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Kopf in den Sand und ab in die Luft!

Es ist Ferienzeit und die Nerven liegen wieder einmal blank. Statt Enstpannung Stress, statt Entschleunigung Aufregung, statt Erholung Panikattacken. Nicht bei allen, aber offenbar bei vielen. Zu den kilome­ter­langen Staus am Gotthard, die in den tonan­ge­benden Medien unter dem Motto «Alle Jahre Wieder» einmal mehr das sogenannte Sommerloch füllen, mehrten sich in den letzten Tagen Meldungen zu chaoti­schen Zuständen an Flughäfen.

Am 19. Juli war es ein IT-Absturz infolge eines Fehlers beim US-Cybersicherheits-Riesen CrowdStrike, der weltweit und in verschie­densten Branchen für Stillstand und Aufruhr sorgte. Im Flugverkehr mussten Airports von den USA über Asien bis Europa ihren Betrieb vorüber­gehend einstellen. So auch in Zürich-Kloten.

Während die Medien frustrierte Reisende als Augenzeug:innen zu Wort kommen liessen, die stecken­ge­blieben waren und auf juristische Fragen nach Schadenersatzforderungen fokus­sierten, wurde die tatsäch­liche Bedeutung des Vorfalls herun­ter­ge­spielt: Die gewaltige IT-Panne führt deutlich vor Augen, wie verletzlich wir als Teil einer global vernetzten Industrie-Gesellschaft geworden sind – weil letzt­endlich abhängig von uns fernsteu­ernden IT-Systemen…

Kaum war dieser Schreck vorbei, folgte die nächste Hiobsbotschaft für Ferienfliegende: Klimaaktivist:innen – ebenfalls weltweit agierend – behin­derten den Flugverkehr an verschie­denen Flughäfen, darunter etwa die Flughäfen Bonn/​Köln und Frankfurt a.M.

Die Aktionen unter dem Motto «Oil Kills» zielten in verschie­denen Ländern auf Flughäfen, ausge­führt auch von Mitgliedern der «Letzten Generation» in Deutschland. Die Reaktionen sind heftig und empört. Nicht nur in den Sozialen Medien, wo sich die Kurzsichtigkeit einer ferien­trun­kenen Spassgesellschaft in Wutausbrüchen entlädt – das politische Führungspersonal greift in die martia­lische Wortkiste:

So etwa die deutsche Innenministerin Nancy Faeser (SPD), die die Pisten-Blockaden als «dumm und kriminell» bezeichnete und monierte, die «Chaoten» würden Familien den «hart erarbei­teten Urlaub vermiesen.» Und der deutsche Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) stellte in Aussicht, dass «die Verschärfung der Strafen für solche krimi­nellen Machenschaften» bereits auf den Weg gebracht worden sei.

Auch in den Schweizer Medien dominieren Wut und die Forderung nach harten Strafen. So war im Blick etwa die Rede von «Klima-Kriminellen», 20minuten forderte «höhere Strafen gegen diese Klimachaoten» und der SVP-Nationalrat Mauro Tuena ruft nach «knall­harten Strafen, sollten Klimaaktivisten Flughäfen lahmlegen wollen.»

Viel Rauch und Getöse – das aller­dings am wirklich drängenden Thema vorbei zielt: In Frankfurt a.M. fielen am Donnerstag, 25. Juli laut dem Betreiber Fraport gerade mal 230 von insgesamt 1’400 geplanten Flügen aus. Während Hunderttausende von Flügen Tag für Tag die Klimaerhitzung weiter befeuern und es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass sich dies innert nützlicher Frist ändern wird. Schliesslich geht es um hart erarbeitete Ferien von Burnout bedrohten Schwerarbeiter:innen, am Förderband und im Homeoffice.

Wer sich etwas genauer mit dem Thema befasst, kommt jedoch zum Schluss, dass nicht jene Menschen kriminell und dumm sind, die ihr Leben riskieren, um die zerstö­re­rische Gewalt der fossilen Energien im Flugverkehr zu stoppen, wie Ministerin Faeser behauptet. Vielmehr sind es jene, die die grenzenlose Fliegerei immer noch schön­reden und verharmlosen.

Oder, wie es einer der wenigen die Aktivist:innen unter­stütz­tenden FB-Kommentatoren formu­liert: «Kriminell sind all jene, die die Zukunft der folgenden Generationen zerstören. Diese Täter-Opfer-Verdrehung der verant­wort­lichen Politik kotzt mich wirklich an. Nicht mal die selbst gesteckten Klimaziele halten sie ein, obwohl diese ohnehin schon zu lax sind.»

