Flucht per Crowdfunding

Face­book ist immer wie­der gut für Über­ra­schun­gen. Beim Scrol­len durch die übli­chen Neu­jahrs­wün­sche und Grüsse von Ski­pi­sten und Strän­den, poppt plötz­lich ein Post auf, von dem mir eine mir unbe­kannte sechs­köp­fige Fami­lie fröh­lich entgegenblickt.

In kras­sem Kon­trast dazu der Text unter dem Bild: «Urgent Sup­port Nee­ded for Family Evacua­tion» und dazu der Auf­ruf «Show your sup­port». Ich klicke wei­ter, der Link führt zu einer Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne auf der Inter­net­platt­form «GoFundMe».

Beim Lesen des Tex­tes wird schnell klar: Die lachen­den Gesich­ter auf dem Bild stam­men aus einer ande­ren Zeit. Inji Irheen – auf dem Foto ver­mut­lich die junge Frau im oran­gen Pulli – fasst den Grund ihrer Crowd­fun­ding-Initia­tive in kur­zen Wor­ten zusammen.

Vor dem 7. Okto­ber 2023 hat sie ihre älte­ste Schwe­ster Suzan in der Tür­kei besucht und konnte dann nicht mehr zurück. Nun will sie ihre drei jün­ge­ren Geschwi­ster und die Eltern aus der Hölle in Gaza her­aus­ho­len: «They urgen­tly need our assi­stance to evacuate them to safety in Egypt.»

Da GoFundMe – die welt­weit mäch­tig­ste Crowd­fun­ding-Platt­form mit Sitz in den USA – in der Tür­kei kei­nen Able­ger hat, läuft die Aktion über eine Freun­din in Kanada – das Geld wird des­halb in kana­di­schen Dol­lars gesammelt. 

Die Flucht aus Gaza ist nicht nur schwie­rig, sie ist auch teuer: Für die not­wen­di­gen behörd­li­chen Bewil­li­gun­gen und Tran­sit­ge­büh­ren kal­ku­liert Inji pro Per­son (!) 9’329 CAD – dies ent­spricht rund 6000 Schwei­zer Fran­ken. Geld nota­bene, das die Behör­den in Israel und Ägyp­ten ein­kas­sie­ren. Hinzu kom­men Aus­ga­ben zur Vor­be­rei­tung der Flucht sowie die Gebüh­ren für die Crowd­fun­ding Platt­form. Kurzum: Inji ver­sucht, auf die­sem Weg 54’938 CAD – rund 35’000 Fran­ken – zusammenzubekommen.

Sie ist nicht die ein­zige. Wenn man auf der Crowd­fun­ding-Platt­form das Stich­wort GAZA ein­gibt, pop­pen Hun­derte ähn­li­cher Kam­pa­gnen auf. Mit Fotos von Ein­zel­per­so­nen, Kin­dern in Trüm­mern, gan­zen Fami­lien. Jede ein Hil­fe­ruf von Men­schen, die ver­zwei­felt ver­su­chen, Ange­hö­rige, Freund:innen und Kolleg:innen aus dem Inferno zu retten. 

Ich habe ohne zu zögern gespen­det. Im Geden­ken an meine jüdi­sche Urgross­mutter Berta, die vor 81 Jah­ren in The­re­si­en­stadt von den Nazis ermor­det wurde. Ihre Flucht war damals geschei­tert, weil ihre Toch­ter in den USA die vom Staat gefor­der­ten Mit­tel und finan­zi­el­len Absi­che­run­gen nicht auf­brin­gen konnte, um die Mut­ter zu sich zu holen.

Ich hoffe sehr, dass es Inji gelingt, ihre Lieb­sten leben­dig aus dem Kriegs­ge­biet her­aus­zu­ho­len. Gleich­zei­tig wird mir schlecht, wenn ich daran denke, wie mit der Not Geschäfte gemacht und ja, auch fal­sche Hoff­nun­gen geweckt werden.

Zwar gibt es auf GoFundMe durch­aus mut­ma­chende Erfolgs­ge­schich­ten wie etwa jene von Rag­had Abu Shammala, der in Irland lebt und über Weih­nach­ten inner­halb von fünf Tagen sein Spen­den­ziel von 12’000 Euro erreicht hat. Mit einem bewe­gen­den Post bedankt er sich und ver­spricht ein Update, sobald seine Schwe­ster und sein Bru­der in Sicher­heit sind. Noch sind sie nicht gerettet.

Injis Kam­pa­gne hin­ge­gen ist ins Stocken gera­ten: Zwölf Tage nach dem Start, sind erst 1’780 CAD zusam­men­ge­kom­men – das sind gerade mal gut 3 Pro­zent der benö­tig­ten Summe. Die Zeit drängt. Jeden Tag töten die israe­li­schen Sol­da­ten mehr als hun­dert Menschen.

Laut und dumm

Alle Jahre wie­der. Schon an den Aben­den vor Sil­ve­ster knallt es hier und dort. Man­che können’s offen­bar kaum erwar­ten. Bei jedem Knall zucke ich zusam­men und wun­dere mich über die paar Ewig­gest­ri­gen, die Feu­er­werk offen­bar immer noch für unver­zicht­bar halten.

