Gestohlene Zeit

Nun will man in der EU also wieder auf Wachstum setzen, um der Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen. Mit frischen Investitionen soll das gefrässige Perpetuum Mobile aufgefüttert und in Gang gehalten werden. Davon profitieren werden, einmal mehr, die Kreditgeber.

Längst hat die Politik ihr Primat (so sie es je hatte) an die Wirtschaft verloren, und damit an die Finanzwelt, die zunehmend jegliches Handeln in der globalisierten Welt dominiert. Basis der heutigen Beziehungen, sowohl im Kleinen wie auf internationaler Ebene, ist die Schuldenwirtschaft.

Es gebe durchaus legitime Formen von Verschuldung, schreibt der französische Philosoph und Anthropologe Marcel Hénaff in seinem Essay „Menschen und Schulden“(*). So zum Beispiel, wenn sie als Instrument der Entwicklung von Reichtum, der allen zugute kommt, eingesetzt werde. Heute sei man jedoch mit der Tatsache konfrontiert, dass „die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen nicht nur immer kolossalere Ausmasse annimmt, sondern auch perverser Natur ist.“ Pervers, weil die Finanzspekulanten ihre Kredite nicht für schöpferische Zielsetzungen zur Verfügung stellen, sondern damit einzig und allein Profit, und immer mehr Profit, erzielen wollen.

Wer spekuliert, kauft und verkauft Zeit. Denn ein Kredit ist nichts anderes, als die Investition in eine Handlung, die erst in Zukunft stattfinden wird. Entsprechend gross war anfänglich das Misstrauen in diese Form des Geldverdienens. In der Antike galt das Darlehen gegen Zinsen als perverses Element, wie Hénaff schreibt: „Das hat niemand besser formuliert als Aristoteles in seiner Beschreibung der Kunst, unangemessene Profite zu machen. (…) Eine Kunst, die ihm zufolge darauf hinausläuft, die Zeit zu instrumentalisieren, sie zum Äquivalent eines menschlichen Akteurs zu machen.“

Im Zentrum der Kritik stand dabei weniger die Gewinnsucht der Kreditgeber, als deren Herrschaft über die Zeit. Im Mittelalter wurden Wucherer folgerichtig auch als „Zeitdiebe“ beschimpft,  und Thomas von Chobham, ein Theologe aus dem 13. Jahrhundert monierte: „So leiht der Wucherer nicht, was ihm gehört, sondern nur die Zeit, die Gott gehört.“

Mittlerweile dürfte die Menge der verliehenen Zeit galaktische Dimensionen erreicht haben: Aktuell soll sich der weltweit angesammelte Schuldenberg auf 50 Billionen USD belaufen – und die Spirale dreht sich immer weiter.

Das Finanzwesen, schreibt Marcel Hénaff, habe die Ewigkeit in der Endlichkeit der Zeit erfunden: „Die Finanzspekulation importiert die Zukunft in die Gegenwart und beutet die Gegenwart aus. Ihr Ziel ist es, uns heute etwas geniessen zu lassen, was wir nie bezahlen werden. Eben deshalb müssen die Schulden unentweg übertragen, das heisst aufgeschoben werden. Wir treten in eine Zeit der insolventen Menschheit ein.“

(*) Lettre International Nr. 96, Frühjahr 2012

 

Doppelt missbraucht

Das Bild eines Vierjährigen mit Spielzeugpistole hat zu Recht für Empörung gesorgt. Weil es als Teaser für einen einseitig recherchierten, rassistischen Hetzartikel auf der Front eines einschlägig bekannten Magazins missbraucht wird.

Die mediale Antwort darauf ist allerdings keinen Deut besser: der gleiche Junge posiert statt mit Revolver nun mit besagtem Blatt, das ihm ein aus der Schweiz angereister Fotograf in die Hand gedrückt hat. Diesmal kommt das Bild als Teaser auf die Front der WOZ. – Wie die Weltwoche, missbraucht auch sie den Roma-Jungen für ihre eigenen Interessen.

Der Weltwoche dient er als „Symbol“ für die Roma-Verbrecherbanden, die unser Land angeblich zunehmend bedrohen. Abgesehen davon, dass der Artikel in bekannter Manier einem billigen und durchsichtigen Thesenjournalismus frönt, ist das Bild auch falsch: Romakinder, die von Banden zum Stehlen und Betteln ausgenützt werden, haben weder Zeit noch Musse, mit Spielzeugpistolen herumzutollen.