Ein lärmge­plagter Anwohner des Frankfurter Drehkreuz-Flughafens bedankt sich auf Facebook bei den Aktivist:innen: «Ich weiss ja, das ist nicht euer oberstes Ziel, aber vielen Dank für einen Vormittag im Rhein-Main-Gebiet, an dem mir nicht alle drei Minuten der Himmel auf den Kopf fällt».

«Flughäfen sind ein Ort, an dem deutlich wird: Was früher normal war, können wir uns heute nicht mehr leisten. Öl tötet! Und deshalb brauchen wir jetzt eine gerechte Wende!» begründen die Aktivist:innen der «Oil Kills»-Kampagane die Ortswahl für ihre aktuellen Aktionen.

Denn die Umweltschäden, fallen nicht nur in Flughafennähe und in der Erdatmosphäre an, sondern bereits an der Quelle des Treibstoffübels Flugververkehr: Bei der Ölförderung – fern von den Gärtchen der Ferienreisenden.

Ein Beispiel dafür ist die Region Basra im Süden des Iraks: Die einst fruchtbare Region leidet heute unter akutem Wassermangel und Umweltvergiftungen durch die Erdölförderung. Die Menschen leben in Armut, viele sind krank infolge der Umweltgifte, die durch die Erdölindustrie freige­setzt werden. «Die auslän­di­schen Konzerne wie BP, Exxon Mobile, Shell und andere halten sich hier nicht an die in ihren eigenen Ländern geltenden Gesetze», kriti­siert Dhurgham Al Ajwadi, Vizegouverneur von Basra in einem eindrück­lichen Arte-Dokumentarfilm.

Urlauber:innen, die Ferien zwingend mit Flugreisen verbinden, sind sich zumeist gar nicht bewusst, dass sie zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehören, die sich das überhaupt leisten kann: 80 Prozent der Menschen sind noch nie geflogen! Und nur 1 Prozent der Weltbevölkerung verur­sacht etwa die Hälfte der flugbe­dingten Treibhausgasemmissionen.

Diese Tatsache verur­sacht jedoch bei Flugtourist:innen in keinster Art und Weise Gewissensbisse oder gar eine Reduktion der persön­lichen Flugmeilen. Frei nach dem Motto: Was ich nicht wissen will, geht mich nichts an.

Stattdessen setzt man auf eine problem­freie Vielfliegerzukunft und vertraut auf den techni­schen «Fortschritt». So stirbt auch bei der Weltbank, welche die Bedeutung der Fliegerei für die Klimaerhitzung erkannt hat, die Hoffnung zuletzt:

«In terms of sustaina­bility, the greatest challenge for air transport is addressing climate change. Since the signing of the Paris Agreement in 2015, global awareness of the climate challenge has risen signi­fi­cantly, and climate news and forecasts have become more alarming. The inter­na­tional air transport sectors commitment to net-zero CO2 emissions in 2050 is of existential importance to the industry. The currently most promising measure for the industry is the intro­duction of sustainable aviation fuels (SAF), which requires signi­ficant invest­ments in feedstocks and infras­tructure and a conducive policy regime to finance production.» (Weltbank Jahresbericht 2022)

Im Klartext: Die Folgen der Klimaerhitzung sind alarmierend. Trotzdem soll laut Weltbank mit ungebremstem Wachstum weiter­ge­macht werden wie bisher – künftig einfach statt mit herkömm­lichem Kerosin mit wunder­samen nachhal­tigen Flugtreibstoffen. Zeithorizont: 2050. 

Es geht aber auch anders. Schneller und effizienter.

So schlagen etwa die Scientists4future eine Massnahme vor, die sofort wirksam wäre – und die Emissionen aus der kommer­zi­ellen Fliegerei drastisch vermindern könnte:

«Da eine geringe Zahl von sehr wohlha­benden Konsument*innen für den Großteil der Flugreisen verant­wortlich ist, würden sich mässige Preiserhöhungen kaum auswirken. Würde man dagegen die Flugaktivität des einen Prozent mit den meisten Flügen halbieren, so würde das die Emissionen aus dem kommer­zi­ellen Passagiertransport um über 25 Prozent senken.»

