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Perlmutt im Wandel von Zeit und Klima

Es gibt Momente, da eröffnet sich plötzlich und völlig unerwartet ein ganzes Universum. So geschehen letzte Woche, als wir mit dem Velo unterwegs waren im öster­rei­chi­schen Waldviertel. Nach einem sehr nassen Tag über Wiesen und Felder erreichten wir am späten Nachmittag unser Etappenziel Waidhofen an der Thaya.

Eine warme Dusche, trockene Kleider – und vor dem Nachtessen ein Spaziergang durch das malerische Städtchen. Am Schloss vorbei, an dessen Fassade der Zahn der Zeit kräftig nagt hinunter an den Fluss, wo ein statt­liches, ebenfalls in die Jahre gekom­menes Gebäude unsere Neugier weckt.

Wozu es gedient haben mag? War es eine Wirtschaft, eine Mühle, die das Korn aus dem Umland verar­beitet hat? Die Antwort erhalten wir zwei Stunden später im Stadtpub, wo wir den Wirt um Auskunft fragen. Selber kann er uns zwar nicht weiterhelfen,führt uns aber an den Tisch eines Stammgasts. Dieser freut sich über das Interesse der Fremden und gibt gerne Auskunft: Das grosse Haus an der Thaya habe einst eine Knopffabrik beher­bergt, weiss er.

Und holt gleich aus: Im letzten Jahrhundert habe es im Waldviertel fast 100 Betriebe gegeben, die aus den Muschelvorkommen der Flüsse Thaya und March Perlmuttknöpfe für die ganze Welt herge­stellt hätten. Die Fabrik in Waidhofen habe ihren Betrieb schon vor Jahrzehnten einge­stellt – übrig geblieben von der einst florie­renden Branche sei ein einziger Betrieb in Felling bei Hardegg, der kleinsten Stadt Österreichs, ebenfalls an der Thaya gelegen…

Zwei Tage später und einige Kilometer weiter Thaya-aufwärts sichten wir schon kurz nach dem Start unserer Tagesetappe die ersten Wegweiser zur «Perlmuttmanufaktur». Vorerst zweigen wir aber ab und fahren nordwärts, für einen kurzen Abstecher über die Grenze nach Tschechien. Auf einer Waldlichtung in Šafov, einem kleinen, verschla­fenen mähri­schen Dorf, ein grosser jüdischer Friedhof – Hunderte von Grabsteinen, Zeugen einer längst vergan­genen Zeit. Und eine Informationstafel, die uns für ein paar Momente in die Geschichte eintauchen lässt…

Und schon fahren wir weiter. Als wir Felling erreichen, schlägt die Kirchen Uhr Zwölf. Die Manufaktur schliesst gerade für eine einstündige Mittagspause – damit hatten wir nicht gerechnet. Sollen wir warten oder weiter? Die Strecke, die wir heute noch zu fahren haben, ist übersichtlich. Also entscheiden wir uns fürs Bleiben, und packen unser Picknick aus.

Pünktlich um halb Zwei startet dann die Führung durch den Betrieb. Wir werden vom Chef persönlich betreut. Rainer Mattejka ist der Ururenkel des Perlmuttdrechslers Rudolf Marchart, der 1903 von Hardegg nach Felling umsie­delte und hier 1911 seinen eigenen Perlmuttbetrieb gegründet hat.

In den Räumen der Manufaktur, die gleich­zeitig Museum und Produktionsstandort sind, steht noch heute die erste hölzerne Drechselbank, auf welcher sein Ururgrossvater vor über hundert Jahren Muscheln aus der Thaya zu Knöpfen verar­beitet habe, wie der heutige Geschäftsführer mit sicht­lichem Stolz auf seine Vorfahren und deren Handwerk erzählt.

Bis zu hundert Knöpfe habe man damals pro Tag produ­ziert. Heute schaffen die neben­an­ste­henden Lasermaschinen – wenn sei einmal laufen – in der gleichen Zeit bis zu 50’000 Stück, sagt Mattejka. Allerdings sei die Nachfrage nach Perlmuttknöpfen in der Textilindustrie aktuell stark rückläufig. Einen ersten Einbruch habe es bereits in den 1970er Jahren gegeben, als die Perlmuttknöpfe durch billigere Kunststoffprodukte verdrängt wurden.