Solche Szenen sieht man hierzulande anderswo. So kann es vorkommen, dass man in einer familienfreundlichen Siedlung, wo pädagogische und anthroposophische Werte hoch gehalten werden, von den umsorgten Sprösslingen treu besorgter Eltern schweizerischer und deutscher Provenienz mit vorgehaltener Spielzeugwaffe begrüsst wird.

So gesehen ist es ein „Glücksfall“, dass der Bub auf dem Bild tatsächlich ein Romakind ist. Wenn es auch im fernen Kosovo lebt. Von der Schweiz allerdings dürfte er vor zwei Wochen zum ersten Mal gehört haben. Und auf die Idee, ihn hier her zu schicken, um uns zu bestehlen, scheinen seine Eltern bisher auch nicht gekommen zu sein.

Dies berichten die Reporter der WOZ. Schnell hatten sie die Identität des Jungen herausgefunden und reisten in den Kosovo – verführt durch den raschen Recherche-Erfolg und die Zusage der Eltern, dass sie sich für eine Reportage zur Verfügung stellen würden. Allerdings kamen sie bald darauf mit einer allzu einfachen Geschichte nach Hause, die im wesentlichen besagt: Entwarnung! Den Romas, die wir getroffen haben geht’s zwar hundsmiserabel, aber der kleine Bub und seine Familie bleiben trotzdem dort.

Während die Weltwoche Romas verteufelt und ihre Lebenssituation dabei völlig ausblendet, fokussiert die WOZ in ihrer Gegen-Geschichte einzig auf die prekären und ausweglosen Verhältnisse, in denen der Junge und seine Familie leben. Mehr nicht – leider.

Wenn  schon ein durch die Weltwoche provozierter Artikel über das Thema, warum nicht eine gut recherchierte Hintergrundgeschichte, die eine Brücke schlägt und die Zusammenhänge aufzeigt zwischen der Marginalisierung der Roma und der Kriminalisierung eines ganzen Volkes?

Zugegeben, dies wäre aufwändiger gewesen, als die Reportagereise in den Kosovo. Und mit Sicherheit nicht so süffig und gut zu vermarkten wie der kleine herzige Junge mit dem Revolver(Blatt).

Kranke Arbeitswelt

In Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit mittlerweile auf fast 50 Prozent gestiegen. In der Schweiz waren es, laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, im Dezember 2011 gerade mal 3,4%. Kaum der Rede wert, im Vergleich mit der Not in anderen Ländern. Immerhin sind es aber auch hierzulande 20’000 junge Menschen, denen der Einstieg in ein so genannt normales Erwerbsleben verwehrt bleibt. Mit allen wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die ein Aussen-vor-Bleiben mit sich bringt.

Allerdings leiden heute auch viele, die – wie es so schön heisst – in die Arbeitswelt integriert sind. Weil der Druck in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Dermassen, dass sich manch einer fragt, ob die Arbeit den Menschen und ihrem Auskommen diene, oder umgekehrt.

Eine vom SECO in Auftrag gegebene Stressstudie aus dem Jahr 2010 stellt fest, dass sich gut ein Drittel aller Erwerbstätigen in der Schweiz chronisch gestresst fühlt – deutlich mehr, als noch vor zehn Jahren. Im Gespräch mit Menschen aus allen Branchen bestätigt sich dieser Trend: Ob Verkäuferin im Coop, Redaktor einer grossen Tageszeitung oder Krankenschwester im Akutspital – sie alle beklagen sich über ähnliche Phänomene.

Nämlich darüber, dass man ihnen nicht nur stets wachsenden Output abverlangt, sondern auch grössere Flexibilität, bei gleichzeitigem Rückgang von Selbstbestimmung und Mitgestaltung im Betrieb. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen Arbeit zunehmend als Last empfunden wird, die auch krank macht.

Diesem Missstand will die Arbeitnehmerorganisation Travail Suisse mit ihrer Initiative „Sechs Wochen Ferien für alle“ Gegensteuer geben. Ein berechtigtes Anliegen, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die Kaderleute in vielen Betrieben bereits heute in den Genuss von sechs Wochen Ferien kommen, während sich ihre Untergebenen mit vier bis maximal fünf Wochen begnügen müssen.

