte zu filmen und mit ihren Posts auf Social Media zu zeigen, dass sie dabei gewesen sind…
Davon profitiert nicht nur die Künstlerin, sondern – in diesem Fall – auch die Tourismusdestination Köln. Nach den Schlagzeilen und Bildern, die über dieses «Ereignis» um die Welt verklickert wurden, dürfte der Kölner Dom noch mehr zu einem Besucher:innenmagneten werden, als er es ohnehin schon war. Genauso wie all die anderen Orte, die durch das Abfeiern im Netz zu übertrampelten Hotspots geworden sind.
Vor fast 400 Jahren schrieb der französische Philosoph René Descartes den berühmten Satz «Ich denke, also bin ich». Angesichts des Herdenverhaltens der heutigen Menschheit und dem Bedürfnis, sich als Massenteilchen zu outen, müsste es heute wohl eher heissen: «Ich bin dort, wo alle andern sind, also bin auch ich».
Es gibt aber – zumindest im Bereich von Bühne und Musik – längst auch den Versuch, der Handypest mit Verboten entgegenzuwirken. Ich beobachte allerdings immer wieder, wie sich viele Leute in Theatern und Konzertsälen um das Aufnahmeverbot foutieren. Sie können oder wollen es nicht lassen, ihr Handy zu zücken und einen Teil des Auftritts oder Konzerts mitzuschneiden. Frei nach dem Motto: Mein Ego first, was stören mich die Proteste des Mitpublikums. Und wehe, mehrere tun es. Dann brechen alle Dämme und die Klickerei wird zum Tsunami.
Doch auch dafür gäbe es Gegenmassnahmen, wie das Beispiel der schwedischen Heavy Metal Band Ghost zeigt. Die Band hat für ihre Welttournee 2025 ein absolutes Handyverbot erlassen, und zwingt die Konzertbesucher:innen dazu, ihr Smartphone beim Eintritt in einen sogenannten Yondr-Beutel zu stecken, der beim Eintritt magnetisch verschlossen wird. Eine Erfindung notabene aus den USA, die schon vor zehn Jahren gemacht wurde, bei uns aber noch kaum Anwendung findet.
Eine Ausnahme war der Ghost-Auftritt im Zürcher Hallenstadion. Anfänglich sei es ein mulmiges Gefühl gewesen, sein Handy wegzusperren, schreibt Sarina Dünnenberger, People-Redaktorin beim Blick – um dann begeistert über ein Konzert zu berichten, wie sie es noch nie erlebt habe:
«Versperren mir normalerweise Hunderte von Bildschirmen die Sicht auf die Bühne, waren es an dem Abend in die Luft gestreckte, zum Rhythmus der Musik schwingende Arme – so, wie es sich bei einem Konzert eigentlich gehört. Anstelle von Taschenlampen sorgten vereinzelt Feuerzeuge für Atmosphäre. Das Beste: Alle sangen ausgelassen mit, denn niemand musste sich Sorgen machen, später zu merken: «Ich bin ja auf allen meinen Videos zu hören! Das kann ich so nicht auf Instagram hochladen!»
Also nichts wie los! Egal ob Konzert, Theater oder Museum: Ab sofort das Handy in den Garderobeschrank oder in den Yondr-Beutel! Wer hat was dagegen?