Es ist an der Zeit zu handeln, statt zu hoffen. Freiwillig oder aufgezwungen.

Perfekt getaktete Kampagne

Am 7. Juli – pünktlich zum Start der medialen «Sommerflaute», prangte auf der Titelseite der SonntagsZeitung in grossen Lettern: «Die JUSO zwingen mich zum Auswandern.» Der Hilfeschrei kommt von Peter Spuhler. Der alt-SVP-Politiker und Bahnindustrielle ist einer der wenigen Schweizer Milliardäre, die das Bad in der Öffentlichkeit nicht scheuen.

Der 65jährige bangt um sein Vermögen und sorgte nicht nur für fette Schlagzeilen auf der Front – im Innern des Blatts sind seinen Klagen und Drohungen zwei zusätz­liche Seiten gewidmet. Stein des Anstosses ist die von der JUSO im Februar einge­reichte Initiative «Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finan­ziert (Initiative für eine Zukunft)», die Privatvermögen, welche einen Freibetrag von 50 Millionen Franken übersteigen, mit einer Erbschafts- und Schenkungssteuer in der Höhe von 50 Prozent belegen will.

Die Einnahmen aus dieser Steuer sollen zweck­ge­bunden verwendet werden: «Der Bund und die Kantone verwenden den Rohertrag der Steuer zur sozial gerechten Bekämpfung der Klimakrise sowie für den dafür notwen­digen Umbau der Gesamtwirtschaft …. », lautet die Bestimmung im Initiativtext.

Eine kluge Vorlage, die nur auf den ersten Blick krass erscheint. Zur Kasse gebeten werden nämlich nur Superreiche – schät­zungs­weise handelt es sich dabei um rund 2600 Personen in der Schweiz, die über ein Vermögen von über 50 Millionen Franken verfügen. Darunter eine Reihe von Grossaktionär:innen sogenannter Familienunternehmen, aber auch einige Steuerflüchtlinge etwa aus Norwegen, Deutschland oder Italien.

Ihnen allen ist gemein­sam: Bei der Grös­sen­ord­nung ihres Reich­tums ist die Abgabe von 50 Pro­zent des in der Hand eines Ein­zel­nen kon­zen­trier­ten Ver­mö­gens für die Betrof­fe­nen locker ver­kraft­bar. Die ver­fas­sungs­kon­forme Besteue­rung von Milliardär:innen würde namhafte Beträge erzielen für den drin­gend not­wen­di­gen und bis­lang sträf­lich unter­do­tier­ten Klimaschutz.

Eine Vorlage aber auch, die bei den in diesem Land tonan­ge­benden Milliardären und Millionären Schnappatmung hervorruft, wie das Beispiel Spuhler zeigt. 1,5 bis 2 Milliarden Franken müssten seine drei Kinder als Erbschaftssteuer zahlen, sollte die Initiative angenommen werden – um dies zu stemmen, müssten sie Anteile des Spuhlerschen Firmenimperiums verkaufen, so die Klage.

Schweizer Unternehmen, so Spuhler weiter, drohe so der Verkauf etwa an saudische oder chine­sische Grossinvestoren. Ein Nonsens ohnegleichen – voraus­ge­setzt natürlich, die sich von Fall zu Fall patrio­tisch gebenden Schweizer Milliardär:innen verkaufen ihre Anteile, soweit nötig zur Steuerbegleichung, nicht an arabische, chine­sische oder russische Oligarchen, sondern an Schweizer Investoren, private und institutionelle.

Gerade Peter Spuhler, der heute über ein Firmen-Imperium verfügt, dessen Börsenwert von der Bilanz 2023 mit 4,3 Milliarden Franken beziffert wurde, ist ein leuch­tendes Beispiel dafür, wie proble­ma­tisch die Konzentration von Reichtum in einer Hand ist: Angesichts der offenen Fragen um Nachfolgelösungen für sein Imperium bezeichnet die NZZ (!) Peter Spuhler als ein Klumpenrisiko für die Schweiz. – Werden wir also ein Klumpenrisiko los, wenn Spuhler, nach Italien oder Österreich auswandert?