Die Behauptung der Initiativ-Gegner, dass sich die Schweizer Wirtschaft die zusätzlichen Ferienwochen für ArbeiterInnen und Angestellte nicht leisten könne, erscheint vor diesem Hintergrund doppelt verlogen: Aktuell gewährt man ja gerade jenen mit den höchsten Gehältern die längsten Ferien.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel einer Thurgauer Druckerei, die im Echo der Zeit vom 17. Januar porträtiert worden ist: Alle Mitglieder der rund 50köpfigen Belegschaft kommen gleichermassen in den Genuss von sechs Wochen Ferien – bei guten Löhnen und ohne zusätzliche Kosten für den Betrieb. Weil die MitarbeiterInnen durch die sechs Wochen motivierter und zudem bereit seien, auch mal mehr zu leisten, wenn es denn sein müsse, wie der Geschäftsführer betont: „Es ist ein Geben und ein Nehmen in einer solchen Partnerschaft.“

Faire Partnerschaft lässt sich leider nicht per Gesetz verordnen. Deshalb die Initiative für die sechs Wochen Ferien. Damit allerdings das Ganze nicht blosse Symptombekämpfung bleibt, braucht es mehr, als ein paar Tage Zusatzerholung für die Ausgepowerten eines zunehmend menschenfeindlichen Systems.

Gefährlicher Lügner

Nach den Parlaments- und Bundesratswahlen ging ein Aufatmen durch die Schweiz: Endlich war der Triumphzug der Hetzer und Hasser gebrochen. Die Hoffnung wurde laut, dass sich die Politik nun wieder mit Inhalten beschäftigen und Sachgeschäfte im Sinne der Sache anpacken kann.

Ganz wie es die Nationalbank zu tun pflegt. Über Partikulärinteressen hinweg hat sie in den letzten Jahren einige Entscheide getroffen und Neuerungen bewirkt, die in heiklen Situationen Schlimmeres verhindern konnten. Das hat nicht allen gepasst, sie hat sich dabei auch Feinde geschaffen.

Während eine erste Schmutzkampagne gegen Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand, initiiert und instrumentalisiert von SVP und Weltwoche, vor einem Jahr noch versandet ist, hat das durch die Wahlniederlagen verletzte Ungeheuer SVP nun erneut zugeschlagen. Mit illegalen und perfiden Methoden, ohne Rücksicht auf Opfer, auch in den eigenen Reihen.

Mit Hilfe von Datendiebstahl und einer dreisten Verleumdungskampagne hat es der gefährlichste Mann der Schweiz geschafft, den international hoch anerkannten  Nationalbankpräsidenten aus dem Amt zu drängen. Einmal mehr mit tatkräftiger Unterstützung der Medien.

Längst ist es nicht mehr nur die Boulevardpresse, die sich als willkommenes Sprachrohr für das holzschnittartige Weltbild der SVP hergibt: Mit zunehmender Personalisierung und Schwarz-Weiss-Malerei, gepaart mit quotenfördernder Sensationshascherei, geht der Blick für’s Wesentliche und für Zusammenhänge zunehmend verloren.

In blindem Kampagnenjournalismus schoss man sich in den letzten Tagen auf die Hildebrands und ihr Privatleben ein. Obschon bald einmal klar wurde, dass dort keine Straftatbestände zu finden waren, fokussierte man auf die „moralische Schuld“ des Nationalbankpräsidenten. Der sich plötzlich in der Rolle des Angeschuldigten sah, der seine Unschuld beweisen musste. Dies, nachdem er selbstkritisch Fehler eingestanden und Verbesserung der Reglemente in Aussicht gestellt hatte.

Das Resultat der Kampagne, sein Rücktritt, ist verheerend. Noch während Philipp Hildebrand, was ihm in dieser schwierigen Situation hoch anzurechnen ist, seinen Schritt vor der Wirtschafts- und Abgabenkommission des Parlaments erläuterte, lud sein Gegenspieler zur Pressekonferenz ins Bundeshaus. Auf die Frage, ob er in seinem Leben schon gelogen habe, antwortete Blocher dort mit triumphierendem Lächeln: „Ja, jeden Tag!“

Zwei Stunden zuvor hatte Philipp Hildebrand an seiner eigenen Medienkonferenz gesagt, er trete vom Amt als Nationalbankpräsident zurück, weil er es nicht ertragen könne, dass ihn sein Gegenüber für einen Lügner halte.

Soweit haben wir es gebracht: Der Integre nimmt reumütig seinen Hut, während der Dieb und Lügner triumphiert. Das allein wäre schon Skandal genug. Doch Blocher wird sein böses und gefährliches Spiel weiter treiben, gegen seine Feindin Eveline Widmer-Schlumpf, gegen unsere Institutionen – gegen uns alle. Viel wäre bereits erreicht, wenn die Medien, statt ihn dabei aus vermeintlichem Eigennutz laufend mit Steilpässen zu unterstützen, seine Machenschaften aufdecken und beim Namen nennen würden.