Von einem Tag auf den anderen habe sein Grossvater damals sämtliche 45 Arbeiter:innen entlassen müssen, weil die Aufträge ausblieben. Zwei Jahre lang führte er den Betrieb als Einmann-Unternehmen im Alleingang und konnte sich so über Wasser halten, bis die Nachfrage nach den edleren Perlmuttknöpfen wieder anzog.

Danach sei es stetig aufwärts gegangen, erinnert sich Mattejka, der seit 1993 im Betrieb mitar­beiet und 2005 als Nachfolger seiner Mutter die Leitung des Familienunternehmens übernommen hat: Knöpfe aus dem «Naturprodukt» Perlmutt kamen zunehmend wieder in Mode und der Betrieb in Felling konnte seine Knopfproduktion bis 2020 auf über 8 Millionen Stück pro Jahr steigern. Das dürfte ein letzter Höhepunkt gewesen sein. «Dann kam Corona, seither ist die Textilbranche total einge­brochen – allein im letzten Jahr haben wir zehn grosse Kunden verloren», fasst Mattejka den aktuellen Stand der Dinge zusammen.

Was das Unternehmen bislang vor dem Untergang gerettet haben dürfte, ist die umsichtige Geschäftspolitik der 5. Generation der Perlmuttfabrikanten, die ihre Manufaktur mit viel Herzblut betreiben und diese zusätzlich zu einem Ausflugs- und Erlebnisort umgestaltet haben. Täglich begrüssen sie hier inter­es­sierte Touristinnen und Touristen, von welchen kaum jemand ohne ein perlmut­ternes Souvenir das Betriebsgelände verlässt.

Nebst der Manufaktur im Waldvierte gibt es in Europa gerade noch zwei weitere Perlmutt verar­bei­tende Betriebe – der eine davon in Deutschland, der andere in Italien. Längst ist die Herstellung von Knöpfen nicht mehr das zentrale Standbein der Firma. Perlmutt-Schmuck und Intarsien jeglicher Art und Grösse sind heute ein minde­stens ebenso bedeu­tendes Geschäftsfeld der Perlmuttmanufaktur. So bezieht etwa der Wiener Klavierhersteller Bösendorfer die perlmut­ternen Schriftzüge und Logos für seine edlen Instrumente bei der Manufaktur in Felling.

Im Luxussegment sei Perlmutt auch heute noch sehr gefragt, führt deren Chef Rainer Mattejka weiter aus. Als Beispiel nennt er die Innenausstattung von Privatjets – solche Projekte habe seine Firma schon Dutzende ausge­führt. Die Auftraggeber dafür kämen aus aller Welt, viele von ihnen auch aus Indien, sagt er und zeigt das Bild einer Perlmutter-bestückten Innenwand eines Privatflugzeugs. Fast entschul­digend fügt er an: «Das ist alles ziemlich verrückt – aber diese aufwän­digen Spezialaufträge ermög­lichen unser Überleben. Beim Kundensegement dieser Superreichen spielt der Preis keine Rolle.»

Es ist aber nicht nur die wechsel­volle Geschichte des Markts und der Nachfrage nach Perlmuttprodukten, welche auch die 5. Generation des Familienunternehmens immer wieder von neuem heraus­fordert. Was sich minde­stens ebenso stark verändert hat, ist die Beschaffung der Muscheln, des «Rohstoffs» für die Perlmuttprodukte.

Am Anfang der Perlmuttproduktion in Österreich standen die reichen Vorkommnisse der Flussperlmuscheln (Margaritifera marga­ri­tifera) in den Gewässern des Waldviertels. Die faszi­nie­renden Tiere, die nach dem Schlüpfen ihre ersten zehn Monate parasi­tisch in den Kiemen von Bachforellen leben, um sich dann ins Bachbett fallen zu lassen, wo sie zu statt­lichen Muscheln heran­wachsen, die unter guten Bedingungen bis zu 100 Jahre alt werden können, sind heute praktisch ausge­storben. – Die wenigen kleinen Restpopulationen, die es in Europa noch gibt, stehen unter strengem Schutz.

