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Ein Hotel ist mehr als ein Hotel…

Die erste Destination unserer Ferienreise heisst Linz: Mit dem Zug reisen wir über München und Salzburg in die Landeshauptstadt von Oberösterreich. Die Unterkunft buchen wir rund zwei Wochen im Voraus. Per Internet, wie wir das fast immer machen.

Das Hotel heisst Linz City Center: Die Bilder auf der Website zeigen helle, moderne Zimmer in einem geschichts­träch­tigen Gebäude – die Lage mitten in der Altstadt scheint top, und der Preis ist ver­nünftig. Genau, was wir gesucht haben…

Kurz vor unserer Abreise erreicht uns per Mail eine Nachricht vom Hotel, wonach dieses den Besitzer und damit auch den Namen gewech­selt habe:

Wir sind stolz darauf, Ihnen mitteilen zu können, 
dass wir ab sofort ein Teil der "Leonardo Hotels Gruppe" 
sind. Infolgedessen wurden wir umbenannt in 
"Leonardo Boutique Linz City Center."

Die Info küm­mert uns nicht gross. Die Allerweltsetikette BOUTIQUE beein­druckt uns nicht weiter, Hauptsache, das Hotel wird nicht unter unseren Füssen und Betten umge­baut. Zudem nehmen wir zur Kenntnis, dass offenbar auch in Österreich Gastrokonzerne auf Einkaufstour sind – ein Trend, der sich bekannt­lich welt­weit durch­setzt. Wir bemühen uns bei der Auswahl unserer Unterkünfte sonst zwar darum, wenn immer mög­lich Privatbetriebe zu berück­sich­tigen – aber das Hotel ist gebucht, und Leonardo tönt immerhin euro­pä­isch und nach da Vinci, besser als Shangri La oder Mandarin.

Der Weg vom Bahnhof in die Altstadt von Linz führt am Volkspark vorbei direkt ins Zentrum. Unser Hotel liegt in der Steingasse, einer ruhigen Seitenstrasse, nur einen Steinwurf vom Mariendom ent­fernt. Über dem Eingang hängt eine Steinplatte mit einer Inschrift, die uns darauf auf­merksam macht, dass hier einst die Linzer Realschule unter­ge­bracht war, die der bekannte öster­rei­chi­sche Schriftsteller und dama­lige Landesschulinspektor Adalbert Stifter 1851 mit­ge­gründet hat, in wel­cher der welt­be­rühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein von 1903 bis 1906 die Schulbank drückte. Wir stellen uns vor, wie er schon damals begann, sinn­volle von sinn­losen Sätzen zu unterscheiden…

An der Rezeption ein sehr freund­li­cher Empfang. Mit dem Lift in den 3. Stock, wo unser Zimmer genauso freund­lich und hell ist, wie wir es auf­grund der Fotos im Internet erwartet hatten. Vor unserem Fenster, fast zum Greifen nahe, der statt­liche Turm des Mariendoms – ein toller Ausblick!

Beglückt und voller Tatendrang greifen wir uns den Stadtplan und machen uns auf den Weg – diesmal zu Fuss wieder zum Ausgang – hin­unter über die histo­ri­sche Steintreppe, auf wel­cher schon Adalbert Stifter gewan­delt ist und Tausende von Schüler mit dem Läuten der Pausenglocke auf und ab gewetzt sind – unter ihnen Ludwig Wittgenstein, und eben­falls um die Jahrhundertwende, auch ein spä­terer gross­deut­scher Reichskanzler*.

Kurzum: Wir sind zufrieden mit unserer Hotelwahl. Das böse Erwachen kommt erst später, nach einer abend­li­chen Entdeckungstour durch die Stadt, gekrönt von einem feinen Znacht in einem som­mer­lich-lau­schigen Innenhof. Kurz vor dem Lichterlöschen linke ich mich noch einmal ins hotel­ei­gene WLAN ein, dabei poppt das Leonardo-Buchungstool auf, mit einer Karte, auf wel­cher sämt­liche 294(!) kon­zern­ei­genen Hotels ver­linkt sind.

Alles Destinationen in Europa – mit einer Ausnahmen: In Israel führt der Konzern 41 Hotels – deut­lich mehr als in allen anderen Ländern ausser Deutschland und dem UK… Damit ist meine Neugier geweckt – und ans Schlafen nicht mehr zu denken.

Die Geschichte ist eigent­lich ganz ein­fach: Die Leonardo Hotelkette hat ihren Hauptsitz in Berlin, gehört aber zur Fattal Hotel Group – einem israe­li­schen Hotelkonzern, der 1998 von David Fattal gegründet worden ist.