Parallelwelten

Treffpunkt HB Zürich, 13 Uhr. Die Sonne scheint und es ist warm. Zu warm für die Jahreszeit. Aus den Häusern gelockt vom schönen Wetter und der Aussicht auf ein Schnäppchen im Ausverkauf, wälzen sich Menschenmassen durch die Bahnhofstrasse. Wir lassen uns mittreiben und entschweben, in unser Gespräch vertieft, bald in andere Sphären.

Fast ein Jahr lang hatten wir kaum Kontakt, wie meist, wenn sie im Ausland auf Mission ist. Umso mehr gibt es jetzt zu erzählen und zu erfahren. Schon bald entführen mich ihre Schilderungen von der Stadt, in der sie jetzt lebt, in eine völlig andere Welt.

Beni, im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo an der Grenze zu Uganda gelegen, dürfte etwa gleich gross sein wie Zürich. Damit enden aber bereits die Parallelen.  Kein elektrischer Strom, keine städtische Wasserversorgung, kaum geteerte Strassen. Die meisten Menschen leben in einfachen, kleinen Häusern mit Dächern aus Wellblech oder Stroh.

Der Alltag ist geprägt von Unsicherheit und Angst. Seit Jahren schwelt hier ein Bürgerkrieg, Menschen werden aus ihren Dörfern vertrieben, regelmässig kommt es zu Gewaltausbrüchen, Vergewaltigungen, Morden… Deshalb sind in und um Beni UNO-Truppen und humanitäre Organisationen mit einer stattlichen Anzahl von Personal im Einsatz. Zu ihnen gehört auch meine vielsprachige und welterfahrene Freundin.

Sie teilt Büro und Unterkunft mit einem Kollegen aus Indien und einem Griechen. In ihrer Freizeit trifft sie sich aber gerne mit Menschen, die nicht nur Vorbeiziehende sind, sondern seit Jahren in der Region leben. Wie die Französin, die bereits für verschiedene Hilfswerke im Einsatz war und Land und Leute bestens kennt. Oder der Ingenieur, ebenfalls aus Europa eingewandert und heute einer der wenigen Bauunternehmer in Nord-Kivu.

Zu ihren liebsten Freunden gehört auch eine Gruppe von Griechinnen und Griechen, die in den 1960er Jahren vor der Militärdiktatur geflüchtet sind und sich im Kongo eine neue Existenz aufgebaut haben. Einst hatten sie nebst einer orthodoxen Kirche sogar eine eigene Schule. Diese Zeiten sind längst vorbei – doch einige von ihnen sind bis heute geblieben.

Auch bei der Arbeit trifft die Delegierte der humanitären Organisation Menschen aus aller Welt. Während die meisten ihrer direkten MitarbeiterInnen aus dem Kongo stammen, kann sie bei den Soldaten der UN-Friedenstruppen unter anderem ihr Nepali und Spanisch auffrischen. Aufgabe der militärischen und humanitären Helferinnen und Helfer ist es, die Situation für die Menschen in diesem vom Rest der Welt kaum wahrgenommenen Konflikt zu verbessern. Unter schwierigen Bedingungen, und allzu oft auch mit fragwürdigen Methoden. Die internationale Nahrungsmittelhilfe für die Vertriebenen, zum Beispiel, habe dazu geführt, sagt meine Freundin, dass in einer der fruchtbarsten Regionen der Welt kaum mehr Lebensmittel angebaut würden.

Während wir über den Paradeplatz Richtung Bellevue schlendern, erwähnt sie schliesslich noch die massiven Budgetkürzungen, die sie als Leiterin des Büros in Beni in den nächsten Monaten umsetzen muss. Die Sparmassnahmen, die von der Zentrale gefordert werden, haben zur Folge, dass ganze Projekte aufgegeben werden müssen, bei anderen wird keine kontinuierliche Betreuung mehr möglich sein.

Abschiedsgeschenk

Ein neues Jahr, ein neuer Job. Beat Waber, bis Ende 2011 Leiter der Bundeshausredaktion der NZZ, ist neu Stabsmitarbeiter im Bundesamt für Berufsbildung und Technologie. Ein weiterer Kollege, der seinen Journalistenberuf an den Nagel hängt und damit die Seite wechselt. Nicht ohne Neid meint ein Noch-Zeitungsredaktor: „Dort wird er bestimmt ein Mehrfaches seines bisherigen Salärs kassieren.“

Auch wenn es vielleicht nicht gerade das Mehrfache ist, steht fest, dass ein Stabsmitarbeiter in der Verwaltung deutlich mehr verdient, als ein NZZ-Redaktor. In wenigen Berufen klaffen Anforderungsprofil und Entlöhnung dermassen auseinander, wie im Journalismus.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, weshalb sich immer mehr und gerade die guten Leute aus diesem Metier verabschieden. Die Nischen, in denen fundierte journalistische Arbeit gefragt, ja überhaupt noch möglich ist, werden immer enger. Das hat strukturelle Gründe, aber nicht nur.