Nichtsdestotrotz gefällt sich der inter­na­tional agierende Milliardär nach wie vor in der Rolle des Schweizer Muster-Unternehmers. Er nimmt für sich und seines­gleichen in Anspruch, die Basis des Wohlstands in unserem Land zu schaffen. Genauso wie seine SVP- und Kollegin im Milliardärsclub, Magdalena Martullo-Blocher. Ihr cleverer Vater Christoph Blocher hat beträcht­liche Vermögenswerte längst an sie und ihre Geschwister weiter­ge­geben – so wie sie es auch mit ihren Kindern tun wird. Und so weiter, und so fort…

Martullo-Blocher liess sich, nur wenige Tage nach Spuhlers Donnerschlag in der SonntagsZeitung, im BLICK mit dem gleichen Narrativ vernehmen: «Meine Kinder müssten auf einen Schlag 2,5 Milliarden Franken bezahlen.» Was sie dabei unter­schlägt: Die verblei­benden 2,5 Milliarden Franken, plus ein «Taschengeld» von 50 Millionen Franken (der Freibetrag), könnten ihre Erben behalten…

In einer konzer­tierten Aktion äusserten sich in der Folge weitere Superreiche, die mit der Auswanderungskeule drohen. Unter ihnen etwa Thomas Straumann, dem gleich zwei börsen­ko­tierte Unternehmen gehören. Er sorgt sich um die Erbschaft seiner fünf Kinder, auch wenn er offen­herzig bekennt, dass sich keines von ihnen mit der Absicht trage, aktiv «ins Familienunternehmen» einzu­steigen – mit anderen Worten: Fertig Familienunternehmen – die Straumann- Firmen künftig als reine Kapitalanlage für die Straumann-Erben.

Vater Straumann jammert von Auswanderung, die er schweren Herzens erwäge. Wie alle anderen Superreichen, wird aber auch er nicht konkret. Zwar versteigen sich die Tamedia-Blätter in einem Artikel vom 13. Juli zur Behauptung, dass erste Millionäre aus Angst vor der Juso-Initiative bereits wegge­zogen seien. Wer den Artikel liest, sucht aber vergebens nach Belegen. Faktenjournalismus, das war einmal.

Zitiert wird einzig die Nidwaldner Finanzdirektorin, die gesagt haben soll, dass sich wegen der JUSO-Initiative Multimillionäre bereits zur Auswanderung entschieden hätten. Die Tamedia Redaktion glaubt es. Und die BLICK-Trompeten befürchten das Allerschlimmste.

Die Initiative kommt übrigens frühe­stens Anfang 2026 zur Abstimmung.

Und es ist davon auszu­gehen, dass die kleinen Steuerparadies-Kantone wie Nidwalden schon dafür besorgt sein werden, dass zumindest das Ständemehr nicht erreicht wird.

Weshalb die Schweizer Mainstream-Medien – allen voran TX Media und Ringier, die beide schwer­reichen Familien gehören, aber auch die NZZ – das Thema schon jetzt lancieren, kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich geht es darum, die JUSO-Initiative vor der Debatte im Parlament in die extre­mi­stische Ecke zu stellen, nachdem der erste Versuch von FDP-Steuervermeider Ruedi Noser gescheitert ist, sie für ungültig zu erklären.

Und plötzlich taucht eine «Studie» auf, die PWC Switzerland zur JUSO-Initiative gerade recht­zeitig publi­ziert hat – basierend auf einer Umfrage unter Millionär:innen(!) in der Schweiz.

Ein Schelm, der da einen Zusammenhang wittert. Oder könnte es etwa sein, dass die geschäfts­tüch­tigen Steuervermeidungsberater:innen ihrer Kundschaft nahegelegt haben, mit Auswanderung zu drohen. Und sofort werden Alarmglocken geläutet: Der Wegzug der Reichen führe automa­tisch zu höheren Steuern für die kleinen Leute, heisst es.

Fürwahr, eine perfekt getaktete Kampagne. Mit all den Millionär:innen hierzu­lande, die es noch nicht sind, aber es durch einen Lottogewinn (oder was auch immer) zu werden hoffen. Deren Kinder sollen und wollen niemals 50 Prozent Erbschaftssteuer zahlen müssen!

Deshalb wollen sie – unter ihnen auch SP-Nationalrät:innen, die ihrer Jungpartei einmal mehr in den Rücken fallen – die Initiative bachab schicken. Obschon sie ja nur Superreiche mit einem Vermögen von mehr als 50 Millionen in die Verantwortung nimmt. Aber man weiss ja nie, ob die Freigrenze nicht dereinst auch von den eigenen Erb:innen überschritten werden könnte…

Tierische Begegnungen

Mit Zug und Bus ins Thal im Solothurner Jura. Unser erstes Ziel sind die Wisente, die im September 2022 vom Tierpark Langenberg hierher trans­fe­riert worden sind. In ein grosses Gehege, als erster Schritt Richtung Auswilderung.