Die einst mächtigen Kolonien von Flussperlmuscheln in der waren die Basis der ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufblü­henden Perlmuttindustrie im Waldviertel und des Betriebs in Felling. Doch bereits in den 1930er Jahre versiegte diese «Rohstoffquelle», als sich die Lebensbedingungen für die Flora und Fauna in der Thaya durch den Bau des Staudamms in Vranov, nur wenige wenige Kilometer nördlich von Hardegg, völlig veränderte.

Als Folge der täglichen Spülungen mit Tiefenwasser sei die Temperatur des Flusses bei Hardegg so stark gesunken, dass es für die Flussperlmuscheln kein Überleben gegeben habe, erzählt Rainer Mattejka. Sein Urgrossvater habe seinen Betrieb damals nur retten können, weil er frühzeitig einen Vorrat von 60 Tonnen Marchmuscheln gekauft hatte, was ihm ermög­lichte, seine Knopfproduktion bis nach dem zweiten Weltkrieg aufrechtzuerhalten.

Erst Anfang der 1950er Jahren erteilte der Staat den Perlmuttfabrikanten dann eine Importgenehmigung für Meeresmuscheln, damit sie ihre Betriebe weiter­führen konnten. Seither wird das gesamte «Rohmaterial» für die Perlmuttproduktion im Binnenland Österreich aus fernen Meeresgewässern heran­ge­schifft und ‑gekarrt. Rainer Mattejka bezieht seine Muscheln und Meeresschnecken vom gleichen Lieferanten in Indonesien wie bereits sein Grossvater. Hier wie dort sei der Betrieb von einer Generation an die nächste weiter­ge­geben worden, erzählt der Perlmuttfabrikant, man kenne sich und habe eine lange gemeinsame Geschichte, die verbinde.

Das Material, das heute in Felling verar­beitet wird, stamme ausschliesslich aus Zuchtfarmen, betont Mattejka. Ihm sei es ein Anliegen, dass die Umwelt möglichst geschont und die Muschelzucht nachhaltig betrieben werde.

Die Beschaffung von jährlich rund 20’000 Tonnen «Rohmaterial», die heute in Felling verar­beitet werden, wird aller­dings immer schwie­riger und teurer: 2004 habe der Tsunami in Südostasien viele Muschelfarmen zerstört, was einen massiven Preisanstieg zur Folge hatte: Während ein Kilogramm «Rohmaterial» vor dem Tsunami zwischen 8 und 11 USD kostete, sind es heute zwischen 45 und 48 USD.

Es ist aber nicht der Preisanstieg, der Mattejka am meisten Sorgen bereitet, sondern der drastische Rückgang bei der Grösse der Muscheln und der Qualität des Perlmutts. «Der Klimawandel setzt den Tieren zu, sie kommen mit dem wärmer werdenden Wasser nicht zurecht und sterben vorzeitig», schildert er die drama­tische Entwicklung.

Muscheln wie etwa die weit verbreitete und für die Perlmuttverarbeitung beliebte Makassar würden heute kaum mehr älter als 10- bis 12jährig. Der frühzeitige Tod der Tiere habe zur Folge, dass die für die Verarbeitung inter­es­sante Perlmuttschicht im Innern der Muscheln heute merklich kleiner und dünner sei als noch vor wenigen Jahren.

Nebst der Erwärmung und der damit verbun­denen Versäuerung der Meere schadet aber auch deren zuneh­mende Verschmutzung den Muschelbeständen. Mattejka erzählt von Plastikrückständen, die sie kürzlich bei der Verarbeitung im Innern einer Muschel gefunden hätten…

Nach dem Aussterben der Muscheln in der Thaya durch den Eingriff der Menschen in die Gewässerökologie vor bald hundert Jahren, gefährdet heute der menschen­ge­machte Klimawandel die Fauna in den Meeren – mit direkten Auswirkungen bis ins Waldviertel…

Nachdenklich besteigen wir unsere Räder. Bis nach Hardegg sind es nur wenige Kilometer – hoch über dem Tal thront die Burg, wo Mitte des 19. Jahrhunderts der Graf Johann-Carl von Khevenhüller lebte, der als Initiator der Waldviertler Perlmuttproduktion in die Geschichte einge­gangen ist. Wir fahren hinunter an die Thaya, unser Blick schweift über die idyllische, nur scheinbar unver­sehrte Flusslandschaft… 

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