Just in jener Ausgabe der NZZ, in der sein Abgang angekündigt und seine bisherige Arbeit verdankt werden, hat uns Beat Waber eine glasklare Analyse der aktuellen Medien-Misere geliefert – man kann davon ausgehen, dass das kein Zufall ist.

In seinem Artikel „Die ‚vierte Gewalt’ und ihre Schwächen“ zeigt er auf, wie sehr sich die Medien hierzulande von Interessenvertretern manipulieren lassen und weshalb „Spardruck und das Kräfte-Ungleichgewicht zwischen Propaganda auf der einen und Fast-Food-Journalismus auf der anderen Seite“ nicht alles erklären: „Selbstkritisch muss man zugeben, dass die Medien ihre Stellung auch selber schwächen. (…) Es gibt viel oberflächliche Besserwisserei, aber einen eklatanten Mangel an qualifiziertem Hinterfragen.“

Mit selten gelesener Offenheit thematisiert der scheidende Bundeshausredaktor das Verhältnis zwischen PolitikerInnen und Medien und  wirft Letzteren vor, dass sie sich allzu leicht instrumentalisieren lassen: „Der Mangel an Kontinuität und Tiefenschärfe in der Recherche und an gelebter Unabhängigkeit liegt nicht nur an fehlenden Ressourcen, sondern hat auch mit Bequemlichkeit zu tun.”

Heftig kritisiert er die daraus resultierende Haltung vieler JournalistInnen: ”Die offene Gesellschaft erfordert auch Offenheit im journalistischen Zugang, ein Denken in Optionen statt Ideologien, Skepsis gegenüber jedem absoluten Wahrheitsanspruch. Die Funktion des kritischen Beobachters verträgt keine Kumpanei und schon gar keine Vermischung mit der Rolle des politischen (oder auch wirtschaftlichen) Akteurs.”

Beim Schreiben dieser Zeilen muss Beat Waber auch – vielleicht sogar insbesondere – an seine eigenen Vorgesetzten gedacht haben. Bekanntlich versuchten sich sowohl NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann wie Inlandchef René Zeller in den letzten Monaten als  Steigbügelhalter von SVP-Exponenten. Zum Glück mit mehr Eifer als Erfolg.

Markus Häfliger, der neue NZZ-Redaktionsleiter im Bundeshaus, hat sich mit ähnlichem parteipolitischem Eifer in seinen bisherigen Artikeln für den Job empfohlen. Mit ihm dürfte die Inlandberichterstattung der neuen Zürcher Zeitung weiter von der, vom Ex-NZZ-Redaktor Beat Waber geforderten, journalistischen Unabhängigkeit in die Politpropaganda abdriften.

Die Schande von Bern

Der koreanische Gastpianist hatte uns für sein Konzert mit dem Berner Symphonieorchester in die Hauptstadt eingeladen. Ein willkommener Anlass, sich endlich wieder einmal ins Nacht-leben meiner alten Liebe Bern zu stürzen.

Konzertbeginn um halb acht. Nach längerer Diskussion erhalte ich an der Casino-Kasse sogar die vermeintlich hinterlegten Tickets. Sie sind der Grund für den ersten Dämpfer, an diesem Abend: Die Galerieplätze erlauben nur einen beschränkten Blick auf unseren Freund. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass die Gäste des Solokünstlers in die Gunst von einigermassen guten Plätzen kommen würden.

Schwamm drüber, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und so überhöre ich die trockene Bemerkung meines Begleiters, als er in der Pause meint, schon aus akustischen Gründen hätten wir besser Geld in die Hand genommen und uns einen Platz im Parkett geleistet.

Dort wären wir aber den erheblichen Intonationsproblemen der Hornfraktion noch direkter ausgesetzt gewesen. Die Missklänge sind so deutlich zu hören, dass ich die unvermeidliche Bemerkung meines Begleiters – diesmal murmelt er etwas über das Berner Publikum, das halt die Qualität des Tonhalle Orchesters nicht kenne – beim besten Willen nicht einfach als Zürcher Arroganz abtun kann. Obschon ich das, in gewohnter Berner Manier, allzu gerne tun würde.