Der heute 67jährige Multimillionär prä­sen­tiert sich gerne als Selfmademan, der als Hotelpage ange­fangen und sich zum grössten Hotelunternehmer in Israel her­auf­ge­ar­beitet hat und heute über ein rie­siges Hotelimperium herrscht – das wei­terhin auf Wachstumskurs ist.

In einem Interview mit der Zeitschrift Capital (2020) ant­wor­tete er auf die Frage, ob er im Luxus schwebe: «Ich habe ein schönes Penthouse mit Pool in Tel Aviv. Ausserdem gehört mir ein eigenes Flugzeug, eine Bombardier Gulfstream. Das brauche ich, weil wir mitt­ler­weile in 19 Ländern aktiv sind. Und wenn ich vor der Entscheidung stehe, 35 Hotels zu kaufen, muss ich mir die alle vorher ansehen. Und dann will ich auch schnell wieder zu meinen fünf Kindern zurück.»

Seit diesem Interview sind bereits fünf Jahre ver­gangen, und der Konzern ist weiter gewachsen. 2024 wurde David Fattal dafür in Paris als «Hotelier des Jahres» geehrt. Dabei blieb die pro­ble­ma­ti­sche Rolle des israe­li­schen Grossunternehmers als Befürworter des israe­li­schen Ausrottungskriegs in Gaza und im Westjordanland natür­lich unerwähnt.

Fakt ist, dass Fattal mit seinem Unternehmen den Krieg seiner Regierung unter­stützt. Dies geht unter anderem aus Posts der Fattal Hotels auf Linkedin hervor, die etwa dar­über berichten, wie David Fattal anläss­lich einer Feier für das Personal, das Extraeinsätze wäh­rend des Kriegs gelei­stet hat, sagte: «Es waren unglaub­lich schwie­rige Zeiten, aber ich bin sicher, dass jeder von Euch sehr stolz auf seinen Beitrag ist, sei es auf dem Schlachtfeld oder an der Heimatfront. Wir von Fattal Hotels haben Evakuierte, Geiselfamilien und Soldaten unter­stützt … Ich hoffe, dass alle Geiseln und Soldaten bald in ihre Heimat zurück­kehren. Ich grüsse und danke jedem Einzelnen von Euch.»

Darüber hinaus gibt es Berichte, wonach David Fattal in seinem Hotelimperium die Apartheitspolitik der israe­li­schen Regierung mit ver­schie­denen Aktionen aktiv unter­stützt. So hat zum Beispiel das Leonardo Plaza Hotel in Jerusalem im Herbst 2024 für Kämpfer:innen des ultra­na­tio­na­li­sti­schen Netzah Yehuda Battalions und ihre Familien einen mehr­tä­gigen Event aus­ge­richtet. Darauf nimmt unter anderem eine Gruppe von Aktivist:innen in Irland Bezug, die auf den sozialen Medien zum Boykott der Leonardo Hotels aufruft.

Auch für uns ist klar: So gut der Service, die Lage und das Zimmer im Leonardo Boutique Hotel in Linz auch waren – dort werden wir nie wieder absteigen. Und auch in keinem der zahl­rei­chen Leonardo-Hotels, die es mitt­ler­weile in ganz Europa gibt. Der Boykott von Unternehmen, welche die israe­li­sche Völkermordpolitik unter­stützen, ist das, was wir als Privatmenschen in der aktu­ellen Situation tun können – und dar­über schreiben, spre­chen, Transparenz schaffen…

Dies ganz im Sinn des jüng­sten Berichts der UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese, der schlüssig die Verstrickungen zwi­schen der israe­li­schen Wirtschaft und dem Genozid auf­zeigt. Ein Bericht, dessen Gültigkeit und Bedeutung unter anderem auch von den beiden Ökonomen Yanis Varoufakis und Thomas Piketty sowie dem Statistiker und Essayisten Nassim Nicolas Taleb diese Woche in einem sehr lesens­werten offenen Brief unter­stri­chen und her­vor­ge­hoben wurde.

* Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchten zwei Schüler die Realschule in der Steingasse, die später die Geschichte dieses Jahrhunderts mass­geb­lich prägten – jeder auf seine Art: Adolf Hitler (1889–1945) trat im Schuljahr 1900/​1901 in die erste Klasse ein. Wegen man­gelnder Leistungen musste er diese wie­der­holen. Als auch die Wiederholung der dritten Klasse anstand, wech­selte er an die Realschule in Steyr. Der welt­be­rühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein besuchte die Schule von 1903 bis 1906, jedoch nicht in der­selben Klasse wie Adolf Hitler. 

Quelle: BRG Fadingerstrasse, Schulgeschichte 

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