Unter Auswilderung versteht man den Prozess, Tiere, die in Gefangenschaft aufge­zogen wurden, langsam an ein Leben in der freien Natur zu gewöhnen. Mit dem Ziel, dass sie sich dauerhaft dort ansiedeln und selbständig fortpflanzen. Zu diesem Prozess gehört natürlich auch, dass sich die Menschen in der Umgebung an die neuen Nachbarn gewöhnen. 

Bis ins Mittelalter bevöl­kerten Wisentherden die Wälder Europas. Wie die Bisons, ihre Verwandten in Nordamerika, haben die Menschen auch die Wisente gejagt und diese Anfang des 20. Jahrhunderts in der freien Wildbahn ausge­rottet. Die Art hat einzig dank einiger Exemplare, die in Zoos und Tiergärten gehalten wurden, überlebt.

Heute gibt es dank Zucht- und Auswilderungsprojekten wieder zahlreiche freile­bende Herden, vor allem im Kaukasus, in Polen, der Slowakei, Rumänien und Deutschland. Und nun also auch in der Schweiz – oder zumindest fast: Wie üblich hierzu­lande, wird ein solches Projekt sachte angegangen – unter Aufsicht und mit natur­wis­sen­schaft­licher Begleitung (für die Tiere) und psycho­lo­gi­schem Support (für die Menschen) . Deshalb werden die Schweizer Wisente, die im Wildnispark Zürich in Gefangenschaft aufge­wachsen sind, vorerst auf ein 100 Hektar grosses Areal in die Halbfreiheit entlassen.

Wir haben Glück: Im hohen Gras gleich hinter dem Eingangstor entdecken wir ein Prachtexemplar beim Wiederkäuen. Auch auf Distanz sind seine Masse eindrücklich, was nicht weiter erstaunt: Der Wisent ist das grösste noch lebende Landsäugetier Europas.

© Peter Neuhaus, 2024

Plötzlich taucht ein zweiter wusche­liger Kopf aus dem Grün auf – etwas weiter hinten bewegt sich ein Schwanz… Schliesslich zählen wir sieben, acht, neun Tiere – darunter zwei Kälber. Das eine von ihnen tut uns sogar den Gefallen, steht auf und posiert im Sonnenlicht.

Ein schöner Anblick, den wir selbst­ver­ständlich mit unseren Kameras festhalten. Dann gehen wir weiter, überqueren eine Strasse, wo Autos und Töffs mit heulenden Motoren vorbei­flitzen und fragen uns, ob die Wisentherde hier eines Tages tatsächlich und ganz ohne Zaun wieder heimisch werden kann.

Unser Weg führt nun steil bergauf, durch die wild-roman­tische Wolfsschlucht. Ob sie ihren Namen tatsächlich Wölfen verdankt, die vor langer Zeit hier gelebt haben, bevor auch sie vertrieben und geschossen wurden, ist nicht belegt. Vorstellbar wäre es – wie auch die Rückkehr des Wolfs, in diese Landschaft. In den letzten Jahren gab es verein­zelte Wolfsbeobachtungen in der Region, aller­dings in einem Gebiet etwas südlich der Schlucht.

Dass der Wolf «seine Schlucht» im Solothurner Jura tatsächlich je zurück­er­obern wird, ist aber unwahr­scheinlich – insbe­sondere seit der von Bundesrat Rösti verord­neten Abschussbewilligung ganzer Rudel. Mensch und Wisent im kleinen Schweizerland geht vielleicht, Mensch und Wolf aber kommen sich, wie es scheint, zu sehr ins Gehege.

Solches gilt nur in beschränktem Mass für die zahlreichen Schnecken im Thal. In der Schlucht geduldet, sind sie aber in der Menschenfreizeit von Vibramsohlen und MTB-Bike-Pneus bedroht, weil zu wenig flink. Wir blicken deshalb aufmerksam vor unsere Wanderfüsse und retten einige Hüslischnecken vor dem Zerquetscht-Werden. Unsere Aufmerksamkeit wird belohnt: Am Wegrand können wir zwei fette rote Wegschnecken beim Kopulieren beobachten.