Erst im Nachhinein erfahren wir, dass die Konzertveranstalter mit Freibilletten derart geizten, dass sogar die Agentin des Solisten ihren Eintritt selber hat berappen müssen. Unsere Plätze musste der Pianist aus dem eigenen Sack bezahlen. Leider vergass er, die Tickets wie vereinbart zu hinterlegen. Mit anderen Worten: Nicht einmal die Galerieplätze, die man uns schliesslich zugewiesen hat, wären ihm als Freibillette zugestanden…

Doch zurück zu besagtem Abend: Sobald der letzte Applaus verklungen ist, freuen wir uns auf eine kulinarische Fortsetzung des Geniessens und steuern mit gezieltem Schritt Richtung Falken. Ein Blick durchs Fenster lässt mein Herz höher schlagen: Ein freier Tisch – und das, an einem Freitagabend! Kaum stehen wir im Türrahmen, komplimentiert uns jedoch das Kopfschütteln des Kellners wieder hinaus: Es ist gerade mal zwanzig vor Zehn – aber zu Essen gibt’s hier nichts mehr.

Ich kann’s nicht fassen – früher war das anders. Oder erliege ich nostalgischer Verklärung? Zum Glück gibt es noch andere Beizen in Bern. Nur ein paar Meter weiter das gemütliche Metzgerstübli. Ein Zettel an der Tür lässt uns wissen: Kein Platz. Auch um die Ecke, im Ratskeller, herrscht reger Betrieb. Gefühlte zehn Minuten stehen wir im Eingang und schauen dem Treiben zu. Man bedeutet uns zwar, dass die Küche noch arbeite, doch die Kellnerin macht einen derart erschlagenen Eindruck, dass wir uns ihrer schliesslich erbarmen und das Weite suchen.

Mein einstiges Lieblingsrestaurant Landhaus ist seit Ewigkeiten “wegen Renovation vorübergehend geschlossen”, also heissen die nächsten Trümpfe Krone und Webern. Beide Lokale verköstigen an diesem schicksalhaften Abend private Gesellschaften, was meinen Begleiter dazu veranlasst, über die Selbstgerechtigkeit der Berner zu schnöden, denen Gäste von auswärts nur lästig seien. „Commerce“ sage ich – aber auch dort ein Zettel. Langsam vergeht mir der Appetit.

Ins Lorenzini wollen wir nicht, Bindella haben wir in Zürich mehr als genug. Am Weg liegt noch der Goldene Schlüssel. Mittlerweile ist zehn Uhr vorbei, weshalb uns die ansonsten sehr freundlichen Kellner im geräumigen Lokal vor lauter Aufräumen gar nicht beachten. - Was schliesslich bleibt, ist der Halbelf-Uhr-Zug nach Zürich, Erschütterung über mein Bern, das mich so im Stich gelassen hat – und ohni Z’nacht ins Bett.

Stinklangweilig

Ein Wahlvormittag, der Mut macht: Die überwiegende Mehrheit der ParlamentarierInnen hat sich an ihre im Vorfeld bekannt gegebenen Überlegungen und Strategien gehalten und durch ihr eindeutiges Abstimmungsverhalten Ruhe und Klarheit geschaffen. Für einmal statt Ränke- und Machtspielchen politisches Verhalten, wie ich es mir von meinen VolksvertreterInnen eigentlich immer schon wünschte. Auf das ich aber kaum noch zu hoffen wagte.

Ein Desaster hingegen war die Bundesratswahl 2011 für die Medien. Zumindest für all jene, die nicht mehr unterscheiden können zwischen Unterhaltung und Information. Für sie ist der Spannungsgehalt eines Fussballspiels oder eines Tatortkrimis das Mass aller Dinge. „Stinklangweilig“, lautete in dieser Logik folgerichtig das vernichtende Fazit der Präsidentin der BundeshausjournalistInnen zur aktuellen Wahl.

Da nützte es auch nichts, dass die ModeratorInnen des deutschschweizer Fernsehens durch penetrantes Herbeireden die ach so wohltuend fehlende Spannung doch noch zu erzeugen versuchten. Fast hätten sie einem leid tun können, wie sie verzweifelt versuchten, die Sendezeit über die Runden zu bringen. – Als ihnen trotz aller Bemühungen keine neuen Fragen politischen Inhalts mehr einfielen und sie die alten zur Genüge wiederholt hatten, wechselte man in der Not vom Kriminal- ins Regenbogengenre und debattierte eingehend über ein so zentrales Thema wie das Krawattentragen.

Nun rächte sich, dass sich die BundeshausjournalistInnen in den letzten Jahren zu sehr daran gewöhnt hatten, dass Bundesratswahlen als wilde Räubergeschichten daherkamen, für welche die Akteure das Drehbuch auch gleich selber schrieben. Und sie – die JournalistInnen – das Ganze nur abzubilden brauchten.