Dies, obschon man heute weiss, wel­chen Stress sol­che Feu­er­werks­al­ven bei Tier und Mensch aus­lö­sen kön­nen. Ent­spre­chende Appelle an Ver­nunft und Empa­thie gehö­ren zum all­jähr­li­chen Ritual im Vor­feld von Sil­ve­ster und dem 1. August.

Es gibt mitt­ler­weile auch in der Schweiz eine Reihe von Gemein­den, die Feu­er­werk und Sil­ve­ster­knal­le­rei gene­rell ver­bie­ten. Die Stadt Zürich gehört defi­ni­tiv nicht dazu. Böl­ler­ver­bot gibt es ein­zig rund um das untere See­becken, um das grosse städ­ti­sche Feu­er­werk vor der Kon­kur­renz durch Pri­vat­ra­ke­ten zu schüt­zen. Die Ama­teur­feu­er­wer­ker lachen und spöt­teln: «Frau­en­furz». Wer ange­sichts des Feu­er­werks­an­ge­bots an frei­wil­li­gen Ver­zicht glaubt, ist schlicht naiv.

Zu ver­lockend ist das Ange­bot von knal­li­ger Ware im Feu­er­werk­shop. Von Vul­ka­nen über Lady­knal­ler bis zu Kome­ten- oder Bom­ben­roh­ren und Rake­ten gibt es ein bun­tes Ange­bot an knal­li­ger Böl­ler­ware, die das pyroman(t)ische Buben­herz höher schla­gen lässt.

Der Lärm­pe­gel steigt, je näher die Uhr­zei­ger gegen Mit­ter­nacht rücken. Dazwi­schen die Sire­nen der Feu­er­wehr. Es wird laut und lau­ter. Längst haben sich die ein­zel­nen Knal­ler zu einem pras­seln­den Trom­mel­feuer ver­dich­tet. Es tönt wie im Krieg. Was ins­be­son­dere für Men­schen, die dies in einem rich­ti­gen Krieg erlebt haben, beäng­sti­gend sein muss.

Welch gedan­ken­lo­ser, zyni­scher Akt, mit Rake­ten und Feu­er­werk­ge­bal­ler ein neues Jahr her­bei­zu­feu­ern. Wäh­rend gleich­zei­tig im Nahen Osten, in der Ukraine und auf ande­ren Kriegs­schau­plät­zen Men­schen, von ech­ten Rake­ten und Bom­ben bedroht, ver­letzt und ver­trie­ben, sich nichts sehn­li­cher wün­schen als Ruhe und Frieden.

Feu­er­werk an Sil­ve­ster ist übri­gens hier­zu­lande eine rela­tiv neue Erfin­dung. Als ich ein Kind war, gehörte Feu­er­werk zum 1. August. Der Jah­res­wech­sel wurde von Glocken­klang beglei­tet: Kurz vor Mit­ter­nacht öff­ne­ten wir die Fen­ster um zu lau­schen, wie Kir­chen­glocken zuerst das alte Jahr aus- und anschlies­send das neue ein­läu­te­ten. Dazwi­schen die zwölf Schläge für Mitternacht.

Aus alter Gewohn­heit öffne ich auch die­ses Sil­ve­ster kurz vor Zwölf wie­der ein­mal das Küchen­fen­ster. Aller Knal­le­rei zum Trotz, viel­leicht ist aus der Ferne ja doch ein sanf­ter Glocken­klang zu ver­neh­men? – Keine Chance, bei die­sem ohren­be­täu­ben­den Gedröhne. Schnell schliesse ich das Fen­ster wie­der, um den Krach zumin­dest ein wenig abzudämpfen.

Meine sub­jek­tive Wahr­neh­mung: Es ist lau­ter und schlim­mer denn je. Ohne Rück­sicht auf Tiere, Men­schen und Umwelt, und trotz bes­se­rem Wis­sen wird im rei­chen Zürich und anderswo zum Jah­res­wech­sel 2023/​24 ton­nen­weise Feu­er­werk­zeug in die Luft gejagt. Im Wert von Aber­tau­sen­den von Fran­ken. Ab dem 2. Januar wird dann wie­der gejam­mert über Miet­zins­er­hö­hun­gen und stei­gende Krankenkassenprämien.

Der Neu­jahrs­spa­zier­gang bestä­tigt es: Auf Schritt und Tritt stol­pern wir über leer­ge­schos­sene Feu­er­werks­bat­te­rien, zu Asche­häuf­chen ver­brannte Böl­ler und Raketenskelette.

Abfall eines zwei­fel­haf­ten Ver­gnü­gens, mit dem eine kleine Min­der­heit unver­bes­ser­li­cher Pyroman:innen ihre Mit­men­schen und die Tier­welt drang­sa­liert. Die Raucher:innen muss­ten mit Ver­bo­ten in die Schran­ken gewie­sen werde. Jetzt sind die Knallfeuerwerker:innen an der Reihe.

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