Mittag ist schon vorbei, langsam knurrt der Magen. Wir erreichen eine Lichtung, am Waldrand ein bequemer Baumstamm. Nicht nur unser Rastplatz – wie wir gleich bemerken, handelt es sich um einen Logenplatz erster Klasse für eine unerwartete Vorstellung.

Sie beginnt mit dem Auftritt von drei Frauen, einem Mann – alle in orangen Gilets, auf dem Rücken in grossen Buchstaben REDOG. Begleitet werden sie von einer alerten Golden Retriever-Hündin, die ebenfalls mit einem orangen Gstältli ausge­rüstet wird.

Ihre Führerin kniet zu ihr hinunter und weist mit gestrecktem Arm in Richtung Feld. Ein kurzer Befehl und die Hündin pfeilt den Gegenhang hoch, kreuzt blitz­schnell nach links, nach rechts – verschwindet zeitweise im hohen Farn, um gleich wieder aufzutauchen…

© REDOG

REDOG, geht mir durch den Kopf – das sind doch die Hundeteams aus der Schweiz, die nach Erdbeben zur Bergung von Verschütteten losge­schickt werden – bekannt aus Presse und Fernsehen… Hier nun also live im Einsatz! – Oder besser gesagt am Trainieren, wie wir sogleich erfahren.

Während wir dem Treiben faszi­niert zuschauen, kommt der Mann aus der Gruppe auf uns zu und legt ein Stück rotes Seil auf den Boden vor unseren Füssen. «Die Hunde sind darauf trainiert, sitzende und liegende Menschen zu detek­tieren – falls sie also zu euch kommt…», sagt er und klärt uns auf, dass es sich bei der jungen Hündin um ein Tier handelt, das noch in der Ausbildung steckt.

Dieses würdigt uns jedoch keines Blickes – sie ist am Gegenhang bereits fündig geworden und eilt nun zu ihrer Chefin, um diese zu holen. Ein Schauspiel, das sich in den kommenden Minuten mehrfach wiederholt: Ein ums andere Mal wird die Hündin losge­schickt, um eine im Hang versteckte Person zu detek­tieren und anschliessend ihre Hundeführerin an den richtigen Ort zu führen.

Nachdem sie ihr Training fertig absol­viert hat, erhält sie grosses Lob – und der nächste Hund ist an der Reihe…

Sowohl Mensch wie Tier sind voller Hingabe bei der Sache – sogar als Zuschauerin spüre ich die ansteckende Verbundenheit und Freude, die hier ausgelebt wird. Ein unglaub­liches Engagement, das weit über die Lust am gemein­samen Training in der Natur hinausreicht.

Sein letzter Rettungs-Einsatz sei vor einer Woche gewesen, antwortet der Trainingsleiter auf unsere Frage. In Schaffhausen, ein Suizid. Zwanzig Hundeteams hätten nach einer vermissten Frau gesucht – und sie schliesslich auch gefunden. Tot.

Die Suche nach Vermissten, Verschütteten, Getöteten – das ist das Kerngeschäft der Rettungsteams von REDOG – und die Kehrseite des spiele­ri­schen Trainings, dem wir gerade beiwohnen. «Menschen und Hunde für Hilfe in der Not», lautet ihr Motto. Zu erreichen sind sie rund um die Uhr.

Der Trainingsleiter, der seit 30 Jahren für REDOG im Einsatz steht, drückt uns Werbeflyer des Vereins in die Hand. Wir merken uns die Notrufnummer (0844 44 11 44 ) – man weiss ja nie…

Als letzter Proband steht an diesem Samstagmittag ein Labrador im Einsatz. Kaum losge­lassen, hat er die im Hang versteckte Person auch schon aufge­spürt. «Der Labrador ist ein Arbeitstier – die sind so fix…», kommen­tiert unser Gewährsmann voller Respekt für die Leistung des Tiers.

In mir wächst derweil der Respekt insbe­sondere auch für die Leistung der Hundehalter:innen: Sie leisten ihre Einsätze in Freiwilligenarbeit – als Dienst an der Gesellschaft. Dafür erhalten sie lediglich Kilometerspesen vergütet.

Ein unglaub­liches Engagement, im Zeitalter der Monetarisierung jeder noch so kleinen Dienstleistung, denke ich, während wir unseren Weg Richtung Balsthal fortsetzen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Rettungsteams oft mit schweren, belastenden Situationen konfron­tiert sind. – Chapeau!

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