Mikrofon hinhalten und Kamera drauf. Plattformen bieten für Politikerverlautbarungen, darin erschöpfte sich bereits im Vorfeld der Nationalrats- und Ständeratswahlen ein Grossteil der Medienarbeit. Nicht nur bei der SRG, die ihr gut dotiertes Wahlbudget für eine Werbesause auf dem Bundesplatz und in eigener Sache einsetzte, statt in Recherchen.

Für die Bundesratswahlen wurde das Ganze zusätzlich garniert mit immer neuen Spekulationen und Sandkastenspielchen darüber, wer eventuell mit wem welche Päckchen schnüren könnte. Bis zum Überdruss hat man mögliche und unmögliche Szenarien herbeigeschrieben und -geredet. Nur recherchiert hat (fast) keiner. Wie sonst ist zu erklären, dass Herr Zuppigers unrühmliche Vergangenheit erst letzte Woche und nur von der Weltwoche aufgegriffen wurde?

Heftig wurde im Nachhinein darüber spekuliert, warum gerade die Weltwoche diese Geschichte gebracht habe und welche strategischen Überlegungen zum plötzlichen Fall des Hinwiler Möchtegern-Bundesrats geführt haben mögen.

Viel beunruhigender finde ich jedoch die Frage, weshalb nur die Weltwoche und kein anderes Medium, kein einziger anderer Journalist im Umfeld der nominierten KandidatInnen recherchiert und Verfehlungen, wie sie Bruno Zuppigers Biografie zieren, an die Öffentlichkeit gebracht hat. Notabene bereits vor den eidgenössischen National- und Ständeratswahlen.

Die Giergesellschaft

Dieses Jahr dürfte Weihnachten für die Kinder gut betuchter Familien in der Schweiz besonders üppig ausfallen: Nebst Vermögenswerten von unbekanntem Ausmass, sollen für den lieben Nachwuchs vor allem Villen und Ferienhäuser gleich reihenweise unter dem Christbaum liegen.

Seit Wochen beklagen sich Ämter, sowie Advokatur- und Notariatsbüros in einschlägigen Regionen mit hoher Millionärs-Dichte darüber, dass sie dem Ansturm von verschreibungswilligen Klienten kaum gewachsen sind.

Der Grund für die plötzliche Schenklust der Reichen: Momentan werden Unterschriften für die Einführung einer nationalen Erbschafts- und Schenkungssteuer gesammelt. Bei Annahme der Initiative erhebt der Bund dereinst auf allen Nachlässen ab 2 Millionen Franken eine Erbschaftssteuer von 20 Prozent. Weil die Steuer bei Schenkungen rückwirkend ab dem 1. Januar 2012 fällig würde, wollen nun viele ihr Vermögen bis Ende Jahr an die Jungmannschaft überschreiben, um so die Steuer zu umgehen.

„Haben sie schon Millionen und Millionen und Millionen, klaun sie noch zehn Pfennig am Klosett“, zitiert die WOZ Georg Kreisler selig, und rechnet vor, dass laut Schweizer Vermögensstatistik die MultimillionärInnen in der Schweiz, die zwei und mehr Millionen Franken besitzen, ihr Vermögen allein von 2003 bis 2008 um 40 Prozent auf insgesamt 575 Milliarden Franken vermehrt haben.

Ein Grossteil dieser Vermögenswerte stammt bereits aus steuerfreien Erbschaften und daraus resultierenden Kapitalgewinnen. – Wer hat, dem wird gegeben – nirgends bestätigt sich das alte Sprichwort so eindeutig, wie wenn es ums Erben geht.

Viele die haben, finden das auch gut so. Sie schreiben von Abzockerei oder Neidkultur, wenn es um die Erbschaftssteuer geht. Völlig absurd ist die Behauptung von NZZ-Gastkolumnist René Scheu, man habe es hier mit einer brisanten fiskalpolitischen Konstellation zu tun: „Eine Mehrheit der von der Initiative nicht tangierten Steuerzahler bestimmt über eine Minderheit von Steuerzahlern, indem sie diese grosszügig zur Kasse bittet.“ Scheu seinerseits akzeptiert den Staat bloss als Beschützer von Eigentum, nicht aber als Garant für sozialen Ausgleich und mehr Gerechtigkeit.

Eine Entwicklung zurück zum Feudalstaat, die in den letzten Jahren verstärkt zu beobachten ist: Noch und noch werden Gesetze, Abkommen und Vereinbarungen zugunsten der Reichen und Reichsten revidiert – dazu gehört unter anderem auch die Abschaffung der Erbschaftssteuern in den meisten Kantonen. Eine Wiedereinführung auf nationaler Ebene, mit der unter anderem die AHV gestützt werden könnte, hat nichts mit Neid zu tun, sondern ist ein dringendes Gebot der Stunde.

Es gibt übrigens auch „tangierte Steuerzahler“, die das so sehen. So wie sich jüngst in den USA Millionäre dafür einsetzen, dass ihresgleichen markant höhere Steuern bezahlen, um den Staat zu retten, gibt es auch in der Schweiz reiche Menschen mit Herz und Verstand. So erhielt ein Finanzberater auf die Frage, was sein Klient erbtechnisch auf Ende Jahr zu tun gedenke, die glasklare Antwort: „Es gibt keine Steuer, die sozial so gerechtfertigt ist, wie die Erbschaftssteuer – deshalb werde ich nichts unternehmen, um sie zu umgehen.“

Ökologie als Dessert

Rohstoffhunger und Energieverschleiss führen in die Katastrophe. Vor dieser Tatsache kann heute kein auch nur einigermassen informierter Mensch mehr die Augen verschliessen – würde man denken.

Doch weit gefehlt: Markus Spillmann zum Beispiel, seines Zeichens Chefredaktor der NZZ, unterscheidet zwischen „ökologisch Wünsch- und ökonomisch Vertretbarem“, wenn es um die Energiewende geht. Nach dem Motto: Wirtschaft über alles – und wenn wir uns ein Dessert leisten können, gibt’s noch ein wenig Ökologie.

Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass solches Denken buchstäblich verkehrt ist: Als Folge des weltweiten Wirtschaftens übernutzen wir heute die natürlichen Ressourcen dermassen, dass es eineinhalb Erden brauchen würde, um den Bedarf nachhaltig zu decken. Tendenz steigend. Ganz zu schweigen von den endlichen Rohstoffen wie Öl, Kohle oder Mineralerzen, die eines Tages aufgebraucht sein werden.

Das Problem ist längst erkannt. Bereits vor 40 Jahren zeigte der Club of Rome, dass die Rechnung nicht aufgehen kann. Die Geschichte ist eigentlich simpel: Unser Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum gründet, steht im Widerspruch zu den real existierenden Bedingungen auf der Erde, deren Ressourcen nicht endlos regenerierbar sind.

Trotzdem halten konservative Ökonomen bis heute am Wachstums-Dogma der Wirtschaft fest. Auch ihre Geschichte ist simpel: Wohlstand braucht Wirtschaft, Wirtschaft braucht Wachstum und dieses Wachstum braucht Energie, Rohstoffe und generiert Kollateralschäden. Der Haken: Wenn das Klima zu heiss, die Umwelt zu kaputt und die Rohstoffe zu Ende sind, ist auch die Geschichte dieser Ökonomie am Ende. Schon heute steht fest: Ein Happy-End wird das nicht.

Der Prozess ist längst im Gang – und fordert laufend Opfer: Wo einst Fischerdörfer die Gestade des Aralsees bevölkerten, breitet sich heute eine lebensfeindliche Salzwüste aus. Abholzung, Übernutzung von Böden, Verschmutzung von Gewässern führen zu Erosion, Ernteeinbussen, Vergiftung und Zerstörung von Lebensräumen. Infolge radioaktiver Verstrahlung müssen riesige Landstriche zu Sperrzonen erklärt werden.

All dies sind Folgen von wirtschaftlichem Handeln – die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Ob Hungersnot in Somalia, Überschwemmungen in Bangkok oder radioaktive Verstrahlung in Fukushima – tagtäglich erreichen uns Nachrichten, die zeigen, wie sehr wir Menschen von unserer Umwelt abhängig sind.

Zum Glück gibt es heute eine wachsende Anzahl kluger Köpfe, die neue Wege weisen. So untersucht z.B. der britische Umweltökonom Tim Jackson in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“, wie eine künftige Wirtschaft, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist, aussehen könnte. Und ein wissenschaftliches Beratergremium der deutschen Regierung publizierte unter dem Titel „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Grosse Transformation“ eine eindrückliche Studie, die Schritt für Schritt aufzeigt, dass die drohende Katastrophe abgewendet werden kann. Allerdings nur, wenn sofort und dezidiert gehandelt wird. Das ist weder einfach noch billig – aber machbar.

Solche Lektüre wäre allen Politikern, Wirtschaftsbossen und auch Chefredaktoren zu empfehlen. Denn Ökologie als blosses Wunschprogramm zu sehen, können wir uns nicht mehr leisten.